Die Ermittler beobachteten im März einen sprunghaften Anstieg von Fällen, in denen Aufnahmen sexueller Misshandlung von Kindern im Netz geteilt wurden. Von rund einer Million Hinweisen ist europaweit die Rede.

Mehr Themen aus der digitalen Welt finden Sie hier

Die Coronakrise hat laut Europol dazu geführt, dass deutlich mehr Aufnahmen von Vergewaltigung und sexueller Ausbeutung von Kindern im Netz geteilt wurden. Dies geht aus einem am Freitag von der EU-Polizeibehörde in Den Haag veröffentlichten Bericht hervor. Demnach konnte insbesondere über Peer-to-Peer-Netzwerke zum Datenaustausch und auf anderen Plattformen im offenen Netz eine neue Rekordzahl an Fällen festgestellt werden.

Diese Einschätzung ergibt sich aus Meldungen an die europäische Polizeibehörde, sei es von Tech-Unternehmen, Kinderschutzorganisationen oder anderen Ermittlungsbehörden. Ein besonders wichtiger Partner für Ermittler ist die amerikanische Kinderschutzorganisation NCMEC. Allein von dieser Organisation seien im März rund eine Million Fälle von im Netz kursierenden Aufnahmen an Europol gemeldet worden. Ein Anstieg um nahezu das Zehnfache im Vergleich zu den Vormonaten.

Auch zu Fällen in Deutschland sind die Meldungen von NCMEC im März und April, also jenen Monaten mit schärferen Corona-Regeln, im Vergleich zum Vorjahr um rund das Doppelte beziehungsweise Dreifache angestiegen. Im Mai seien die Zahlen wieder gesunken.

Keine Zahlen aus Darknet bekannt

Die Zahlen von NCMEC basieren auch auf der Zusammenarbeit der Organisation mit vielen großen Tech-Anbietern. Unternehmen wie Facebook, Microsoft oder Dropbox nutzen eine Technologie, die automatisch erkennt, wenn Nutzer Fotos oder Videos hochladen, die bereits in einer Datenbank als Kindesmissbrauchsaufnahmen registriert sind. Die Datenbank wird durch Ermittler gespeist, die dazu unter anderem Aufnahmen aus früheren Fällen hinterlegen.

NCMEC liefert nur Zahlen für das sogenannte Surface Web, also jenen Teil des Internets, der regulär im Browser oder mit mobilen Apps aufgerufen werden kann. Für das Darknet, in dem die Daten der Nutzer besonders anonymisiert werden, kann die Organisation keine Zahlen liefern.

Die Ermittler von Europol haben aber nach eigenen Angaben selbst einen Anstieg derartiger Aktivitäten im Darknet beobachtet. An den Hilfe-Hotlines habe es ebenfalls einen massiven Anstieg an Anrufen im ersten Quartal 2020 im Vergleich zum vorherigen Zeitraum gegeben, berichtet die Polizeibehörde.

Mehr Vergewaltigungen von Kindern befürchtet

Europol warnt auch davor, dass es in der Coronakrise zu einer Zunahme an Vergewaltigungen von Kindern kommen könnte. Die Daten seien allerdings noch zu fragmentiert und unvollständig, um dies abschließend zu bewerten.

In ihrem Bericht schreiben die Ermittler auch, man befürchte, dass der Missbrauch von Kindern "auf Bestellung" und im Livestream in der Corona-Situation zunehmen werde. Ermittler hätten festgestellt, dass in Täter-Foren die Nachfrage nach Webcam-Videos stark zugenommen habe. Dabei gehe es einerseits um selbst aufgenommenen Missbrauch, der hochgeladen oder angefragt würde.

Vorsicht bei Kinderfotos im Netz

Es gehe aber auch um Aufnahmen von Kindern, die ohne ihr Wissen von normalen Websites oder Social-Media-Plattformen gesammelt und speziell zusammengestellt würden.

Während des Corona-Lockdowns habe sich das Leben der Kinder von der realen Welt zunehmend in die virtuelle Welt verlagert, heißt es in dem Bericht. Das nutzten Täter aus, um die Gruppe ihrer möglichen Opfer zu vergrößern. Europol empfiehlt Kindern und Eltern genau darauf zu achten, welche Aufnahmen sie in sozialen Netzwerken offen teilen. Nähere Informationen dazu gibt die Behörde im Zuge ihrer #SayNo-Kampagne bekannt.  © DER SPIEGEL