Im August jährt sich die Flucht von Entführungsopfer Natascha Kampusch zum zehnten Mal. Für eine ORF-"Thema"-Spezialsendung besuchte die 28-Jährige mit dem Kamerateam das Haus, in dem sie festgehalten wurde - und sprach über Vergangenheit und Zukunft.

Die damals zehnjährige Natascha Kampusch wurde 1998 von Wolfgang Priklopil entführt und in seinem Haus gefangen gehalten. Zunächst musste sie in einem Kellerverlies bleiben, wo er mit Methoden wie Dunkelheit und Nahrungsentzug versuchte, ihren Willen zu brechen.

Später ließ er sie auch nach oben ins Haus, um dort Arbeiten zu verrichten. Nach achteinhalb Jahren Gefangenschaft gelang Kampusch am 23. August 2006 die Flucht. Priklopil warf sich vor einen Zug.

Ein Haus als Fluch

Das Haus in Strasshof, östlich von Wien, hat Kampusch als Entschädigung zugesprochen bekommen. Sie berichtet, dass sie sich dort ungefähr einmal alle zwei Monate aufhält, wenn beispielsweise Strom oder Wasser abgelesen werden müsse oder Reparaturen anfallen. Das Verlies musste 2011 auf Anordnung der Gemeinde zugeschüttet werden – auf ihre Kosten.

Für Kampusch ist das Haus ein Fluch. Sie ist nicht gerne dort, fühlt sich unwohl. Dennoch sieht das Haus noch immer fast so aus wie damals - während ihres Martyriums. Zwar wolle sie das Haus ausräumen, aber das geht nur langsam voran.

Reporter Christoph Feurstein fragt, ob es Kampusch schwerfalle, sich von Gegenständen zu trennen. "Das hat vielleicht manchmal so den Anschein", wägt sie ab, "aber es ging eher drum, das Ganze noch so zu lassen, damit man sich noch besser erinnern kann – als Gedächtnisstütze, damit es noch da ist, um es zu bewältigen."

Erinnerungen aus der Gefangenschaft

Während Kampusch Feurstein durch das Haus führt, erinnert sie sich an ihre Gefangenschaft: die Hausarbeiten, gemeinsame Essen mit ihrem Entführer, die Sicherheitsanlage am Haus, von der Priklopil behauptete, sie sei mit Sprengfallen ausgestattet.

Am Wochenende kam immer Priklopils Mutter zu Besuch. Zuvor musste Kampusch deren Zimmer putzen. Ihren Peiniger bezeichnet sie als "Muttersöhnchen" - und als jemanden, der einerseits ein Vorzeigesohn sein und sich dennoch gleichzeitig emanzipieren wollte.

Ob es denn auch schöne Erinnerungen aus dieser Zeit gibt, will Feurstein wissen. "Das waren Kleinigkeiten", meint sie. "Wenn ich etwas mehr aus dem Fenster schauen durfte, oder wenn ich eine Blume oder eine Meise entdeckt habe im Garten, oder wenn ich meine Sachen frisch gewaschen bekommen habe."

Ungefähr ab 2004 sollte sie auch neben dem Entführer schlafen, mit Kabelbinder an ihn gefesselt. Er hatte offenbar die Vorstellung, sie irgendwann zu seiner Frau machen und sie später - mit falschen Papieren ausgestattet - heiraten zu können. Sie spielte zum Schein mit, um sich Fluchtmöglichkeiten offenzuhalten.

"Es verletzt den Stolz"

Feurstein fragt, warum sie nie über sexuelle Kontakte mit dem Täter sprach. "Das ist ja klar, das ist etwas Privates. Die meisten Leute sprechen nicht über das, nicht mal im Freundes- und Bekanntenkreis", erklärt Kampusch. "Und wenn so schlimme Sachen passieren, redet man natürlich überhaupt nicht gerne über so etwas."

Priklopil machte auch Videos von Natascha – bei Hausarbeiten beispielsweise, oder wie sie stundenlang eine Treppe auf- und ablief - gezwungenermaßen. Auch darüber will sie nicht reden, "weil ich dort angeschlagen, mit Glatze, zu sehen bin, in seltsamer Kleidung. Das ist einfach nicht würdevoll, es verletzt den Stolz."

