Die quälend lange Regierungsbildung verunsichert viele internationale Partner der Kanzlerin. Ist Deutschland noch ein Stabilitätsanker in Europa und der Welt? Merkel will die Sorgen zerstreuen.

Angela Merkel kennt die Sorgen ihrer internationalen Partner und der Wirtschaftsführer aus aller Welt. Deswegen gießt die Kanzlerin ihre zentrale Botschaft in einen einfachen, klaren Satz: "Deutschland will ein Land sein, das auch in Zukunft seinen Beitrag leistet, um gemeinsam in der Welt die Probleme der Zukunft zu lösen."

Mitten in der quälend langen Regierungsbildung hat sie Berlin am Mittwoch für einen Tag verlassen, um den im verschneiten Davos versammelten Wirtschaftsführern und politischen Größen zu versichern: Ihr könnt weiter mit Deutschland rechen. Und mit mir.

Ein wenig überraschendes Signal

Lange hat Merkel gezögert, ob sie angesichts der wackeligen Lage Zuhause tatsächlich zum Weltwirtschaftsforum reisen soll. Doch zu groß war im Kanzleramt die Sorge, dass sich bei den internationalen Partnern der Eindruck festsetzt, die als mächtigste Frau der Welt bekannte Kanzlerin verliere rapide an Macht.

Kurz vor dem Start der Koalitionsverhandlungen mit der SPD hatte sich Merkel deswegen den Termin freigehalten, um in der Schweiz eine Antwort auf die Frage zu geben, welche Rolle Deutschland und sie selbst denn nun künftig international spielen würden.

Das Signal, das die Kanzlerin sendet, hat inhaltlich nicht überrascht. Und auch europapolitisch ist es nicht die langersehnte detaillierte Antwort auf die Reformvorschläge ihres jungen französischen Partners Emmanuel Macron.

Doch die war ohnehin jetzt noch nicht zu erwarten - Merkel muss auf die Verhandlungen mit den Sozialdemokraten Rücksicht nehmen. Im gemeinsamen Sondierungspapier haben Union und SPD immerhin schon Offenheit für eine neue Europapolitik signalisiert - aber mehr ist aus Sicht der Kanzlerin nicht drin, solange die stabile neue große Koalition nicht steht.

Kein "Showdown" mit Donald Trump

Dafür schickt Angela Merkel erneut unzweideutige Signale Richtung Donald Trump, der am Donnerstag in Davos erwartet wurde. Auf ein persönliches Zusammentreffen wollte sich die Kanzlerin wohl auch wegen ihrer aktuellen diffizilen Lage nicht einlassen - der ursprünglich von ihr für diesen Donnerstag geplante Start der Koalitionsverhandlungen in großer Runde kam ihr bei der Reiseplanung als Argument entgegen.

Doch Merkels Botschaft wird den US-Präsidenten auch so erreichen. Vor Abschottung und neuem Nationalismus warnt die Kanzlerin - und jeder im Auditorium weiß, wer gemeint ist, auch wenn sie den Namen Trump nicht in den Mund nimmt.

"Wir glauben, dass Abschottung uns nicht weiterführt. Wir glauben, dass wir kooperieren müssen, dass Protektionismus nicht die richtige Antwort ist", sagt Merkel.

Deutlicher kann ihre Absage an die Politik des mächtigen Amerikaners nicht ausfallen. Einen direkten "Showdown" mit dem Präsidenten will Merkel vermeiden - sie dürfte ein solches Vorgehen auch nicht als zielführend erachten. Stattdessen setzt sie lieber darauf, dass Deutschland als Kraft des Multilateralismus auftritt - in einem gemeinsamen, wirtschaftlich starken Europa.

Auch deshalb wiederholt Merkel einen Satz, der schon früher als starke Abgrenzung zu dem einstmals engsten westlichen Partner verstanden worden war: "Wir müssen unser Schicksal mehr in die eigene Hand nehmen." Mehr Distanz zu Trump geht kaum.

Gleich zu Beginn ihrer Rede zieht die Kanzlerin einen weiten Bogen zu den Katastrophen des 20. Jahrhunderts mit den zwei Weltkriegen. So macht sie die Bedeutung klar, die sie einer multilateralen Lösung der Krisen dieser Welt gibt: "Haben wir nun wirklich gelernt aus der Geschichte, oder haben wir es nicht", fragt sie rhetorisch in den Saal.

Deutschland sollte verhandlungsfähig sein

Merkel fühlt sich sichtlich wohl auf dem internationalen Podium in den Schweizer Bergen - es ist ja auch eine willkommene Abwechslung zu dem oft mühseligen Klein-Klein bei den Sondierungen der vergangenen Monate. Aber natürlich holt die schleppende Regierungsbildung die Kanzlerin auch in Davos ein.

Ganz zum Schluss hat Klaus Schwab, der Gründer des Weltwirtschaftsforums, noch eine persönliche Frage an die Kanzlerin. Sie sei ja in den vergangenen Monaten durch schwierige Verhandlungen gegangen. Aus eigener Erfahrung könne er sagen: In all diesen Phasen lerne man ja auch etwas dazu, sagt der 79-Jährige fast väterlich. Was denn die letzten Wochen Merkel persönlich gebracht hätten, will er von seiner Gesprächspartnerin auf dem Podium wissen.

Mal ganz absehen davon, dass die Verhandlungen ja noch nicht zu Ende seien, fällt Merkel dazu als allererstes das Wort "Geduld" ein. Sie habe die Lage in den vergangenen Wochen "viel intensiver durchdacht als vorher", räumt sie ein. Immer wieder sei ihr dabei bewusst geworden, wie wichtig eine stabile Regierung für die Handlungsfähigkeit Deutschlands sei.

Sie freue sich zwar, dass sie in Davos sei, schmeichelt Merkel ihrem Gastgeber. Ansonsten sei sie aber derzeit natürlich sehr viel mehr auf Deutschland und die Verhandlungen dort konzentriert. Die vergangenen Monate hätten sie gelehrt, wieviel sich in vier Monaten verändere und "wie schnelllebig eigentlich unsere Zeit heute ist", sagt die Kanzlerin nachdenklich. Und dass ein Land, das wie Deutschland seinen Beitrag zur Globalisierung leisten wolle, "eigentlich rund um die Uhr handlungsfähig sein sollte". Der Satz ist auch ein Signal an ihre Verhandlungspartner von der SPD in Berlin.

Als Schwab Merkel dann für die Restphase ihrer Verhandlungen alles gute wünscht und verspricht: "Wir sind immer da, seit jetzt vielen Jahren, um Sie zu unterstützen und zu begleiten", wird es der Kanzlerin dann doch zuviel des Guten. Lächelnd wehrt sie ab: "Bitte nicht zu bemitleidend." Merkel ahnt wohl: Zuviel Mitleid würde ein grelles Schlaglicht auf ihre wackelige Situation Zuhause werfen. Und vielleicht noch mehr an ihrer Macht kratzen.  © dpa

Teaserbild: © Guido Bergmann/Bundesregierung/dpa