Nach dem Attentat in Wien hat die Polizei zwei Schweizer festgenommen. Der 18-Jährige und der 24-Jährige lebten in Winterthur. Sie sind nicht die ersten aus dem Ort, die mit dem IS in Verbindung gebracht werden. Weshalb radikalisieren sich junge Erwachsene ausgerechnet in Winterthur?

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Die beiden Männer, die von der Polizei in Winterthur festgenommen wurden, sollen mit dem Attentäter in Wien in Verbindung gestanden haben. Der Mann, der in Wien auf zahlreiche Passanten schoss, wobei vier Menschen starben, soll mit der Terrormiliz Islamischer Staat sympathisiert haben – ebenso wie die zwei festgenommenen Schweizer, ein 18- und ein 24-Jähriger.

In einem Interview mit "20min.ch" erklärt Extremismus-Experte Samuel Althof, wie sich die jungen Männer in dem Ort im Kanton Zürich radikalisieren. "In Winterthur hat sich etwas zusammengebraut", sagt Althof. Der Zusammenhang der beiden jungen Schweizer mit dem Attentäter von Wien habe ihn "ehrlich gesagt nicht erstaunt".

So haben sich die Männer in Winterthur radikalisiert

Es sei bekannt, dass sich im Umfeld der An-Nur-Moschee in Winterthur eine Peer Group gebildet habe, sagt der Experte. Jedoch sei das Problem, dass dies zu spät erkannt wurde. Althof erklärt, dass das Sozialleben in einer Moschee "sehr anders" sei, "vergleicht man diese zum Beispiel mit einer kirchlichen Institution, die solche Jugendgruppen direkt anbietet". In Winterthur seien die Mitglieder der Moschee zusammen gekommen, "um zu plaudern oder Fussball zu spielen".

Dabei ist es allerdings nicht geblieben, erzählt Althof: "Dann inszenierte sich der psychisch Instabilste, der eigentlich Schwächste der Gruppe, gestärkt durch die Ideologie des IS als der Stärkste in der Gruppe und reiste als Kämpfer nach Syrien. Von dort aus sagte er den anderen, sie sollten auch ins Kalifat kommen. Ein Zweiter folgte ihm und es entstand ein Domino Effekt, den man hätte voraussehen können."

Um herauszufinden, wie genau die Radikalisierung in Winterthur abgelaufen ist, müsse man laut Althof "eine aufwändige und lang anhaltende vertrauensvolle Beziehung zum Menschen aufbauen". Denn radikalisierte Menschen müsse man "erst lernen, zu verstehen".

Samuel Althof: "Extremisten suchen sich gegenseitig"

Wie kann es sein, dass der Täter aus Wien mit den Männern aus Winterthur scheinbar in Verbindung stand? "Extremisten suchen sich gegenseitig und werben sich an. Diese Vernetzungen sind heute durch das Internet so global, dass es keine Grenzen mehr gibt", erklärt Althof. Außerdem würden sich Menschen nie allein radikalisieren, das geschehe immer in einem Netzwerk.

Als Beispiel nennt der Experte ein Gefängnis: "Man trifft auf andere Gefangene, findet Freunde, extreme Ideologien. Viele Menschen werden im Gefängnis religiös. Leider sind das häufig Menschen, die Gewalt und Religion verbinden." Hätten Menschen bereits Folter und Gewalt erlebt, biete das einen "perfekten Nährboden für eine Radikalisierung".

Habe ein Mensch bereits als Kind eine patriarchalische Struktur erlebt und gelernt, dass Gewalt alltäglich ist, würde er diese Werte für normal halten. "Das Kind kann diese Werte verinnerlichen und wird diese selbst anwenden. Und genau das ist die Perversion an dieser Geschichte. In seiner subjektiven Perspektive glaubt es, das Richtige zu tun", erklärt er. Althof ist überzeugt: "Das sind eigentlich Opfer, die sich zu Monstern entwickeln. © 1&1 Mail & Media/spot on news