Sie klagte – vergeblich – gegen den Journalisten Peter Reichard, der diese unter Verschluss gehaltenen Videos in einem Buch beschreibt. "Ich frage mich: Ist es das wert? Wieviel werden die denn damit verdienen?", fragt Kampusch. "Es ist einfach ein Bloßstellen, und damit setzt er sich für mich auf die gleiche Stufe wie der Entführer."

"Gefängnis der Urteile und Verurteilungen"

Nun ist Kampusch bei ihrer Familie. Entgegen der anderslautenden Berichte in der Presse hat Kampusch regelmäßigen Kontakt sowohl zu ihrer Mutter Brigitta Sirny als auch zu ihrem Vater Ludwig Koch.

Sirny erzählt nun, wie schwierig die Zeit der Entführung war – nicht zuletzt, weil sie von den Nachbarn geschnitten oder in den Berichten teilweise gar als Mörderin bezeichnet wurde. Sie erzählt, dass sie ihre Wohnung behielt, weil ihre Tochter im Falle einer Flucht vielleicht den Weg nach Hause wiederfinden würde.

Während das Beisammensein mit Mutter, Schwester und Nichte einen harmonischen Eindruck macht und Schwierigkeiten eher darin bestehen, dass Kampuschs Mutter sie bei ihrer Rückkehr vielleicht zu stark bemuttern wollte, ist die Beziehung zum Vater problematischer. Kampusch meint, dass es einige Dinge gäbe, die "unverzeihlich" seien – "diese ganzen In-Zweifel-Stellungen, dass das alles so war, wie es war".

Vater Koch glaubt nicht daran, dass Priklopil alleine gehandelt hat. "Ich kann nicht an die Ein-Täter-Theorie glauben. Wenn sie glaubt, es war nur ein Täter – das kann ja möglich sein", erklärt er in ihrem Beisein. Etwas irritiert widerspricht sie leise: "Ich weiß es."

Auch in den Medien wird über die Umstände der Entführung spekuliert - seit Jahren. Teilweise wurde sogar gemutmaßt, sie habe ihre Entführung selbst inszeniert; die FPÖ mutmaßte Geschichten von einem Kind, das sie in der Gefangenschaft bekommen und umgebracht haben soll. "Es war auch ein Gefängnis, in das ich da wieder zurückgekehrt bin", erklärt Kampusch. "Ein Gefängnis der Urteile und Verurteilungen. Ein Gefängnis der Gesellschaft."

Kampuschs Zukunft und Pläne

Mittlerweile blickt Natascha Kampusch aber in die Zukunft - und beschäftigt sich damit. Sie nimmt Gesangsunterricht, reitet, bastelt Schmuckstücke als Hobby. 2008 hat sie den Hauptschulabschluss gemacht und will nun auch die Matura nachholen. Sie setzt sich sozial ein, will sich in der Flüchtlingshilfe engagieren.

Therapie spiele weiterhin eine wichtige Rolle in ihrem Leben, erklärt sie – "nicht aus dem Grund, dass ich sonst keine Lebensperspektive hätte oder dass ich nicht wüsste, wie ich mein Leben gestalten soll oder wo ich hin soll mit meinen Emotionen. Therapie ist einfach so toll, weil man da in die vielen Räume des eigenen Bewusstseins schauen kann."

Ob sie schon bereit für eine Beziehung sei, fragt Feurstein. "Vielleicht hat das nichts mit der Zeit zu tun oder mit der Gefangenschaft, auch nicht mit meinem Alter, sondern nur etwas mit mir – ob ich dazu bereit bin", überlegt sie. "Ich denke, ich bin schon ein Mensch, der beziehungsfähig ist." Allerdings hätten andere oft Schwierigkeiten im Umgang mit ihr und würden sie als ewiges Kind sehen.

Ein Ziel, das Natascha Kampusch noch hat: "Noch mehr zu sich selbst stehen, unabhängig davon, was andere Leute für Bedürfnisse haben." Daran arbeitet sie. Und einfach zu leben: "Ich darf da sein, ich darf leben, ich darf mich entfalten."