"10 Jahre Freiheit" heißt das Buch, das Natascha Kampusch zum Jubiläum ihrer Flucht herausbringt. Es ist eine packende Abrechnung mit ihren Kritikern - und gibt Einblick in die Seele einer Frau, die auch nach ihrer Gefangenschaft unzählige Narben davongetragen hat. Eine Buch-Rezension.

Eine Kritik
von Florian Schauer-Bieche

Am 12. August veröffentlicht Natascha Kampusch ihr neues Buch: "10 Jahre Freiheit" (List Verlag) erscheint fast auf den Tag genau ein Jahrzehnt, nachdem ihr die Flucht aus den Fängen ihres Entführers gelungen ist.

28-Jährige gibt im ORF intime Einblicke in ihre Vergangenheit.

Kritische Stimmen zu Kampusch-Buch

Und prompt werden Stimmen laut: "Wen soll das noch interessieren? Haben wir denn keine anderen Probleme?" Diese vielen Stimmen voller Hass, Neid und Missgunst, die der heute 28-Jährigen in den vergangenen Jahren entgegenschlugen - und es teils noch immer tun -, werden wieder laut.

"10 Jahre Freiheit" ist ein starkes Antwortschreiben auf alle Hypothesen, Fragen und kruden Behauptungen, die sich in der Vergangenheit verbreitet haben.

Dass sich der Text stellenweise wie ein Transkript von Therapiesitzungen liest, braucht nicht zu verwundern. Denn was das Buch ganz bestimmt nicht ist: oberflächlich.

Kampusch geht - so detailliert wie es vor aller Welt eben möglich ist - auf die Ereignisse der vergangenen Jahre ein. Sie zieht Parallelen zwischen den Erfahrungen in ihrer Gefangenschaft und ihrem heutigen Verhalten und versucht, dem Leser annähernd ein Verständnis ihrer Situation zu vermitteln.

Priklopil war Hitler-Fan

Sie schildert, wie sie sich motiviert hat, durchzuhalten, als sie wiederholt mit Nahrungs- oder Wasserentzug bestraft wurde. Sie beschreibt, wie Wolfgang Priklopil – den sie im Text übrigens nur "der Täter" nennt – die perfekte Hausfrau aus ihr machen wollte, ganz entsprechend des Frauenbildes unter den Nazis, weil er ein großer Fan des "Führers" war.

Sie erläutert aber ebenso, weshalb es nicht einfach ist, diese acht Jahre aus ihrem Leben zu streichen. Auch wenn sie schrecklich waren. Oder den Mann zu vergessen, der sie in dieser Zeit unter Zwang an sich gebunden hatte.

Schwierige Familiensituation für Natasche Kampusch

Ein ganz großes Thema in "10 Jahre Freiheit": Natascha Kampuschs Familie und die Eltern-Kind-Beziehung. Sie beschreibt ihre Mutter und ihren Vater aus einer sehr distanzierten Sicht, bewusst kühl. Sie versucht, sie zu schützen und ihr Verhalten zu entschuldigen, um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen – so wie es Medien und Verschwörungstheoretiker zur Genüge getan haben.

Kampusch beschreibt, wie schwierig es war, sich ihrer Mutter nach den langen Jahren der Gefangenschaft zu nähern, das Gefühl der Fremdheit auszublenden und ein Familienleben im Fokus der Öffentlichkeit aufzubauen.

Der Hass der anderen

Über viele Seiten liest sich der Text wie eine kritische Abhandlung über das Verhalten von Medien und Gesellschaft. Denn sie erzählt auch von unglaublichem Hass, der ihr von Wildfremden entgegenschlug, die in ihrer Gegenwart Witze rissen oder Drohbriefe schrieben. Das ging so weit, dass sie sich nicht mehr in der Öffentlichkeit bewegen konnte, weshalb sie heute fast nichts mehr im Geschäft kauft, sondern alle ihre Sachen selbst näht.

Kampusch beschreibt die vielen Versuche, sich in die Gesellschaft einzugliedern, eine Aufgabe zu finden, einen Beruf, und sich so zu verhalten, wie es ihrem Alter entsprechend erwartet wird. Doch sie fühle sich weder jung noch alt, schreibt sie, und findet: Sie hänge irgendwie zwischen den Zeiten.

Kampuschs Abrechnung mit den Kritikern

Das gesamte Buch wirkt wie zwischen den Zeiten. In einer sehr unaufdringlichen Weise gibt es Einblick in eine Gefühlswelt, die 99 Prozent der Menschen glücklicherweise nie kennen lernen müssen.

Es wurde geschrieben für alle Kritiker, die in der öffentlichkeitswirksamen Inszenierung von Kampusch nur einen Geltungsdrang sehen. Und für alle Verschwörungstheoretiker und Hobby-Psychologen, die hier ein "abgekartetes" Spiel erkennen wollen, Kampusch gar als Komplizin verunglimpfen. Kurzum: für all die, die es sich herausnehmen, über einen Menschen zu urteilen, dem acht Jahre seines Lebens, seiner Freiheit, seines Willens und seiner Jugend geraubt wurden.

"10 Jahre Freiheit" ist eine beklemmende Gesellschaftskritik – mit unermesslich traurigem Hintergrund.