Der "Islamische Staat" hat im Nahen Osten mehrfach Chemiewaffen eingesetzt - und kann wohl selbstständig Senfgas herstellen. Die Terrormiliz könnte sich auch für den Erwerb radioaktiver Kampfstoffe interessieren. Wie ernst ist die Gefahr?

Es war ein gespenstischer Fund, der Ermittlern im November 2015 gelang: ein Überwachungsvideo, das sich auf nur eine Person konzentriert. Und zwar auf den Direktor des belgischen Nuklearforschungszentrums SCK-CEN. Unbekannte hatten offenbar in einem Wäldchen gegenüber seines Wohnhauses eine Kamera versteckt.

Das Video, zehn Stunden lang, wurde in der Wohnung der Ehefrau von Mohamed Bakkali gefunden. Bakkali soll an der Vorbereitung der Attentate von Paris am 13. November beteiligt gewesen sein: In seiner Wohnung im Brüsseler Stadtteil Schaerbeck fand sich auch ein Sprengstoffgürtel mit DNA von Salah Abdeslam, des kürzlich festgenommenen mutmaßlichen Drahtziehers der Anschläge.

Abdel Rahman al-Kaduli soll bei Angriff ums Leben gekommen sein.

Das SCK-CEN deckt nach eigenen Angaben 20 bis 25 Prozent des weltweiten Bedarfs an medizinischen Radionukliden ab. Diese teils stark strahlenden Stoffe könnten von Terroristen für den Bau schmutziger Bomben genutzt werden - herkömmlicher Sprengsätze, die radioaktives Material über ein weites Gebiet verteilen. Möglicherweise, sagte eine Sprecherin der belgischen Atomaufsicht, habe Bakkali den Forscher erpressen wollen, um an radioaktives Material zu kommen.

"Das Gefahrenpotenzial eines Anschlages mit chemischen, biologischen, radiologischen oder nuklearen Waffen wird von der Bundesregierung sehr ernst genommen", hieß es schon Ende Dezember in einer Antwort der Regierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Zwar gebe es derzeit keine Informationen über konkrete Anschlagspläne in Deutschland. Aber islamistische Terrorgruppen dürften "grundsätzlich in der Lage sein, Anschläge mit leicht herstell- oder beschaffbaren Chemikalien, Toxinen oder radioaktiven Substanzen durchzuführen". Nach den Ereignissen von Brüssel rückt die Gefahr eines Anschlags mit Massenvernichtungswaffen wieder stärker in den Fokus der Anti-Terror-Einheiten.

Machen die Terrorgruppen Fortschritte bei der Beschaffung solcher Waffen?

1. Chemische und biologische Kampfstoffe

Als ein Fanal gilt unter westlichen Chemiewaffen-Experten der Sarin-Angriff auf Ghuta bei Damaskus, verübt durch Anhänger des Machthabers Baschar al-Assad, bei dem im August 2013 Hunderte Menschen starben. "Seitdem sind die Anleitungen zur Chemiewaffen-Herstellung im Internet qualitativ deutlich besser geworden", sagt ein europäischer Fachmann, der nicht namentlich genannt werden möchte. "Ein solches Video ist etwas anderes als ein schriftliches Rezept, das nur ein Spezialist versteht", so der Experte. Selbst für den Nervenkampfstoff Sarin, der wesentlich schwieriger zu produzieren sei als Senfgas, existierten derartige Videos.

Früher hätten Fachkreise den Einsatz von Massenvernichtungswaffen durch Terroristen als unwahrscheinlich abgetan: zu schwierig herzustellen, zu unsicher in der Wirkung. Doch der Angriff auf Ghuta habe Islamisten gezeigt, "dass der Einsatz von Giftgas gar nicht so schwierig ist und mächtige Bilder produziert". Die Fotos der toten Kinder dominierten tagelang die Beriche westlicher Medien. Für die Multimedia-Propaganda des IS wäre ein solcher Angriff wohl von ungeheurem Wert.

Dass der Ghuta-Angriff beim IS Schule gemacht hat, gilt inzwischen als gut belegt. So habe die Terrormiliz im Frühjahr und Sommer 2015 "nachweislich mit chemischen Kampfstoffen gefüllte Granaten auf Stellungen der kurdischen Peschmerga abgeschossen", schreibt die Bundesregierung. Blutproben verletzter Kämpfer zeigten später Rückstände von Senfgas. In einem vertraulichen Dokument von Mitte Januar bezeichnet das Auswärtige Amt den Senfgas-Angriff des IS auf Marea im August 2015 als "äußerst besorgniserregend".

US-Luftwaffe fliegt Angriffe auf Chemiewaffen-Labore des IS

Seinerzeit war nicht klar, ob die Islamisten den Kampfstoff aus Assad-Beständen erbeutet oder anderweitig beschafft hatten. Zwar gelten die Chemiewaffen des Regimes inzwischen als vernichtet. Doch wie mehrere Insider berichten, geht die Bundesregierung davon aus, dass der IS mittlerweile selbst Senfgas herstellen kann. Auch die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW), CIA-Chef John Brennan und US-Geheimdienstkoordinator James Clapper hatten sich kürzlich ähnlich geäußert. Zudem soll der IS auch schon Chlorgas eingesetzt haben.

