Auch mehr als zehn Jahre nach ihrer Flucht macht Natascha Kampusch Schlagzeilen: Die heute 29-Jährige erhebt in einem aktuellen Interview Vorwürfe gegen die Polizei: Sie spricht von Ermittlungspannen und kritisiert, es sei "nicht gut genug" nach ihr gesucht worden.

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Es lasse sich nicht mehr ändern - und sie akzeptiere es. Das sagt Natascha Kampusch in einem aktuellen Interview mit der "Bunten".

Was sie damit meint: nicht nur ihr schreckliches Schicksal, mit zehn Jahren entführt worden zu sein. Sie spielt auch auf ein Versagen der Polizei an, das ihrer Ansicht nach zu ihrer achtjährigen Gefangenschaft führte.

Und sie bezieht sich auf den Umgang der Menschen mit ihrem Schicksal: Immer wieder wird Natascha Kampusch angefeindet, immer wieder hagelt es Kritik, sie würde nur ins Rampenlicht drängen.

"Ich kann nicht ändern, wie andere Leute damit umgegangen sind", sagte sie im Gespräch mit der "Bunten". "Ich kann nicht ändern, dass die Polizei nicht gut genug gesucht hat oder dass diverse Ermittlungspannen passiert sind. Ich kann's nicht ändern und ich weiß nicht um die exakten Motive eines jeden einzelnen, aber ich akzeptiere es."

Der Vorwurf der Ermittlungspannen in der Causa Kampusch ist nicht neu: Zuletzt hatte 2016 der Politiker Peter Pilz ein ausführliches Dossier dazu verfasst und ein kritisches Urteil über Polizei und Regierung gefällt.

Kampusch: Abschied "ein wenig schmerzvoll"

In dem Interview kommen auch Erinnerungen in Kampusch hoch: wie etwa ihr Entführer manchmal den Strom oder die Belüftung in ihrem Verlies abstellte.

Erinnerungen, die freilich auch wiederkehren, wenn sie das Haus ihres Entführers Wolfgang Priklopil besucht, das heute ihr gehört. Abreißen lassen will sie es nicht, das Verlies ließ sie aber zuschütten.

Es sei "ein wenig schmerzvoll" gewesen, davon Abschied zu nehmen. Schließlich sei es "ihr Raum" gewesen: "Immerhin war das Verlies auch ein Ort meines Rückzugs in dem Sinne, dass ich dort vollkommen alleine sein konnte, ohne von ihm traktiert zu werden. Ich konnte lesen und mich fortbilden."

Allerdings: "Als ich das letzte Mal dort war, war es für mich irgendwie viel schlimmer und schrecklicher hineinzugehen. Von außen betrachtet ist es nämlich der pure Horror. Diese Betonwand und dieser kleine, enge Raum und die Vorstellung, darin ersticken zu können."

Das sei ihr in den Jahren der Gefangenschaft nicht mehr so bewusst gewesen, "weil ich es ja zum Alltag machen musste".

Priklopils Mutter "trifft keine Schuld"

Kampusch, die ihre Zeit nun damit verbringt, Schmuck zu designen, hat ein Ziel: "Ich möchte mich auf jeden Fall mein ganzes Leben für andere Menschen einsetzen."

Auf welche Weise, scheint noch unklar: "Ich werde sehen, wo es mich da hinverschlägt", sagte sie zur "Bunten". "Ich bin für alles offen."

Mitgefühl zeigte sie mit der Mutter ihres Entführers Wolfgang Priklopil. Die Frau treffe keine Schuld, denn seine Kinder könne man sich nicht aussuchen: "Kinder kommen so zur Welt, wie sie sind, mit den Anlagen, die sie haben. Man kann sie erziehen, aber die äußeren Umstände kann man oft nicht mit beeinflussen, und die Entwicklung des einzelnen Individuums auch nicht."

Interview löst Flut von Kommentaren aus

Das Interview löste prompt eine Welle von hasserfüllten Kommentaren auf Facebook aus. "Wenn Sie immer noch traumatisiert ist, dann soll sie bitteschön fachliche, ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen", postete etwa ein Nutzer. "Presse gehört sicherlich dazu nicht, ohne den Beigeschmack, sich mal wieder ins Gespräch bringen zu wollen."

Andere nehmen das Entführungsopfer in Schutz: "Schämt euch für solche Worte!", schreibt eine Userin. Eine andere fragt, wo denn eigentlich die Sensibilität bleibe und das Verstehen, "was es eigentlich bedeutet, dieses durchgemacht zu haben, was Natascha durchgemacht hat".

Lächerlich findet die Frau vor allem den immer wiederkehrenden Vorwurf, Kampusch hätte sich bei einem Skiausflug mit Priklopil doch befreien können: "Typisch für Menschen, die keine Ahnung haben, was Kinder durchmachen, die jahrelang systematisch eingeschüchtert werden, wie auch Kinder, die (...) sexuell missbraucht werden." (af)

Natascha Kampusch meistert ihren Alltag - doch normal wird er wohl nie sein. In einem aktuellen Interview erzählt sie, wie es ihr geht und welches Geräusch sie bis heute zusammenzucken lässt.