Berlin (dpa) - Der schwerste Orkan seit mehr als zehn Jahren in Deutschland hat am Donnerstag mehrere Menschen das Leben gekostet und den gesamten Fernverkehr der Bahn lahmgelegt. Züge würden aus Sicherheitsgründen nicht mehr losfahren, sagte ein Bahnsprecher am Nachmittag in Berlin.

Am Freitag soll der Verkehr wieder anrollen, in manchen Regionen jedoch zunächst nur mit Einschränkungen.

Im Sturm "Friederike" kamen bis zum Abend bundesweit mindestens sechs Menschen ums Leben. Vielerorts wurde zeitweise Windstärke 12 und mehr gemessen. In einigen Bundesländern fiel der Schulunterricht aus. Auch mehrere Flughäfen strichen aus Sicherheitsgründen Flüge. Im Norden machte zudem regional Schneeglätte Autofahrern zu schaffen.

Das Tief, das von Westen her über Deutschland fegte, ist laut dem Deutschen Wetterdienst (DWD) der schwerste Sturm seit dem Jahr 2007. Auf dem Brocken seien in der Spitze Orkanböen von 203 Stundenkilometer gemessen worden. "Damit haben wir elf Jahre nach Kyrill wieder einen Orkan der Königsklasse", sagte DWD-Sturmexperte Andreas Friedrich.

Im Tiefland wurden ebenfalls hohe Spitzen-Windgeschwindigkeiten erreichte. So stellte der DWD fast 138 km/h im thüringischen Gera fest, 134 Kilometer pro Stunde wurden im nordhessischen Frankenberg erreicht. Im Westen Deutschlands wurde am Nachmittag jedoch die Orkanwarnung wieder aufgehoben, nachdem der Sturm durchgezogen war.

Auf einem Campingplatz am Niederrhein bei Emmerich wurde ein 59-Jähriger von einem Baum erschlagen. Er sei sofort tot gewesen. In einer Sturmböe verlor im westfälischen Lippstadt ein Mann (68) bei einem Verkehrsunfall sein Leben. Der Transporterfahrer hatte im Orkan die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren und war in den Gegenverkehr geraten. Ein Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr starb bei einem Sturmeinsatz im sauerländischen Sundern.

In Bad Salzungen in Thüringen wurde ein Feuerwehrmann von einem umstürzenden Baum getötet. Sein Kollege wurde schwer verletzt.

Bei einem Unfall inmitten der Sturmböen kam im Süden Brandenburgs ein Lastwagenfahrer ums Leben. Das Fahrzeug war auf der Autobahn 13 (Berlin-Dresden) bei Ortrand nahe der Grenze von Brandenburg zu Sachsen in die Mittelleitplanke geprallt und umgestürzt. Nach ersten Ermittlungen der Polizei hat der Orkan den Unfall ausgelöst.

In der Nähe von Neubrandenburg starb eine 61-jährige Autofahrerin. Sie verlor sie südlich von Penzlin vermutlich wegen widriger Straßenverhältnisse und zu hoher Geschwindigkeit die Kontrolle über ihr Auto und schleuderte gegen einen entgegenkommenden Lastwagen.

Die Deutsche Bahn verteidigte ihre Entscheidung, erstmals seit "Kyrill" vor 11 Jahren vorsorglich den Fernverkehr in ganz Deutschland einzustellen. "Das ist eine notwendige Sicherheitsmaßnahmen, weil die Störungen durch den Sturm doch so gravierend sind, dass wir Fernzüge schlichtweg nicht mehr durchbekommen", sagte Bahnsprecher Achim Stauß.

Stauß fügte hinzu: "Es wäre fahrlässig, die Züge irgendwo, wo man noch fahren kann, noch fahren zu lassen und dann bleiben Hunderte Fahrgäste auf irgendeinem Bahnhof oder schlimmstenfalls auf freier Strecke hängen. Diese Situation müssen wir vermeiden und deshalb diese harte Entscheidung, den Fernverkehr komplett in Deutschland einzustellen." In zehn Fernbahnhöfen richtete die Bahn sogenannte Aufenthaltszüge ein, in denen gestrandete Reisende zur Not auch übernachten können.

Der Fahrgastverband Pro Bahn reagierte mit Kritik. Der Aufenthalt in Hotelzügen sei zwar besser, als unterwegs zu stranden, sagte der Pro-Bahn-Ehrenvorsitzende Karl-Peter Naumann. "Aber wenn ich weiß, dass die Strecke noch frei ist, sollte ich versuchen, die Leute noch nach Hause zu bringen. Das kann man mit reduzierter Geschwindigkeit machen."