Wie sehr die Sorge des Westens angesichts möglicher Chemiewaffen-Produktion durch den IS gewachsen ist, zeigte sich Anfang März, als die US-Luftwaffe Angriffe auf mehrere Chemiewaffen-Produktionsstätten des IS flog. Die Informationen über die Ziele stammten laut Pentagon von Suleiman Daoud al-Afari, der als Chef des IS-Chemiewaffenprogramms gilt. Er soll früher in der Armee des irakischen Diktators Saddam Hussein gedient haben und wurde laut Medienberichten im Februar bei Mossul von US-Spezialeinheiten gefasst.

Die zur Herstellung mancher Chemiewaffen notwendigen Substanzen gelten als relativ leicht beschaffbar. Die Bundesregierung geht davon aus, dass in Syrien und im Irak ein etablierter Schwarzmarkt existiert. In Libyen - wo der IS inzwischen ebenfalls aktiv ist - lagern große Mengen völlig unzulänglich gesicherter Kampfstoffe, wie die Briten kürzlich warnten.

Laut Stefan Mogl vom Labor Spiez im Schweizerischen Bundesamt für Bevölkerungsschutz sind die für die Senfgas-Herstellung notwendigen Grundstoffe auch in Hochschul-Chemielaboren zu finden. Bei der Herstellung von Farben, Dünger oder Insektiziden würden ebenfalls Stoffe genutzt, die sich nach Anpassungen für Senfgas eigneten. "Jemand mit den notwendigen Kenntnissen könnte damit Senfgas herstellen und in kleineren Mengen auch sicher transportieren", so Mogl.

Im Westen sorgt das für Besorgnis. "Bedenkt man, wie leicht Senf- und Chlorgas zu schmuggeln sind und dass diese Barbaren immer mehr auf Terror auch im Westen setzen, dann ist das alarmierend", meint der Grünen-Sicherheitspolitiker Omid Nouripour. Auch bei der Nato gibt es derartige Befürchtungen. Wolfgang Rudischhauser, Direktor des Nato-Zentrums für die Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen, warnte nach dem Anschlag auf die Pariser "Charlie Hebdo"-Redaktion vor einem ein "sehr realen Risiko", dass IS-Kämpfer chemische, biologische, radiologische oder sogar nukleare Materialien - kurz CBRN - "als Terrorwaffen gegen den Westen verwenden".

2. Radiologisches und nukleares Material

Auch nach Informationen der Bundesregierung haben es Islamisten nicht nur auf Chemiewaffen, sondern auf alle CBRN-Materialien abgesehen. Ein Interesse "islamistisch geprägter terroristischer Strukturen" an solchen Stoffen sei bereits seit Ende der Neunzigerjahre feststellbar, heißt es auf die Kleine Anfrage der Linksfraktion.

Dass Terroristen radiologisches oder nukleares Material in Osteuropa kaufen könnten, legte etwa eine verdeckte Ermittlung in Moldawien Anfang 2015 nahe, die in Fachkreisen weithin bekannt ist. Ein Ermittler gab sich als Vertreter des IS aus, und bekam radioaktives Cäsium für 2,5 Millionen Euro angeboten, angeblich um eine schmutzige Bombe herzustellen. Im Juni 2011 hatte ein Moldawier sogar versucht, hochangereichertes Uran-235 zu verkaufen.

Im Nahen Osten selbst sorgte der Diebstahl von Atommaterial zuletzt Mitte Februar für Schlagzeilen. Unbekannte hatten bereits 2015 bis zu zehn Gramm des radioaktiven Iridium-192 vom Gelände einer US-Ölfirma bei Basra gestohlen. Ein irakischer Beamter sagte der Nachrichtenagentur Reuters, man habe Sorge, der "Islamische Staat" könne das Material für eine schmutzige Bombe verwenden. Die Internationale Atomenergie-Agentur IAEA fahnde seit November erfolglos nach dem Material.

Sicherheits- und Abrüstungsexperten fordern vehement, die Schutzvorkehrungen zu verbessern. "Sollte eine radiologische Waffe in einer Großstadt eingesetzt werden, würde sie zwar nur wenige Menschen unmittelbar töten", sagt der ehemalige britische Verteidigungsminister Desmond Browne SPIEGEL ONLINE. "Aber die psychologische Wirkung wäre absolut verheerend. Und der Schaden würde in die Milliarden gehen."

Westliche Sicherheits- und Rettungskräfte bereiten sich inzwischen auf derartige Katastrophen vor. In Deutschland etwa wurde 2014, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, die "CBRN Info-Plattform Bund" eingeführt. Sollte es Hinweise auf Anschläge mit Massenvernichtungswaffen geben oder eine solche Attacke bereits erfolgt sein, "werden die teilnehmenden Behörden unverzüglich unterrichtet", so die Bundesregierung. Daneben gebe es Krisenpläne und -strukturen in mehreren Bundesministerien und auf Länderebene.

Zwar wisse niemand genau, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für einen Terroranschlag mit Massenvernichtungswaffen sei, sagt Browne. "Aber wir müssen nicht nur darauf vorbereitet sein, war wahrscheinlich ist - sondern darauf, was möglich ist."© SPIEGEL ONLINE