Mit dem Bau der Mauer wollte das DDR-Regime der Massenflucht von Bürgern in den Westen ein Ende setzen. Trotzdem gelang zwischen dem Mauerbau 1961 und dem Mauerfall 1989 mehr als 40.000 Menschen die Flucht aus der gesamten DDR. Viele setzten dabei auf filmreife Weise ihr Leben aufs Spiel. 30 Jahre nach dem Ende der Mauer geben wir einen Überblick über die spektakulärsten Fluchten aus der DDR.

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Als Conrad Schumann am 15. August mit einem beherzten Sprung über den Stacheldraht in die Freiheit sprang, ahnte er noch nicht, dass seine Flucht aus der DDR zu einem der bekanntesten Symbolfotos des Kalten Krieges werden würde. Der Polizist nutzte die Gelegenheit am 15. August 1961, um im buchstäblich letzten Moment nach Westdeutschland zu fliehen.

Bereits zwei Tage zuvor, am 13. August 1961, hatte die DDR mit dem Bau der Berliner Mauer begonnen. Es war die Reaktion des DDR-Regimes auf die anhaltend hohen Zahlen von Bürgern, die nach West-Berlin flohen. Allein im Jahr des Mauerbaus verließen mehr als 200.000 Menschen die DDR gen Westen. Mit dem Mauerbau gingen diese Zahlen jedoch schlagartig zurück. Eine Flucht in den Westen wurde fast unmöglich.

Trotzdem versuchten nach wie vor viele DDR-Bürger, in die Bundesrepublik zu gelangen. Tausende setzten in den kommenden 28 Jahren ihr Leben aufs Spiel. Allein in Berlin wurden mehr als 130 Menschen von Grenzsoldaten erschossen oder verunglückten auf der Flucht.
Wer es lebend schaffen wollte, brauchte Mut, Kreativität und eine große Portion Glück. So kam es in 28 Jahren Berliner Mauer zu einigen filmreifen Fluchten und Fluchtversuchen. Wir haben die spektakulärsten Fluchten zusammengestellt.

Die Fluchten der Bethke-Brüder

Die Brüder Ingo, Egbert und Holger Bethke 2014 bei Maischberger zum Thema: "25 Jahre Wende: War die DDR Heimat oder Unrechtsstaat?"

Es hat wohl kaum einer die DDR so vorgeführt, wie die Bethke-Brüder. Alle drei flohen sie einer nach dem anderen nach Westdeutschland. Dabei war jede Flucht ein Meisterstück für sich.

Der älteste Bruder Ingo war der erste, der die DDR verließ. Als Sohn von Parteimitgliedern durfte er seinen Militärdienst an der Grenze im Südwesten Mecklenburgs absolvieren. Dort prägte er sich Sicherheitslücken ein und floh sechs Monate später im Jahr 1975. Er schnitt mit einem Seitenschneider ein Loch in den Grenzzaun, überwandt das Minenfeld und schwamm anschließend durch die 200 Meter breite Elbe.

Acht Jahre später folgte ihm sein Bruder Holger in den Westen. Auch ihm gelang die Flucht dank einer kreativen Idee. Aus einem Grenzhaus in Berlin-Treptow schoss er mit Pfeil und Bogen eine Angelschnur auf ein Dach gegenüber in Westberlin. Dort stand Ingo und fing den Pfeil auf. Mit der Schnur spannten die beiden ein Stahlseil über die Dächer. Holger floh daraufhin mit einer Seilrolle über den Todesstreifen nach Westberlin.

Polizeibeamte demontieren eines der Ultraleicht-Flugzeuge. Die Brüder ließen die beiden Flugzeuge einfach auf dem Feld vor dem Reichstag stehen.

Der letzte in der Reihe war Egbert. Er blieb bis 1989 in der DDR, doch dann hielt es auch ihn nicht mehr. Es folgte die abenteuerlichste von allen Fluchten. Ingo und Holger kamen auf die Idee, Egbert mit Leichtbaufliegern aus Ostberlin abzuholen.

Die beiden Brüder schmuggelten zwei Flugzeuge mit einem Spediteur nach Berlin. Um die Grenzer hinters Licht zu führen, lackierten sie die Flieger sogar grün und brachten rote Sowjetsterne an den Leitwerken an. Ihre Hoffnung: Auf Russen schießt man nicht sofort.

