Auf ihrem kommenden Bundesparteitag will sich die AfD ein Parteiprogramm geben. Dabei steht die "Alternative für Deutschland" vor einer Richtungsentscheidung. Ein Experte beobachtet unter den Mitgliedern inzwischen "Vorstellungswelten, die bis ins Faschistische reichen" und sogar Parteichefin Frauke Petry zum Rücktritt zwingen könnten. Was also passiert da gerade mit der AfD?

Es hat etwas von einem Déjà-vu, wenn AfD-Chefin Frauke Petry im RTL-Nachtjournal gerade ihren Führungsanspruch gegen Gerüchte über ihre Entmachtung verteidigt:

"Tatsächlich gibt es einige wenige Personen, die öffentlich Gerüchte verbreiten. Ich denke aber, dass die Basis unserer Partei sehr wohl weiß, dass wir Stabilität benötigen und dass ich es bin, die diese Stabilität nach außen und innen vermitteln kann."

Petry selbst hatte in einem "Stern"-Interview diese Woche ihren Rückzug für den Fall angedeutet, dass die Partei zu weit nach rechts driftet.

Die "Rote Linie" sei für sie "die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Dazu gehört, dass man Gewalt ablehnt, dass man Rassismus nicht duldet. All' das sollte selbstverständlich sein", sagte Petry, wohl wissend, dass man Dinge, die selbstverständlich sind, nicht in aller Öffentlichkeit einfordern muss - es sei denn, sie sind eben doch nicht für alle so selbstverständlich.

Die intellektuellen Wurzeln der AfD

Petry wäre im Falle eines Rückzugs nicht die erste Vorsitzende der erst knapp drei Jahre alten Partei, die angesichts des scheinbar unaufhaltsamen Rechtsrucks aufgibt. Im Gegenteil.

Als sich die AfD 2013 gründete, stand sie zwar von Beginn an am rechten Rand des Parteienspektrums, aber eben auch wesentlich näher an der Mitte als heute.

Parteigründer Bernd Lucke war zu diesem Zeitpunkt ein wenig bekannter Ökonom mit einer Professur an der Universität Hamburg. Lucke vertrat bereits seit Beginn der Finanzkrise 2008 offensiv die These, dass die Idee eines gemeinsamen europäischen Währungsraumes zum Scheitern verurteilt sei.

In dieser Haltung wurde er von vielen liberal-konservativen Professoren und Entscheidungsträgern der Wirtschaft unterstützt. Die Partei wirkte mit prominenten Förderern, wie dem ehemaligen BDI-Präsidenten Hans-Olaf Henkel, wie das Projekt eines wirtschaftsliberalen Establishments.

Die D-Mark-Partei

In der breiten Öffentlichkeit wurde die "Partei Alternative für Deutschland" vor allem als eine Euro-kritische Partei wahrgenommen. Fremdenfeindlichkeit und nationalistische Töne waren zu Beginn eher selten zu hören.

Dafür machten Lucke und seine Professoren-Freunde mit heftiger Kritik an der Griechenlandrettung und der Bereitstellung neuer Milliarden für die in Not geratenen Banken auf sich aufmerksam. Man wünschte sich gemeinsam die D-Mark zurück und forderte eine Reduzierung des Einflusses von Brüssel auf die Nationalstaaten.

Positionen waren das, die man so ähnlich auch bei der FDP finden konnte. Bei der Bundestagswahl 2013 verpasste die AfD nur knapp die Fünf-Prozent-Hürde und sorgte mit dafür, dass die Liberalen zum ersten Mal seit 64 Jahren nicht mehr im Bundestag vertreten waren.

Autor bei "Maischberger": Hätte man auf ihn gehört, gäbe es AfD nicht.

Kampf gegen den Islamismus

Man könnte die ersten Jahre der AfD als die Erfolgsgeschichte einer populistischen, liberal-konservativen Kraft beschreiben. Doch das Ende dieses ersten Abschnitts einer noch sehr kurzen Parteiengeschichte zeichnete sich früh ab.

Denn angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen rückte das Thema Asylpolitik immer weiter in den Vordergrund und schickte sich an, das Feindbild Euro als identitätsstiftendes Moment abzulösen.

Bereits Anfang 2015 verabschiedete der Bundesvorstand ein Strategiepapier, in welchem die Asylpolitik und der "Kampf gegen den Islamismus" einen zentralen Stellenwert einnehmen.

Das Papier markiert eine inhaltliche Wende und den Beginn eines massiven Einflussverlustes der Professoren, Ökonomen und Publizisten, die der Partei in ihren Anfangsjahren einen bürgerlichen Anstrich gaben.