Etwa 250 Reisende saßen längere Zeit in einem ICE in Südniedersachsen fest, der in einen umgestürzten Baum gefahren war. Die Passagiere sollten auf freier Strecke über Stege in einen anderen Zug umsteigen, der auf dem benachbarten Gleis halten soll. Der ICE war auf dem Weg von Hamburg nach Stuttgart gewesen.

Der Fernverkehr der Deutschen Bahn soll am Freitagmorgen nach und nach wieder anrollen. "Wir erwarten, dass bereits im Laufe des Vormittags alle Metropolen Deutschlands – mit Einschränkungen - wieder mit dem Fernverkehr erreichbar sein werden. Für das Wochenende erwarten wir einen weitgehend normalen Verkehr."

In Pößneck (Thüringen) wurde das Dach einer Schule abgerissen, in der sich noch Kinder befanden. Nach Angaben des Landratsamtes Saale-Orla-Kreis blieben bei dem Vorfall am Nachmittag alle Schüler unverletzt. Das Dach des Grundschulgebäudes landete auf dem Schulhof.

In Köln gab es eine stürmische Geburt. Dort brachte eine Frau ihr Baby in einem Auto zur Welt. Vater und Mutter waren am Donnerstagnachmittag zur Entbindung auf dem Weg in die Klinik, als eine sturmbedingte Straßensperrung die pünktliche Ankunft zunichte machte, berichtete die Feuerwehr. Der kleine Anton erblickte noch vor Ankunft von Rettungsdienst und Notarzt im Auto das Licht der Welt.

Vielerorts wurden Schulen ebenso geschlossen wie Zoos und einige Museen. Allein in Nordrhein-Westfalen mussten Feuerwehr- und Rettungsdienste laut Innenministerium bis zum Nachmittag zu mindestens 7000 Einsätzen ausrücken, Straßen freiräumen, Bäume beseitigen und Gebäude sowie demolierte Oberleitungen sichern.

Probleme bereiteten vor allem die zahllosen entwurzelten Bäume. Behörden warnten auch vor herabstürzenden Dachziegeln. In Gladbeck im Ruhrgebiet wurde ein Kindergarten geräumt, weil eine Dachkuppel abzustürzen drohte. Der Möbelmarkt Ikea in Kaarst bei Düsseldorf wurde wegen Schäden an der Fassade geräumt.

Donnerstag war exakt der 11. Jahrestag von "Kyrill". "Friederike" schlage "Kyrill", was die heftigste Böe angehe, hieß es. "Vor exakt 11 Jahren gab es 202 km/h auf dem Wendelstein", erinnerte der DWD auf Twitter. Jörg Kachelmanns Meteorologenteam betonte dagegen auf Twitter: "An einigen Stationen wurden zwar heute höhere Werte als bei "Kyrill" gemessen, aber von der Fläche war "Kyrill" ein ganz anderes Kaliber."

Auch in Deutschlands Nachbarländern wütete der heftige Sturm. In Belgien wurde eine Frau von einem Baum erschlagen. Zwei Menschen starben auch in den Niederlanden wegen umstürzender Bäume. Dort wurden auf Autobahnen und Fernstraßen durch den Sturm mehr als 60 Lastwagen umgeweht.

Verwüstete Wälder, Dutzende Tote und Schäden in Milliardenhöhe - mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde fegt Orkan "Kyrill" am 18. und 19. Januar 2007 über Europa hinweg. 47 Menschen sterben, elf von ihnen in Deutschland. Hierzulande fallen dem Naturereignis rund 75 Millionen Bäume zum Opfer, fast die Hälfte aller Schäden verzeichnet Nordrhein-Westfalen. Der hohe Norden bleibt weitgehend verschont.

Erstmals in der Geschichte der Deutschen Bahn steht der
Schienenverkehr fast völlig still, Tausende Reisende stranden. Am Berliner Hauptbahnhof, der acht Monate zuvor eröffnet wurde, bringt der Wintersturm einen tonnenschweren Träger zum Einsturz. Europaweit
sind Millionen Haushalte stundenlang ohne Strom.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft schätzt den in Deutschland versicherten Schaden auf 2,4 Milliarden Euro. Kein anderer Sturm in den 30 Jahren zuvor sei zerstörender gewesen.© dpa