Am 26. Mai 1989, kurz vor Sonnenuntergang, starteten die beiden mit den Flugzeugen von einem Fußballfeld in Neukölln. Ingo voraus, Holger, der die Flucht filmte, hinterher. Kurz darauf erreichten sie den Treptower Park in Ost-Berlin, wo Egbert im Gebüsch kauerte und auf seine Brüder wartete. Sie landeten, gabelten ihn rasch auf und hoben wieder ab. Kurz darauf landeten die drei Brüder vor dem Bundestag in West-Berlin.

Dort ließen sie die Flugzeuge zurück und versetzten die Bundesrepublik in Aufregung. Erst am nächsten Morgen stellten sie sich der Polizei, die sie für ihre erfolgreiche Flucht beglückwünschte.

Die Geschichte der Brüder gehört wegen der spektakulären und kreativen Fluchten zu den bekanntesten der DDR.

Ballonflucht

Die Familie Strelzyk am 17.09.1979 mit dem Heißluftballon, mit dem sie einen Tag zuvor eine tollkühne Flucht aus der DDR unternommen hatte.

Mindestens ebenso spektakulär war die Ballonflucht zweier Familien im Jahr 1979. Peter und Doris Strelzyk sowie Günter und Petra Wetzel und die Kinder der beiden Ehepaare wagten in einem selbstgebauten Heißluftballon die Flucht nach Westdeutschland.

Zirka 1.000 Quadratmeter Stoff vernähten sie gemeinsam über sechs Monate hinweg zu einem 28 Meter hohen und 20 Meter breiten Ballon. Besonders heikel wurde es, nachdem der erste Fluchtversuch gescheitert war und der erste Ballon gefunden wurde. Die Stasi fahndete mit Hochdruck nach den Ballonflüchtigen.

Im September 1979 war der neue Ballon schließlich fertig und die Familien traten erneut die Flucht an.

Auf einer Waldlichtung wollten sie mit dem Ballon starten. Doch die Flucht verlief alles andere als reibungslos. Beim Befüllen des Ballons fing dieser plötzlich Feuer. Mit einem Feuerlöscher gelang es ihnen jedoch, den Ballon rechtzeitig zu löschen, bevor er flugunfähig wurde. Dann riss auch noch eine Stoffklappe.

Doch der Ballon hob trotzdem ab. Auf der 1,40 mal 1,40 Meter großen Plattform schwebten die beiden Familien mit ihren Kindern immer weiter aufwärts bis in 2.000 Meter Höhe. Ein Westwind trug sie langsam aber sicher in die Bundesrepublik.

Kritisch wurde es nochmal, als das Gas im Brenner verbraucht war. Der Ballon sank kontinuierlich. Doch die Familien hatten großes Glück. Sie landeten unsanft, aber lebendig am Boden. Günter Wetzel zog sich einen Muskelfaserriss in der rechten Wade zu, ansonsten blieben die anderen unverletzt. Kurze Zeit später trafen sie auf eine bayerische Polizeistreife. Ihre erste Frage an die Polizisten: "Sind wir hier im Westen?", so Günter Wetzel bei Markus Lanz. Die Flucht war gelungen.

Diese einzigartige Geschichte wurde später sogar verfilmt, zuletzt von Regisseur und Schauspieler Michael Bully-Herbig.

Tunnel 57

Foto des nur 80 Zentimeter hohen Tunnel 57.

Populär war in Berlin die Flucht über einen der zahlreichen selbst gebuddelten Tunnel, die unter der Mauer hindurch führten.

Eine Frau flüchtet durch den Tunnel 57.

Der wohl bekannteste war der Tunnel 57: 145 Meter lang und zwölf Meter tief unter der Mauer, ermöglichte er 1964 insgesamt 57 Männern, Frauen und Kindern die Flucht nach West-Berlin.

Etwa 30 westdeutsche Studenten der Freien Universität Berlin gruben den Tunnel über einen Zeitraum von sechs Monaten. Ausgangspunkt war eine angemietete Bäckerei in der Bernauer Straße 97 in Westberlin. Der Tunnel führte unter der Mauer durch und endete im Innenhof des Hauses in der Strelitzer Straße 55.

Zwei Tage lang benutzten Menschen ihn, um in den Westen zu kommen. Dann kam die Stasi den Fluchthelfern auf die Schliche.

Es folgte ein Schusswechsel zwischen einem der Fluchthelfer und bewaffneten Grenzsoldaten. Dabei kam ein Grenzsoldat um. Die DDR sprach von einem terroristischen Akt und prangerte die Ermordung des 21-jährigen Unteroffiziers Egon Schultz an. Erst im Jahr 2000 kam heraus, dass der Grenzsoldat von einer Maschinenpistolensalve eines eigenen Kameraden tödlich getroffen worden war.

