Der Fall hat weltweit für Bestürzen gesorgt: In Kalifornien hatten Eltern ihre 13 Kinder eingesperrt, hungern lassen und teilweise angekettet, wie kürzlich bekannt wurde. Nun meldet sich Natascha Kampusch zu Wort: Sie findet, die US-Behörden sollten den Kindern nicht verbieten, ihre Eltern in Haft zu besuchen.

Mehr Infos zu Natascha Kampusch

"Es ist schrecklich. Wie können Eltern nur so etwas tun?" Natascha Kampusch, die selbst nach ihrer Entführung in Wien ein achtjähriges Martyrium durchmachte, findet kaum Worte für den unfassbaren Fall der Familie Turpin in Kalifornien, der kürzlich aufgedeckt wurde.

Die 13 Kinder, zwischen zwei und 29 Jahren alt, hatten nicht einmal ansatzweise eine Vorstellung von einem normalen Leben. Fast nie durften sie das Haus verlassen, die Eltern misshandelten sie über Jahre, ketteten sie ans Bett in einem stickigen Raum, aßen vor ihren Augen und ließen sie hungern, verboten ihnen zu duschen und gaben ihnen nichts zum Spielen.

"Ich kann mir vorstellen, was die Kinder durchgemacht haben, aber ich kann mir nicht vorstellen, warum Menschen solche Dinge tun", sagte Kampusch nun dem "Daily Telegraph".

Verzeihen oder für immer hinter sich lassen

Die US-Behörden, die nach der Verhaftung der Peiniger den Kontakt zwischen Kindern und Eltern untersagten, kritisiert Kampusch. Die 29-Jährige hält es für wichtig, dass die Kinder die Eltern sehen können: "Sie werden einen Weg finden müssen, ihnen entweder zu verzeihen oder sie hinter sich zu lassen", meint sie.

Diese Möglichkeit zu haben, würde den Opfern helfen, mit der Situation umzugehen und stabiler zu werden.

Kampusch selbst konnte ihren Entführer Wolfgang Priklopil nach ihrer Flucht im Jahr 2006 nicht mehr mit seiner Tat konfrontieren: Er beging Selbstmord, nachdem sie den Weg in die Freiheit gefunden hatte.

"Die Kinder werden einen Schlussstrich ziehen müssen, um nach vorne schauen zu können. Also ja, sie brauchen die Gelegenheit, ihre Eltern zu sehen. Auch wenn nur, um ihnen zu sagen: 'Ich hasse euch, ihr seid Monster'", betont Kampusch.

Natascha Kampusch: "Ich musste es alleine schaffen"

Wenigstens hätten die Geschwister einander, sagt Kampusch: "Sie können diese Last gemeinsam tragen. Sie haben mehr Möglichkeiten, um sich zu schützen. Ich musste es alleine schaffen."

Wie wichtig nun eine gute Betreuung für die 13 Opfer in Kalifornien sein wird, weiß sie aus eigener Erfahrung. Bei ihr sei es damals bei aller Hilfestellung nicht gut gegangen.

"Die Polizei hatte eigene Psychologen für Krisenmanagement – für Mordfälle und die Opfer von Unfällen und Gewaltverbrechen. Aber sie waren nicht darauf vorbereitet und hatten auch keine Erfahrungen damit, mit Menschen in meiner Situation umzugehen, deshalb hat es für mich nicht funktioniert", erklärt sie.

Kampusch ergriff schließlich die Initiative und suchte sich selbst einen Kinderpsychiater. Nach zwei Jahren Therapie hatte sie das Gefühl, auch ohne ihn zurechtkommen zu können.

Dennoch brach sie die Behandlung nicht ab: "Es gab so viele andere Probleme - etwa die große Medienaufmerksamkeit und die Verschwörungstheorien - also habe ich mich dafür entschieden, weiter zur Therapie zu gehen, bis heute." (af)

Die Eltern der 13 gefangengehaltenen Kinder im kalifornischen Perris weisen ihre Schuld an den Foltervorwürfen zurück