Schnee satt, so viel wie seit Jahren nicht mehr. Eigentlich ein Segen für die Alpen, aber durch den vielen Neuschnee ist die Lawinengefahr gewaltig. Selbst Spezialisten sind angespannt.

Alarmstufe Dunkelrot in den Alpen: Unmengen Neuschnee verursachen dort über Hunderte Kilometer höchste Lawinengefahr. Im Schnee- und Lawinenforschungsinstitut (SLF) in Davos gehen stündlich Meldungen von herabstürzenden Schneemassen ein, wie Michael Bründl, Spezialist für Lawinendynamik und Risikomanagement, der Deutschen Presse-Agentur am Montag sagte. Bahnlinien und Straßen sind in den gefährdeten Regionen gesperrt, so dass zunächst niemand zu Schaden kam. Auf so breiter Fläche sei die Lage seit 1999 nicht mehr so prekär gewesen, sagte Bründl.

Angesichts der Schneemassen werden Erinnerungen an den Lawinenwinter 1999 und die Tragödie von Galtür im österreichischen Tirol wach. Der Ort wurde damals nach wochenlangen Schneefällen von einer gewaltigen Lawine erfasst. 31 Menschen kamen uns Leben, Dutzende wurden verletzt, viele Häuser wurden zerstört.

"Man ist natürlich angespannt, die Situation ist kritisch", sagt Bründl. "Die Lawinen gehen eigentlich immer an den gleichen Orten ab, aber in so einer Lage wird man fast immer irgendwo überrascht."

Drei Meter Neuschnee in einer Woche

In der Schweiz gab es mancherorts innerhalb einer Woche drei Meter Neuschnee. In vielen Regionen Österreichs hat es bereits mehr geschneit als sonst im gesamten Winter. "Die Summe aller Neuschnee-Mengen liegt zum Beispiel in Langen am Arlberg derzeit bei rund 480 Zentimeter, im vieljährigen Mittel sind es hier im gesamten meteorologischen Winter 447 Zentimeter", sagte Alexander Orlik von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG).

In den Alpenländern sind Dutzende Orte von der Außenwelt abgeschnitten. Dort sitzen auch Tausende Wintertouristen fest. "In unserer Lobby haben viele Gäste die Karten herausgeholt, hier wird gespielt", sagt Jürgen Marx, Direktor des Vier-Sterne-Hotels Schweizerhof in Zermatt. Die Bahnverbindung in den autofreien Ort ist unterbrochen, wie vor zwei Wochen schon. "Aber die Stimmung ist gar nicht so dramatisch", sagt der gebürtige Schwarzwälder.

Im Schweizerhof gibt es Gratishäppchen, am Nachmittag zusätzlich einen Fondue-Plausch mit traditioneller Musik. "Panik haben wir nicht." Nur wenn die Lage länger dauere, werde es schwierig: "Es sitzen ja auch einige unserer Mitarbeiter in Täsch fest." Täsch ist der letzte Ort vor Zermatt, der auf dem Landweg noch erreicht werden kann. Wenn die Sicht gut ist, können sich Urlauber mit dem Hubschrauber dorthin fliegen lassen.

Wie Zermatt sind in der Schweiz auch die Wintersportorte Andermatt und Wengen und das Saastal abgeschnitten, in Graubünden verkehrt der Zug nach St. Moritz nicht mehr. 9000 Touristen saßen in Zermatt fest. St. Anton, Lech und Zürs am Arlberg in Österreich - alles nicht mehr erreichbar. Im hinteren Paznauntal mit den Orten Ischgl und Galtür saßen 10 000 Urlauber fest. Die Sicherheit sei oberstes Gebot, sagte Alfons Parth, Chef des Tourismusverbands Paznaun-Ischgl. Er bat um Gelassenheit. "Es gibt immerhin viel Schlimmeres, als im Paznauntal eingeschlossen zu sein."

"Genug zu essen für mehrere Tage"

Alles im Lot, sagt auch Lechs Bürgermeister Ludwig Muxel: "Wir haben genug zu essen für mehrere Tage." Sollte es ein medizinisches Problem geben, das die drei Ärzte und der Unfallchirurg im Ort nicht lösen könnten, würden unter den Urlaubsgästen nach Spezialisten gesucht.

Seit Galtür hat sich in Österreich viel getan. Rund 12 bis 15 Millionen Euro würden jährlich allein für Lawinenverbauungen in Tirol ausgegeben, sagte Ivo Schreiner von der Tiroler Wildbach- und Lawinenverbauung der Nachrichtenagentur APA. "Die großen Schutzbauten sind alle abgeschlossen." Auch in Galtür seien Stützverbauungen verstärkt worden, im Ort gebe es Schutzdämme.

In der Schweiz hätten die Lawinenverbauungen nach 1999 nur punktuell ergänzt werden müssen, sagt Bründl vom SLF. Aber es gebe nun jedes Jahr Weiterbildungskurse für die Lawinendienste, Straßen- und Bahnbetreiber. "Dabei geht es etwa darum, wie man erkennt, dass eine Schneedecke instabil ist. Gerade, wenn so viel Neuschnee fällt, kann sich der Schnee oft nicht so schnell mit dem alten Schnee verfestigen. Das macht die Schneedecke instabil."

"Für alpine Täler ist die Lage nichts Ungewöhnliches, die waren früher manchmal wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten", sagt er. In ganz gefährdeten Gebieten gebe es heute Bauverbot. Bei großer Gefahrenlage würden Menschen in Sicherheit gebracht. Die Häuser an exponierten Stellen seien gegen Lawinen aber auch gewappnet, mit verstärkten Wänden und starken Fensterläden. Die Menschen hätten stets Vorräte. "Dort kann man im Falle eines Falles gut ein paar Tage aushalten."© dpa

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