Bei der Bundeswehr sind wesentlich mehr Waffen verschwunden als bisher bekannt. Nach SPIEGEL-Informationen wurden in den vergangenen Jahren 75 Gewehre und Pistolen sowie fast 57.000 Schuss Munition entwendet.

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Bei der Bundeswehr ist nach SPIEGEL-Informationen in den vergangenen Jahren eine große Zahl von teils hochgefährlichen Kriegswaffen sowie massenhaft Munition gestohlen worden.

Laut einer vertraulichen Liste des Verteidigungsressorts fehlten nach Übungen und Testschießen demnach seit 2010 bis heute insgesamt 75 Sturmgewehre und Pistolen sowie knapp 57.000 Schuss Munition für die entsprechenden Waffen in den Beständen.

Die Verluste betreffen alle Waffentypen, die bei der Bundeswehr eingesetzt werden. Insgesamt verschwanden zehn Exemplare des Standard-Sturmgewehrs G36, sechs Maschinengewehre MG3, 13 G3-Gewehre, 19 Pistolen vom Typ P7 und P8 und die passende Munition für die Waffen. Daneben kamen 17 militärische Signalpistolen abhanden.

Angaben über Verbindungen zur "Identitären Bewegung"

Besonders auffällig ist das Jahr 2014. Laut der Liste kamen in diesem Jahr 21 Waffen abhanden, darunter neun G3-Gewehre, sechs MG3-Maschinengewehre und ein G36. Auch die Zahl der entwendeten Munition lag mit mehr als 20.000 Schuss sehr hoch.

Laut der Liste kamen in den betreffenden Jahren noch mehr Waffen abhanden, diese konnten aber wiedergefunden werden. Die Bundeswehr hat nach eigenen Angaben keine Kenntnis, ob die Waffen bei Straftaten verwendet worden sind oder anderswo wiederauftauchten.

Im laufenden Jahr verschwanden laut der Liste ein G36 und eine Pistole, diese wurden aber später wiedergefunden.

Erstellt wurde die Liste nach einer Kleinen Anfrage der Grünen-Abgeordneten Irene Mihalic und Konstantin von Notz. Beide wollten vor allem wissen, ob sich möglicherweise rechtsextreme Soldaten bei der Truppe mit Waffen und Munition eingedeckt haben könnten.

Die Antwort ist teilweise kurios. So wurden die genannten Zahlen als Verschlusssache ("VS - nur für den Dienstgebrauch") eingestuft, weil sie "einen Vertrauensverlust in die Funktionsfähigkeit der Bundeswehr" verursachen könnten.

Durch die Zahlen könne "der nichtzutreffende Schluss gezogen werden", dass es bei der Bundeswehr ein erhebliches Sicherheitsdefizit gebe, dies könnte bei der "Bevölkerung als Bedrohungspotential" wahrgenommen werden.

Erstaunliche Geheimniskrämerei

Von Notz kritisierte die Auskünfte der Bundeswehr. "Dass die Bundesregierung nicht einmal mitteilen kann, wie viele Strafverfahren im Zusammenhang mit Waffen- oder Munitionsverlust eingeleitet wurden, ist höchst beunruhigend", teilte der Grünen-Politiker mit.

Es könne schlicht nicht sein, argumentiert von Notz, dass man kein Interesse daran zeige, wer aus welchem Grund Waffen und Munition bei der Bundeswehr entwendet hat.

Seine Kollegin Mihalic sieht noch ein Problem. "Die Menschen verlieren nicht dadurch ihr Vertrauen in die Institutionen, dass solche Diebstähle vorkommen, sie verlieren es, wenn Behörden versuchen, diese Vorgänge unter den Teppich zu kehren", sagte sie.

Tatsächlich ist die Geheimniskrämerei erstaunlich, denn die Bundeswehr hat ihre Sicherheitsvorkehrungen spätestens nach einem spektakulären Munitionsdiebstahl im Jahr 2014 erheblich verschärft.

So wurde nach einem professionell ausgeführten Einbruch in die Waffenkammer einer Bundeswehrkaserne in Seedorf palettenweise Munition entwendet, insgesamt wurden 32.981 Schuss verschiedener Kaliber gestohlen.

Nach dem Vorfall ordnete die Bundeswehr eine bessere Überwachung der Waffenkammern an. Ein Großteil der Munition wurde später sichergestellt, die Täter aber wurden nie ermittelt.

Spätestens nach der Aufdeckung des rechtsextremen Oberleutnants Franco A. und seines Helfers Maximilian T., der bis heute Bundeswehrsoldat ist und nebenbei als Mitarbeiter für den AfD-Bundestagsabgeordneten Jan Nolte arbeitet, ermittelten auch die zivilen Behörden, ob sich die beiden bei der Truppe mit Waffen versorgt haben.

Soldaten bei der "Identitären Bewegung"

Gefunden wurde bisher allerdings nur massenhaft Munition, aber keine entsprechende Waffe. Es wird aber weiter ermittelt, ob die beiden etwas mit einem mysteriösen Waffendiebstahl auf dem Gefechtsübungsplatz Munster im Februar 2017 zu tun haben.

Damals waren zwei Sturmgewehre vom Typ G36, eine Pistole P8, eine Signalpistole, zwei Funkgeräte, zwei Magazine ohne Munition und ein Fernglas aus einem verschlossenen Schützenpanzer gestohlen worden.

Auch bei diesem Vorfall stellte die Bundeswehr später fest, dass gegen die geltenden Sicherheitsvorkehrungen verstoßen worden war, da selbst der verschlossene Panzer auf dem Gelände hätte extra bewacht werden müssen.

Die Papiere enthalten auch neue Zahlen zu Fällen von Soldaten, die der rechtsgerichteten "Identitären Bewegung" angehören. Demnach wurden 2017 drei und 2018 ein weiterer Soldat als Anhänger der Bewegung identifiziert und danach aus der Truppe entfernt.

In drei weiteren Fällen sei der Verdacht bis zum Ausscheiden der Verdächtigen aus der Truppe nicht zweifelsfrei ausgeräumt worden.

Besonders stark betroffen ist dabei die Bundeswehr-Universität in München. Die "Identitäre Bewegung" ist in mehreren europäischen Ländern aktiv, in Deutschland wird sie vom Verfassungsschutz beobachtet.

Nach Behördensicht nutzen die Aktivisten bei ihrem fremdenfeindlich motivierten Engagement moderne Kommunikationskanäle und sind besonders im Internet aktiv und werben dort um junge Anhänger.  © SPIEGEL ONLINE