Jürgen W. Möllemann nahm sich vor zehn Jahren das Leben. Nun ist ein unbekannter Brief des FDP-Politikers aufgetaucht. Das Schreiben ist an seinen Freund Wolfgang Kubicki adressiert und wirft erneut Rätsel auf.

Am 5. Juni, auf den Tag genau zehn Jahre nach dem Freitod von Ex-Vizekanzler Jürgen W. Möllemann, wirft ein bisher unbekannter Brief neue Fragen auf. Der Politiker vertraute das zweiseitige Dokument seinem Freund und FDP-Parteikollegen Wolfgang Kubicki an mit dem Hinweis, den braunen Kuvert erst nach seinem Freitod zu öffnen. Das berichtet die "Bild"-Zeitung unter Berufung auf den Brief selbst, der der Redaktion vorliegen soll.

Der verstorbene Politiker beschreibt in dem Dokument, das eine Mischung aus Abschiedsbrief und Testament ist, zunächst seine schlechte Verfassung. Möllemann schreibt dem Fraktionsvorsitzenden der schleswig-holsteinischen FDP: "Meine innere Unruhe, über die ich Dir berichtet habe, veranlasst mich, Dir für den angesprochenen Fall vertraulich Folgendes zu schreiben."

Nach FDP-Aus war Möllemann in schlechter Verfassung

Der "Bild"-Zeitung erzählt Kubicki: "Er rief mich in Kiel an und bat mich, so schnell wie möglich nach Hamburg zu kommen." Die beiden trafen sich im Hotel "Élysée". Dort habe Möllemann einen sichtlich angeschlagenen Eindruck gemacht. "Er fühlte sich verfolgt und beobachtet. Er dachte, man wolle ihm ans Leder."

Jürgen W. Möllemann hatte sich zur selben Zeit mit seiner Partei überworfen. Der Politiker hatte zur Bundestagswahl 2002 auf eigene Kosten einen antisemitischen Flyer gedruckt. Daraufhin folgte der Ausschluss aus der FDP. Später bereitete die Steuerfahndung eine Hausdurchsuchung wegen eines Kontos in Liechtenstein vor. Möllemann habe rund vier Millionen Euro aus Provisionsgeschäften verdient und auf dem besagten Konto gelagert.

Ehefrau Carola als Erbin vorgesehen

In seinem Abschiedsbrief benenne der verstorbene Politiker seine Ehefrau Carola als Erbin. An sie ginge auch das gemeinsame Konto bei der Banco Santander auf Grand Canaria. Auf der drittgrößten Kanarischen Insel bewohnte das Ehepaar ein Ferienhaus.

Wie die "Bild" weiter berichtet, erwähnt Möllemann Geschäfte in Teheran und Turkmenistan, sowie Dokumente, die er bei Freunden deponiert haben soll. Auch ein Konto mit 1,2 Millionen Euro in Luxemburg wird aufgezählt. Von diesem Konto habe der verstorbene Politiker die Flyer-Aktion bezahlt. "Das Konto in Luxemburg ist ausschließlich meines."

An seinen Freund Kubicki gerichtet schrieb Möllemann: "Ich danke Dir sehr, mein Freund, dass Du, wenn nötig, Carola und den Töchtern bei der Bewältigung der wirtschaftlichen/rechtlichen Fragen hilfst." Kubicki habe den Brief noch am Abend des Todestages aus seinem Safe geholt. Das Dokument ließ ihn ratlos zurück. "Ich hatte in dem Brief mit Hinweisen darauf gerechnet, von wem er sich bedroht und verfolgt fühlte. Und was die Gründe dafür waren." Unbeantwortet blieb jedoch die Frage: Warum datierte Möllemann den Brief auf ein viel früheres Datum, nämlich den 17. Mai 2003?

Kubicki kritisiert FDP

Kubicki trauert heute noch um seinen Freund. Der "Bild"-Zeitung sagt er: "Er war der humorvollste und mitreißendste Mensch, den ich kennengelernt habe. Er konnte wie kein anderer damals in der FDP die Menschen begeistern. Wie es heute auch keiner mehr kann."

Besonders kritisch sieht das Mitglied des FDP-Präsidiums die Haltung seiner Partei im Fall Möllemann: "Da wurden wesentliche Grundsätze verletzt – ich denke dabei nur an die Unschuldsvermutung und den Stil." (kom)