• An jedem einzelnen Tag sterben in den USA statistisch gesehen mehr als 50 Menschen durch Waffengewalt. Durchschnittlich alle sechs Tage gibt es einen Amoklauf.
  • Nach dem Blutbad an der texanischen Grundschule vom Dienstag mit mindestens 21 Toten ist die Bestürzung groß. Doch selbst solche herausstechenden Taten haben an den Waffengesetzen bislang nichts geändert.
  • Alles spricht dafür, dass die Waffenlobby und die Republikaner dafür auch jetzt wieder sorgen werden – allen Mitleidsbekundungen zum Trotz.

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Es ist eine Tat jenseits des Vorstellbaren: Ein junger Mann stürmt bewaffnet in eine Grundschule im US-Bundesstaat Texas und schießt um sich. Mindestens 19 Schulkinder sterben. 19 Jungen und Mädchen, die sich vielleicht darauf gefreut hatten, nach der Schule mit ihren Freunden zu spielen oder Eis zu essen. Nun sind sie tot. Auch mindestens eine Lehrkraft stirbt. Andere Kinder bleiben mit Verletzungen zurück – mit schweren körperlichen Wunden, aber auch der Last, Zeugen und Überlebende einer solchen Bluttat zu sein.

Was kann einen Menschen dazu antreiben, ausgerechnet in einer Grundschule ein Blutbad anzurichten? Was ist los in diesem Land? Der Amoklauf in der kleinen Stadt Uvalde in Texas ist eine der verheerendsten Attacken dieser Art in den USA und lässt viele Amerikaner ratlos und fassungslos zurück. Wieder einmal.

Die Welt in dem 16.000-Einwohner-Ort nahe San Antonio in Texas wird an diesem Dienstag jäh aus den Fugen gerissen. Nach Angaben des texanischen Gouverneurs, Greg Abbott, drang der 18-jährige Salvador Ramos während der Unterrichtszeit in das Schulgelände ein, eröffnete das Feuer und wütete, bis er selbst von Sicherheitskräften getötet wurde.

Joe Biden: "Gemetzel" darf nicht immer weitergehen

Ermittler gehen davon aus, dass der junge Mann alleine handelte. Die große Frage nach dem Warum bleibt nach seinem Tod zunächst unbeantwortet. Wenige Stunden nach der Attacke versucht US-Präsident Joe Biden in Worte zu fassen, was viele Eltern in Uvalde womöglich fühlen: "Ein Kind zu verlieren, ist, als wenn einem ein Stück der eigenen Seele entrissen wird", sagt Biden unmittelbar nach seiner Rückkehr von einer Asien-Reise im Weißen Haus. Biden kennt diesen Schmerz: Er verlor als junger Mann seine erste Ehefrau und seine kleine Tochter bei einem Autounfall. Später starb einer seiner erwachsenen Söhne an Krebs. Es sei, als ob man ersticke, sagt Biden.

Dann redet sich der Präsident in Rage über eine Epidemie an Waffengewalt, die es sonst nirgendwo auf der Welt gebe, über irrsinnige Waffengesetze und jahrzehntelange Untätigkeit. "Ich habe es satt", klagt er. "Wir müssen handeln." Das "Gemetzel" dürfe nicht immerzu weitergehen.

Mehr als 50 Schusswaffentote – jeden Tag

Biden erinnert an jene Attacke von 2012, die diesem Angriff in Texas auf so erschreckende Weise ähnelt: In Newton im Bundesstaat Connecticut drang damals ein 20-Jähriger mit schweren psychischen Problemen in seine frühere Grundschule ein und tötete 20 Schulkinder und sechs Lehrer, nachdem er zuvor seine Mutter erschossen hatte. Das Massaker an der Sandy Hook Elementary School stach selbst im Land der ständigen Schießereien auf brutale Weise heraus.

Doch wer dachte, dass die Waffenanhänger im Land spätestens nach diesem unfassbaren Verbrechen zur Vernunft kommen würden, der täuschte sich. Alle Versuche, die Waffengesetze in den USA deutlich zu verschärfen, schlugen nach dem Blutbad von Sandy Hook fehl.

Auch danach gingen die Amokläufe und Schießereien weiter: in Schulen, in Supermärkten, in Kirchen, Synagogen. Allein im vergangenen Jahr zählte die US-Bundespolizei FBI 61 Amokläufe mit Schusswaffen im Land – etwa einer alle sechs Tage. Und das ist nur ein minimaler Ausschnitt. Das Ausmaß an Waffengewalt insgesamt ist in den USA ungleich größer. Pistolen und Gewehre sind extrem leicht zu kaufen. Laut Statistik der Gesundheitsbehörde CDC etwa wurden 2020 in den USA rund 20.000 Menschen erschossen – mehr als 50 pro Tag.

