Deutschland schießt die Bilder, andere Länder werfen die Bomben. So läuft die Arbeitsteilung im Kampf gegen den IS in Syrien und im Irak. Doch weil immer mehr Unschuldige bei den Luftschlägen ums Leben kommen sollen, gerät nun auch die Bundeswehr in die Kritik.

Die Bundeswehr war offenbar in einen verheerenden Luftschlag in Syrien verwickelt. Viele Zivilisten sollen bei der Bombardierung einer Schule durch die Anti-IS-Koalition ums Leben gekommen sein.

Die Umstände des Angriffs sind unklar. Sicher ist aber: Deutsche Tornado-Jets spähten das Ziel vor dem Angriff aus.

  • Was ist genau ist passiert?

Ein Luftangriff auf ein Schulgebäude im Norden Syriens vor wenigen Tagen soll mindestens 33 Zivilisten das Leben gekostet haben. Das meldete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

In dem Gebäude waren demnach rund 40 Familien untergebracht, unter den Opfern sollen auch Frauen und Kinder gewesen sein.

Wahrscheinlich seien Jets der US-geführten Koalition für die Bombardierung des von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) kontrollierten Ortes Al-Mansura verantwortlich, teilten die Aktivisten mit.

Die genauen Umstände des Angriffs sind aber noch ungeklärt. Laut US-Militär gibt es keine Hinweise auf zivile Opfer in der Region.

  • Wie verlässlich sind die Informationen der Aktivisten?

Der Leiter der Menschenrechtler, Rami Abdel Rahman, sitzt in England und damit weit weg vom Bürgerkriegsgeschehen in Syrien. Er stützt sich auf eine Netzwerk von Informanten vor Ort.

Seine Angaben haben sich bislang als zuverlässig erwiesen und werden deswegen von Journalisten immer wieder verwendet.

Zudem berichtet Rahman über Tote auf allen Seiten. Die Beobachtungsstelle wird dennoch von fast allen Kriegsparteien kritisiert - von Syriens Regierung genauso wie von Oppositionellen.

Allerdings gilt auch für die Menschenrechtler, dass es generell schwieriger ist, Angaben aus IS-Gebiet zu erhalten.

  • Was hat die Bundeswehr mit dem Angriff zu tun?

Die Bundeswehr fliegt selbst keine Angriffe gegen den IS und Al-Kaida-nahe Extremisten, liefert aber Bilder dafür. Deutsche Tornados machen im Irak und in Syrien Fotos von mutmaßlichen Stellungen der Terrormiliz.

Damit sollen Angriffsziele identifiziert werden.

Die Bilder des Schulgebäudes wurden nach dpa-Informationen am 19. März aufgenommen. Einen Tag später folgte dann der tödliche Angriff.

Der Tornado ist ursprünglich als Kampfjet konzipiert. Ein Teil der Bundeswehr-Maschinen wurde aber als Recce-Tornados speziell für die Aufklärung ausgerüstet.

  • Wie läuft die Aufklärung der Bundeswehr in Syrien genau ab?

Die Luftwaffe erhält von den Partnern der Anti-IS-Koalition Listen mit potenziellen Zielen zur Aufklärung. Ein Offizier prüft, ob diese Orte vom Mandat gedeckt sind, der Einsatz also tatsächlich dem Kampf gegen den IS dient. Dann steigen die Tornados in den Himmel.

In einem Behälter unter dem Rumpf tragen sie Kameras, die hochauflösende, digitale Bilder schießen.

Im Anschluss betrachten Luftbildauswerter die Aufnahmen. Ist darauf ein Panzer zu sehen oder ein Pkw? Ist ein Flughafen stillgelegt? Ein Offizier prüft erneut, ob die Bilder mandatskonform sind. Nur dann dürfen sie an die Koalitionspartner weitergegeben werden.

Sind etwa kurdische Stellungen darauf zu sehen, werden die Bilder nicht weitergeleitet, da die Türkei - ebenfalls Teil der Anti-IS-Koalition - sie im Kampf gegen Kurden-Milizen einsetzen könnte.

Die Koalitionspartner nutzen die Fotos für die Angriffsplanung - neben Quellen wie Satellitenbildern und Drohnen.

  • Wie kam der Vorfall ans Licht?

Der Verteidigungsausschuss des Bundestags wurde am Mittwoch in streng geheimer Sitzung darüber informiert. Die Parlamentarier mussten vor der Unterrichtung nach Angaben von Teilnehmern sogar ihre Handys abgeben. Dennoch drangen die Informationen recht schnell an die Öffentlichkeit.

Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) sieht keine Mitverantwortung der Bundeswehr für den Tod von Zivilisten. Das Verteidigungsministerium will sich aus Geheimhaltungsgründen nicht zu konkreten Angriffen und Zielen äußern.

Es verweist auf oftmals längere Zeitspannen zwischen Aufnahmen und Angriffen: Es sei auf den Bildern nicht zu erkennen, wer sich zur Zeit der Bombardierung in den Gebäuden aufhalte.

  • Wie ist die derzeitige Lage in Syrien?

Beobachter werfen der US-Luftwaffe vor, die Zahl der zivilen Opfer bei ihren Luftangriffen in Syrien und im Irak sei in den vergangenen Wochen stark gestiegen.

In Folge einer gewaltigen Explosion im Westen der Metropole Mossul am 17. März waren etwa verschiedenen Berichten zufolge mehr als 100 Menschen ums Leben gekommen.

Den Menschenrechtlern zufolge starben allein am Mittwoch und Donnerstagmorgen 13 Menschen bei neuen Angriffen in Al-Mansura - darunter eine Frau und vier ihrer Kinder.

Berichten zufolge nutzt der IS Zivilisten aber auch immer wieder als menschliche Schutzschilde. Ob das im Angriff auf das Schulgebäude der Fall war, ist unklar.

  • Wie außergewöhnlich ist der Fall?

Die Bundeswehr hat seit Beginn des Einsatzes Tausende Aufklärungsfotos für den Kampf gegen den IS zur Verfügung gestellt. Ähnliche Vorfälle wurden bislang nicht bekannt.

Mit zivilen Verlusten musste die Bundeswehr aber bereits Erfahrungen machen. In der Nacht zum 4. September 2009 bombardierten US-Kampfjets im afghanischen Kundus zwei von radikalislamischen Taliban gekaperte Tanklaster - auf Anforderung des Bundeswehroberst Georg Klein. Er befürchtete, dass die Aufständischen die Fahrzeuge als rollende Bomben benutzen könnten.

Etwa 100 Menschen starben bei dem Luftangriff - viele von ihnen waren Zivilisten, die einfach nur Benzin abzapfen wollten.

Auf den Angriff folgte der Rücktritt des Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) - ebenso wie ein fast zweijähriger Untersuchungsausschuss des Bundestages.

Der aktuelle Fall ist allerdings völlig anders gelagert, da die Bundeswehr nicht die Entscheidung zum Angriff fällte, sondern nur vorab Bilder machte.© dpa

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