Trojanische Kuh

Besonders kreativ waren Beteiligte des nächsten Fluchtversuchs. Um eine 18-Jährige aus Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) zu schmuggeln, wurde die junge Frau in einem hohlen Bullen versteckt. Der Fluchtversuch erinnert an das trojanische Pferd aus Homers Odyssee, mit dem Odysseus in die Stadt Troja eindringt und sie nach zehn Jahren Belagerung erobert. Für die Flucht leistete der westdeutsche Verlobte 5.000 D-Mark Anzahlung.

Allerdings wurde das Versteck am Grenzübergang entdeckt. Die zwei Schleuser und die Frau kamen in Untersuchungshaft. Am Ende wurden die zwei Männer "wegen staatsfeindlichen Menschenhandels" zu mehr als drei Jahren Gefängnis verurteilt. Die 18-Jährige erhielt wegen versuchten "ungesetzlichen Grenzübertritts" zwei Jahre und zehn Monate Haft. Sie wurde aber nach vier Monaten von der Bundesrepublik freigekauft.

Flucht über Diplomatenstreifen

Besonders gewieft gingen zwei junge Handwerker bei ihrer Flucht über den Grenzübergang Bornholmer Straße vor. Ihre Flucht wurde durch eine Reihe von Umständen begünstigt: Der Signalzaun auf der Mauer war defekt, ein Wachturm nicht besetzt und ein Postenhaus befand sich noch im Bau.

Die beiden kletterten mit einer Leiter über die Hinterlandmauer nahe des unfertigen Postenhauses. Anschließend stiegen sie unbemerkt über einen zwei Meter hohen Grenzzaun – und standen plötzlich mitten im Kontrollgebiet des Grenzübergangs auf der Diplomatenspur.

Nun von Grenzsoldaten bemerkt, marschierten sie schnurstracks Richtung West-Berlin und passierten den für ein Auto geöffneten Schlagbaum. Von Grenzsoldaten für bereits kontrollierte Diplomaten gehalten, wurden die beiden durchgelassen. Ihr Seiteneinstieg auf die Diplomatenspur war nicht bemerkt worden.

Mit dem Surfbrett nach Dänemark

Weniger dreist aber dafür umso tollkühner war die Flucht von Karsten Klünder und Dirk Deckert. Die beiden konzentrierten sich auf das, was sie am besten konnten: Windsurfen. Sie beschlossen, gemeinsam nachts über die Ostsee nach Dänemark zu fliehen. 70 Kilometer über das offene Meer, nur mit Neoprenanzug, Kompass, Uhr – und aus Isolierplatten und Bauplanen selbst gebauten Surfbrettern.

In der Nacht des 25. Novembers 1986 stachen sie in See. Doch nach einiger Zeit bemerkte Klünder, dass sein Freund verschwunden war. Er segelte weiter auf die offene, rauer werdende See, doch seinen Freund fand er nicht wieder. Immer wieder fiel er bei der kräftezehrenden Fahrt ins kalte Wasser. Doch irgendwann tauchte am Horizont die dänische Küste auf. Er hatte es geschafft.

In Dänemark angekommen, informierte er die dänische Küstenwache über den verschollenen Freund. Rettungshubschrauber wurden ausgesandt – jedoch ohne Erfolg.

Doch es sollte ein Happy End geben: Zwei Tage später spazierte sein Freund durch die Tür des Bundesaufnahmelagers für Aussiedler und Flüchtlinge in Gießen. Die beiden Freunde fielen sich erleichtert in die Arme.

Später erzählte Deckert, dass sein Neoprenanzug gerissen sei. Er habe umkehren und ihn reparieren müssen, denn ohne Anzug hätte er die Überfahrt wohl nicht überlebt. Eine Nacht später war er dann erneut aufgebrochen – und schaffte es ebenfalls nach Dänemark.

Karsten Klünder und Dirk Deckert blieben die einzigen, denen die Flucht mit Surfbrettern gelang.

Verwendete Quellen:

  • chronik-der-mauer.de: Fluchtbewegung aus der DDR und dem Ostsektor von Berlin - 1949-1961/Flucht durch den "Tunnel 57", 3./4. Oktober 1964
  • ballonflucht.de: Die Nacht der Flucht
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