Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: Warum der Westen sich in Afghanistan selbst verraten hat.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

der Westen hat in Afghanistan alle verraten, sagte ZDF-Chefredakteur Peter Frey gestern Abend im Fernsehen. Er sprach vom moralischen Versagen des Westens.
Widerspruch: Was da versagt und seit Vietnam immer und immer wieder versagt, ist nicht "der Westen", sondern ist die Logik der westlichen Militärintervention. Man muss kein Pazifist sein, um an der Effizienz einer militärisch dominierten Außenpolitik zu zweifeln.

Demokratie, Frauenrechte, Pressefreiheit, sie lassen sich nicht exportieren wie ein iPhone oder ein Mercedes. In Wahrheit werden unsere Werte schon dadurch verraten, dass man sie mit vorgehaltener Maschinenpistole durchzusetzen versucht. Auf Kuba. In Vietnam. Im Iran. Im Irak. In Angola. In Nicaragua. Wir züchten auf diese Art Diktatoren wie Somoza und Religionsfanatiker wie Khomeini. Wir haben nicht die Afghanen verraten. Viel schlimmer: Wir haben uns selbst verraten. Nicht dadurch, dass wir gehen, sondern dadurch, dass wir im Militärrock gekommen sind.

Von allen außenpolitischen Niederlagen des Westens ist die in Afghanistan die seit Vietnam schmerzhafteste: Die Frauen waren und sind rechtlos, der Andersdenkende war und ist Freiwild, religiöse Gewalt hat sich erneut auf breiter Front durchgesetzt.

Die militärische Intervention unter dem zu Beginn vielversprechenden Titel "Enduring Freedom” kostete den amerikanischen und den deutschen Steuerzahler in Summe über eine Billion Dollar und die vereinigten Streitkräfte 3.596 Menschenleben. Mit letzter Anstrengung versuchten westliche Militärs und Geheimdienste am Wochenende ihr Personal und ihre Kontaktleute in der heimischen Bevölkerung auszufliegen. Ein Hauch von Saigon lag über der Szenerie gestern Abend. "Die Großen haben nur gepokert, die Kleinen sind krepiert", lautete damals die Schlagzeile des "Stern".

Die Folgen der aktuellen Ereignisse sind heute Morgen noch schwer abzusehen:

  • Präsident Aschraf Ghani hat das Land verlassen. Berichten zufolge soll er nach Tadschikistan geflohen sein.
  • Die Taliban wollen nach ihrem Sieg die Wiedererrichtung des Islamischen Emirats Afghanistan verkünden. So hieß das Land bereits vor der westlichen Intervention.
  • Industrielle Großprojekte wie die im vergangenen November vereinbarte Zusammenarbeit von Siemens Energy mit der afghanischen Regierung, mit der die noch nicht ans Netz angeschlossene Bevölkerung mit Strom versorgt werden soll, sind nun gefährdet. Wie der Konzern mitteilte, müsse man nun die "Präsenz und Aktivitäten vor Ort hinterfragen".
  • Womöglich entsteht in diesen Tagen ein neuer Flüchtlingstreck, der in den kommenden Monaten die westliche Solidarität und Humanität erneut testen wird.

Am Sonntag hatte auch die Berliner Politik bemerkt, dass es sich bei der Ankunft der Taliban in Kabul um eine Chefsache handelt. Am Abend lud die Bundeskanzlerin, assistiert von ihrer Verteidigungsministerin und dem Generalinspekteur der Bundeswehr, die Fraktionsspitzen im Bundestag zu einer Telefonkonferenz, um über die nächsten Schritte in der Krisenbewältigung zu informieren.

Das vorläufige Ergebnis:

  • Noch in der Nacht sollten zwei Airbus A 400M Transportmaschinen der Bundeswehr nach Kabul starten, um unter größtem Zeitdruck deutsche Staatsangehörige zu evakuieren.
  • Dabei will Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer vor allem Fallschirmjäger der Division Schnelle Kräfte einsetzen.
  • Deutsche Staatsbürger, die etwa bei Hilfsorganisationen arbeiten, wurden mit der Unterstützung anderer Nationen bereits in Drittländer wie Katar ausgeflogen.

Fazit: Der Afghanistan-Krieg drängt mit Wucht in den Bundestagswahlkampf. Es ist nach der Flut das zweite ungeplante Ereignis, das die Laufrichtung der öffentlichen Debatte verändern wird.

Historische Ereignisse wie diese sind immer auch ein Test für das Urteilsvermögen unserer politischen Elite. Einer, der den Afghanistan-Test nicht bestanden hat, ist Außenminister Heiko Maas. Vor genau zwei Monaten konterte er im Deutschen Bundestag kritische Fragen eines FDP-Abgeordneten zur Situation in Kabul mit der folgenden Antwort:

"All diese Fragen haben die Grundlage, dass in wenigen Wochen die Taliban in Afghanistan das Zepter in der Hand haben. Das ist nicht die Grundlage meiner Annahme."

Guten Morgen, Herr Außenminister.

Ich wünsche Ihnen einen unbeschwerten Start in diese neue Sommerwoche. Es grüßt Sie auf das Herzlichste

Ihr Gabor Steingart


"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.

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