Die Columbine-Generation: Geboren nach dem US-Schulmassaker von 1999, sind sie "School Shootings" gewöhnt. Doch nach dem Amoklauf von Florida machen die Jugendlichen jetzt gegen die Politik mobil.

Emma Gonzalez war immer schon engagiert, lange vor dem Massaker an ihrer Highschool in Florida. Die 17-Jährige wählte Politik als Hauptfach für ihre College-Qualifikation in diesem Sommer. Sie bastelte mit ihrem Astronomieklub einen Wetterballon, der es bis zu den Bahamas schaffte. Sie kämpfte für die Rechte schwuler, lesbischer und transsexueller Mitschüler.

Zur richtigen Aktivistin aber wurde die Zwölftklässlerin wider Willen - auf brutale Weise. Am Mittwoch kauerte sie mit ihrer Klasse in der Aula der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, als ein Ex-Schüler mit einem halbautomatischen Sturmgewehr anrückte. Sie hielten es erst für eine Routine-Übung. Dann hörten sie Schüsse und Schreie: "Wegrennen!"

Gonzalez kam davon, 14 Mitschüler und drei Lehrer starben. Doch anders als die meisten der immer mehr Jugendlichen in den USA, die irgendwann mal eine Schulschießerei erlebt haben, weigern sich Gonzalez und viele Überlebende von Parkland nun, still im Hintergrund zu verschwinden.

Denn seit dem Horror von Florida sind es eben die Teenager, die die US-Politiker mit am lautesten zur Rechenschaft ziehen für ihre Untätigkeit gegen Waffengewalt an Schulen. Was mit einzelnen Stimmen begann, voller Trauer und Tränen, schwoll übers Wochenende zum nationalen Chor der Wut und Entschlossenheit, ihr Schicksal nicht tatenlos hinzunehmen, sondern endlich zu bewirken, wozu der Rest Amerikas zu feige ist - ein Ende des Waffenwahns.

Die "Columbine-Generation" will kämpfen

"Dies ist jetzt meine ganze Welt", sagte Gonzalez der "New York Times" am Sonntag. "Ich kann es mir nicht länger erlauben, zu schweigen." Tags zuvor hatte sie sich mit einer viralen Wutrede bei einer Anti-Waffen-Demonstration zur moralischen Anführerin dieser neuen Bewegung gemacht. "Schämen Sie sich!", rief sie den Politikern da entgegen, allen voran US-Präsident Donald Trump.

Sie nennen sie die "Columbine-Generation" - geboren und aufgewachsen nach dem Amoklauf 1999 an der Columbine High School in Colorado, bei dem 15 Menschen umkamen. Columbine war ein Scheidepunkt: Amerikas Schulen galten plötzlich als nicht mehr sicher. Metalldetektoren und "safety drills" gehören seither selbst an Grundschulen zum Normalzustand. Trotzdem gab es der "Washington Post" zufolge seit Columbine mindestens 170 "school shootings", betroffen davon waren mehr als 150.000 Kinder.

Doch jetzt sind die Columbine-Kids alt genug, um das politische Umfeld zu begreifen und dagegen zu rebellieren, und sie tun das oft eloquenter und mit schärferem Blick als ihre Eltern. Besser noch: Ab 18 sind sie wahlberechtigt.

"Schulschießereien sind leider Teil ihres Lebens, seit sie geboren wurden", sagte der Psychologe Mark Seery der Zeitung "USA Today". Doch nun kam Parkland - und könnte sie dazu bewegen, "erstmals für etwas zu kämpfen, denn diese Tragödie berührt sie auf reale und persönliche Weise". Anders als früher wollten sie "nicht mehr leise trauern, sondern etwas unternehmen."

"Lügt uns nicht an"

Das tun sie mit Demos, mit TV-Interviews, mit Protestaufrufen bei Facebook, Twitter, Instagram und Snapchat. Für Emma Gonzalez begann es nicht mal 24 Stunden nach dem Massaker, als sie mit zwei Mitschülern von Anderson Cooper interviewt wurden, dem Star-Moderator von CNN. "Wir sind diejenigen", warnte sie Amerikas Politiker, "die eines Tages die Gesetze machen werden."

Bei der Anti-Waffen-Demo in Fort Lauderdale, eine halbe Autostunde von Parkland entfernt, fand Gonzalez dann ihre Stimme. "Wir sind die Kinder, über die ihr in Lehrbüchern lesen werdet", rief sie. "Nicht weil wir nur eine weitere Statistik der US-Massenschießereien sein werden, sondern weil wir die letzte Massenschießerei sein werden." Dass das vielleicht zu optimistisch sein könnte, störte weder sie noch die jubelnde Menge - es war Programm.

Andere schlossen sich ihr an. David Hogg, 17, der den Schülerfernsehsender der Schule leitet, saß gerade im Umweltunterricht, als das Massaker losging. Er dokumentierte es mit seinem Smartphone, weil er nicht wusste, ob er überleben würde, und etwas hinterlassen wollte. "Lügt uns nicht an", sagte er am Sonntag im TV-Sender CBS an die Politiker gerichtet. "Macht uns keine falschen Versprechungen mehr, denn dann sterben noch mehr Kinder." Sein Aufruf an die Mitschüler: "Steht auf, geht wählen, redet mit euren Gesetzgebern."

Cameron Kasky, 17, richtete die Facebook-Seite "Never Again" ein, auf der sich Schüler organisieren können. Am Sonntag hatte die Seite bereits fast 61.000 Likes. "Bleibt bei uns auf dieser Reise, die eine wahre Revolution wird", schrieb jemand namens Sophie. "Wir wollen die Kinder beschützen und dafür sorgen, dass nie wieder eine Stadt so trauern muss wie unsere."

Schüler planen Anti-Waffen-Marsch in Washington

Die Protestwelle beschränkt sich aber längst nicht mehr auf Parkland. Am Freitag verließen Dutzende Schüler die South Broward High School bei Fort Lauderdale, um gegen Waffengewalt zu protestieren. Auch anderswo gab es Demonstrationen. "Gebete und Beileid sind nicht genug", stand auf ihren Plakaten, und: "Euer Schweigen killt uns."

Für den 24. März haben Schüler landesweit zu einem großen Anti-Waffen-Marsch in Washington aufgerufen. Amerikas Lehrer wollen dem mit einem Generalstreik folgen - am 20. April, dem 20. Jahrestag von Columbine.

Präsident Trump dagegen verbrachte das Wochenende mit wütenden Tweets, in denen er das FBI für das Massaker mitverantwortlich machte. Ein zynisches Spiel: Damit versuchte er zugleich die Arbeit des Russland-Sonderermittlers Robert Muellers zu diskreditieren, von der er sich offenbar persönlich bedroht fühlt.

"Das Beste für uns ist es, ihn zu ignorieren", sagte Emma Gonzalez bei CNN, auf Trumps Tweets angesprochen. "Wir kämpfen weiter."  © SPIEGEL ONLINE