Henkel: AfD ist "NPD-Light"

Plötzlich dominierten Forderungen nach einer anderen Asylpolitik, schnelleren Abschiebungen, der Wiedereinführung von Grenzkontrollen und die Abschaffung des Familiennachzugs. Das Feindbild "Islam" und ausländerfeindliche Töne wurden hoffähig.

Die ersten Opfer dieses Flirts mit rechten Positionen wurden die Parteigründer selbst. Bereits im vergangenen Sommer hatte Parteichef Lucke nach einem offenen Streit mit dem immer stärker werdenden rechten Flügel die Partei verlassen.

Viele prominente Köpfe folgten, darunter auch der ehemalige BDI-Chef Hans-Olaf Henkel, der bis April 2015 Mitglied des Bundesvorstands der Partei war und sich entsetzt über den Rechtsruck der AfD zeigte.

Die Partei sei mittlerweile zu einer "NPD light" geworden, sagte Henkel dem WDR-Magazin "Westpol". "Es macht mir Kummer, dass ich mitgeholfen habe, ein richtiges Monster zu erschaffen."

"Vorstellungswelten, die bis ins Faschistische reichen"

Nach dem Rückzug der liberal-konservativen Gründer der Partei übernahm der rechte Flügel endgültig die Macht über die Geschicke der AfD. Neben der neuen Parteichefin Frauke Petry traten bizarre Gestalten wie die stellvertretende Vorsitzende Beatrix von Storch in das Licht der Öffentlichkeit.

Aus dem Fischen am rechten Rand wurde der fortgesetzte öffentliche Tabu-Bruch. Exemplarisch für die neue AfD steht die Forderung nach dem Einsatz von Schusswaffen gegen Flüchtlinge an der Grenze, eine Entgleisung Beatrix von Storchs, von der sich Frauke Petry bis heute nicht eindeutig distanzieren mag.

"Ich habe in einem Interview die deutsche Rechtslage referiert. Es ist Rechtslage, dass im Notfall an den deutschen Grenzen von der Schusswaffe Gebrauch gemacht werden kann", sagte Petry diese Woche im RTL-Nachtjournal.

"Diese Leute wollen ein anderes Deutschland"

Dass Petry jetzt erstmals offen über einen möglichen Rückzug spricht, zeigt, dass mit derartigen Positionen das Driften der Partei nach rechts offenbar noch lange nicht beendet ist. Die AfD könnte sich inzwischen auf dem Weg zu einer verfassungsfeindlichen Partei befinden.

Es gebe in der AfD "Vorstellungswelten, die bis ins Faschistische reichen", sagte der Berliner Sozialwissenschaftler David Bebnowski im "Stern". "Dahinter steckt die Konzeption einer tiefgreifenden, revolutionären Veränderung. Diese Leute wollen ein anderes Deutschland."

Beim kommenden Bundesparteitag in Leinfelden-Echterdingen südlich von Stuttgart kommen an diesem Wochenende mehr als 2.000 der rund 23.000 Mitglieder zusammen, um ein gemeinsames Parteiprogramm zu verabschieden. Es wird sich zeigen, wer in der AfD die Oberhand behält.

Die vergleichsweise gemäßigten Parteimitglieder wie der Wirtschaftswissenschaftler Jörg Meuthen, der als Professor für Volkswirtschaftslehre und Finanzwissenschaft an der Hochschule Kiel ein Relikt aus den Gründungstagen der alten AfD ist.

Oder der Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzende Björn Höcke, der immer wieder durch seine fehlende Abgrenzung zur NPD auch innerparteilich kritisiert wird. "Ich gehe nicht davon aus, dass man jedes einzelne NPD-Mitglied als extremistisch einstufen kann", sagte Höcke der "Thüringer Allgemeinen Zeitung".

"Schreckliche Bilder aushalten"

Ebenfalls dem rechten Flügel zuzuordnen ist der brandenburgische AfD-Fraktionschef Alexander Gauland, der mit menschenverachtenden Äußerungen in der Flüchtlingskrise auf sich aufmerksam machte.

"Wir können uns nicht von Kinderaugen erpressen lassen", sagte das AfD-Gründungsmitglied im "Zeit"-Magazin. Man müsse "die Grenzen dichtmachen und dann die grausamen Bilder aushalten".

Vieles spricht dafür, dass Petry Aussagen wie diese meint, wenn sie jetzt einen möglichen Rückzug andeutet.

Auf dem Parteitag am Wochenende wird sich zeigen, ob sie die AfD stabilisieren und das Driften nach rechts außen beenden kann. Oder ob die Geister, die sie selbst gerufen hat, jetzt auch über ihr eigenes politisches Schicksal entscheiden.