Republikaner verteidigen Recht auf Waffenbesitz

Amerika dürfe die tägliche Waffengewalt nicht einfach akzeptieren, fordert eine Mutter, die 2012 ihren kleinen Sohn bei dem Amoklauf an der Sandy-Hook-Grundschule verlor, im Interview des Senders CNN. "Man kann sich nicht vorstellen, was die Eltern dort gerade für einen Horror durchleben", sagt sie mit Blick auf Uvalde. "Ich weiß nicht, wie viel mehr unser Land noch aushalten kann."

Wenn es um eine Verschärfung der Gesetze geht, zeigt Präsident Biden mit dem Finger auf den US-Kongress. Denn für weitreichende Gesetzesänderungen fehlen Bidens Demokraten die nötigen Stimmen im US-Senat. Viele Republikaner lehnen schärfere Regulierungen ab: Das Recht auf Waffenbesitz ist für viele Konservative in den USA eine Art Heiligtum, der Inbegriff von Freiheit, ein Grundrecht, das nicht anzutasten ist.

Der private Waffenbesitz beruht auf der historischen Rechtsgrundlage des Zweiten Verfassungszusatzes von 1791. Darin heißt es: "Da eine gut ausgebildete Miliz für die Sicherheit eines freien Staates erforderlich ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden."

Barack Obama: "Waffenlobby lähmt das Land"

Nach dem Amoklauf an einer Schule in Newtown im US-Bundesstaat Connecticut im Dezember 2012 hatte der damalige US-Präsident Barack Obama schärfere Waffengesetze zu einem innenpolitischen Hauptanliegen erklärt. Der US-Demokrat äußerte sich nun auch nach dem Massaker in Texas: "Unser Land ist gelähmt, nicht durch Angst, sondern durch eine Waffenlobby und eine politische Partei, die keine Bereitschaft gezeigt haben, in irgendeiner Weise zu handeln, um diese Tragödien zu verhindern."

Die Waffenlobby in den USA ist enorm mächtig. Besonders im konservativen Süden, in Texas, findet sie seit jeher viel Gehör. Direkt nach der Bluttat in Uvalde stiegen Republikaner in die Debatte einmal mehr damit ein, dass nicht Waffen das Problem seien, sondern lediglich einzelne ihrer Besitzer.

Senator Cruz zeigt auf Flüchtlinge und psychisch Kranke

Wenn man diese Art von Verbrechen verhindern wolle, müsse man "Straftäter und Flüchtige und Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen verfolgen, verhaften und strafrechtlich belangen, wenn sie versuchen, illegal Schusswaffen zu kaufen", sagte der texanische Senator Ted Cruz dem Sender CNN. Die Bürger in ihren verfassungsmäßigen Rechten beim Waffenbesitz einzuschränken, sei "nicht effizient", so Cruz. Sinnvoll dagegen sei mehr bewaffnetes Sicherheitspersonal auf Schulgeländen.

Der Generalstaatsanwalt von Texas, Ken Paxton, brachte die ebenfalls nicht neue Idee einer Bewaffnung von Lehrkräften für mehr Schulsicherheit an. Dem konservativen Nachrichtensender Newsmax sagte er, "Lehrer und Verwaltungskräfte, die ein Training absolviert haben und bewaffnet sind", könnten Leben retten.

Angst vor Schießereien als ständiger Begleiter

Auf demokratischer Seite kochen die Emotionen darüber hoch, dass sich trotz der Debatte, die bei jedem neuen Shooting angeheizt wird, nichts verändert. Senator Chris Murphy ließ seinem Frust über den politischen Stillstand freien Lauf: "Was machen wir?", fragte er in der Kongresskammer. An seine Senatskollegen gerichtet wetterte er: "Warum machen Sie sich die Mühe, diesen Job zu bekommen (...), wenn Ihre Antwort lautet, dass wir nichts tun, während diese Metzelei zunimmt und unsere Kinder um ihr Leben rennen?"

Murphy kommt aus Connecticut, dem Bundesstaat des Sandy-Hook-Massakers. Die Waffengewalt sei eine Besonderheit der USA, meint er. "Nirgendwo sonst gehen kleine Kinder mit dem Gedanken zur Schule, dass sie an diesem Tag erschossen werden könnten", sagte der US-Demokrat. "Es ist unsere Entscheidung, ob das weitergeht." (dpa/mcf)

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Massaker an Grundschule in Texas: Bilder von Schmerz und Entsetzen

Mindestens 19 Grundschüler sind tot, erschossen von einem Amokläufer: Das Blutbad von Uvalde ist kaum zu fassen. Bilder zeigen den Schmerz der Angehörigen und auch US-Präsident Joe Biden stehen Trauer und Entsetzen ins Gesicht geschrieben.
Teaserbild: © IMAGO/ZUMA Wire/IMAGO/Billy Calzada