(af/ncs) - Die Causa Kampusch bleibt nicht nur rätselhaft, sondern droht sich langsam zu einem einzigen Mysterium auszuwachsen. Immer wieder neue Zweifel tauchen auf - nun sogar an Aspekten des Falles, die restlos geklärt schienen. Die neueste Vermutung, die ein Schweizerisches Online-Portal angeblich mit jüngst aufgetauchten Dokumenten untermauern kann: Der Selbstmord von Entführer Wolfgang Priklopil soll inszeniert worden sein.

Priklopil warf sich - an dieser offiziellen Version gab es bis jetzt keinen Zweifel - nach Natascha Kampuschs Flucht im August 2006 vor einen Zug. Recherchen des Portals "20min.ch" zufolge gibt es aber mehrere Ungereimtheiten an dieser Version.

Erstens: Chefermittler Franz Kröll - der im Juni 2010 selbst Selbstmord beging - soll bereits 2009 geäußert haben, dass die Lage der Leiche für ihn "inszeniert" gewirkt habe: Der unversehrte Körper lag auf der einen, der Kopf auf der anderen Seite der Schiene. "20min.ch" hat dazu sogar ein verfremdetes Foto der Leiche des Entführers veröffentlicht. Für einen derartigen Selbstmord handle es sich um untypisch "geordnete" Positionen der Leichenteile.

Mysteriöser Abschiedsbrief

Als weitere Ungereimtheit wird Priklopils Abschiedsbrief angeführt, der nur ein Wort enthielt: "Mama". Laut graphologischen Gutachtern soll die Schrift weniger der Priklopils ähneln als vielmehr der jenes Mannes, der immer wieder als möglicher Mittäter gehandelt wird: Ernst H.

"20min.ch" hatte erst vor kurzem einen Enthüllungsbericht zu Priklopils Grab gebracht, nach dem der Täter im Grab der Familie von Ernst H. bestattet worden sein soll, was die Mittäter-Theorie weiter anheizte.

Merkwürdig erscheint dem Ex-Präsidenten des Obersten Gerichtshofes in Wien, Johann Rzeszut, angeblich die Kürze des Briefes: "Ein 40-jähriger Mann, der sich von seiner Mutter verabschieden will, schreibt mindestens einen oder zwei Sätze, in denen er sagt: 'Ich kann nicht mehr, es tut mir leid, danke für alles' oder so was in der Richtung", wird er auf dem Portal zitiert.

Nicht alle Zeugen befragt?

Die dritte Ungereimtheit: Laut "20min.ch" wurde der Zugbegleiter, der Priklopils Leiche fand, nie als Zeuge befragt. Könnte die Leiche wirklich erst nach der Vollbremsung des Zuges auf die Gleise gelegt worden sein? Wichtige Beweismittel dafür fehlen: Etwa sei dem Toten kein Blut entnommen worden, um es auf Gift hin zu untersuchen. Seine Leiche wurde auf Wunsch von Ernst H.s Schwester schließlich verbrannt.

Karl Kröll, der Bruder des Chefermittlers, wird auf dem Online-Portal unverhohlen mit dem gewagten Verdacht zitiert: "Ich glaube, dass Ernst H. den zweiten Täter beseitigen musste, denn Priklopil hätte vielleicht etwas erzählt." Für Ernst H. gilt die Unschuldsvermutung. Die Causa Kampusch will wohl noch lange nicht abgeschlossen sein.