Nach 86 Tagen des Wartens soll es jetzt ganz schnell gehen: Unmittelbar nach der Vereidigung der neuen Regierung geht das Team von Angela Merkel an die Arbeit. Am Nachmittag hat sich das Bundeskabinett zu seiner ersten Sitzung getroffen. Es wartet schließlich viel Arbeit auf die neue große Koalition.

Die GroKo betritt Neuland: Erstmals in seiner Geschichte bekommt der Deutsche Bundestag nach Angaben von Abgeordneten der Regierungsparteien einen Internet-Ausschuss. Dabei handle es sich um einen Hauptausschuss, also nicht um den Unterausschuss eines anderen Gremiums, teilten die Abgeordneten Peter Tauber (CDU) und Gerold Reichenbach (SPD) am Dienstagabend via Twitter mit. Der neue Ausschuss trage die Bezeichnung Ausschuss für Internet und digitale Agenda, erklärte Lars Klingbeil (SPD) ebenfalls über Twitter.

Bundeskanzlerin Angela Merkel startet mit großem Rückhalt aus der neuen großen Koalition in ihre dritte Amtszeit. Bei ihrer heutigen Wiederwahl im Bundestag bekam die 59-Jährige so viele Stimmen wie noch kein Kanzler zuvor. Für die CDU-Vorsitzende stimmten 462 von 621 anwesenden Abgeordneten, was praktisch eine Drei-Viertel-Mehrheit (74,4 Prozent) bedeutet. Neuer Vizekanzler ist SPD-Chef Sigmar Gabriel, der das Wirtschafts- und Energieministerium übernimmt. Die Opposition besteht im Bundestag jetzt nur noch aus Linkspartei und Grünen.

Energiewende ist drängendes Problem

Dem ZDF-"heute journal" nannte Merkel die Bewältigung der Energiewende als drängendstes Problem der neuen Amtszeit. "Die Zukunft der Arbeitsplätze und des Wirtschaftsstandortes Deutschland hängen davon ab." Zudem bekomme man jetzt ein Verfahren aus Brüssel, "das heißt, wir werden sehr eng mit der Europäischen Union die Neugestaltung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes hinbekommen müssen".

Der russische Präsident Wladimir Putin gratulierte Merkel und bescheinigte ihr "politische Autorität". EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso lobte die «beeindruckenden Anstrengungen» Merkels im Kampf gegen die Eurokrise. "Deutschland und die Europäische Union stehen gemeinsam vor der Herausforderung, den eingeschlagenen Konsolidierungs- und Reformkurs entschlossen fortzusetzen."

Bundestagspräsident Norbert Lammert gab bei der Vereidigung zwei Personen besondere Worte mit auf den Weg. Zur ersten Verteidigungsministerin Deutschlands, Ursula von der Leyen (CDU), sagte er: "Herzlichen Glückwunsch. Und besonders gute Wünsche für ein besonderes Amt." Auch Kanzleramtschef Altmaier bekam "besonders gute Wünsche" mit auf den Weg.

Merkels Mutter Gast im Bundestag

Als erstes Kabinettsmitglied wurde Merkel noch am Vormittag im Bundestag vereidigt. Sie sprach dabei auch den religiösen Zusatz "So wahr mir Gott helfe." Auf den Besucherplätzen im Bundestag war auch ihre Mutter dabei. Merkels Ehemann Joachim Sauer blieb wie bei den beiden früheren Gelegenheiten fern.

Der Liveticker zum Nachlesen: Neue Bundesregierung vereidigt.

Bei der Überreichung der Ernennungsurkunden an die neuen Minister erinnerte Gauck die neue Koalition daran, dass sie durch ihre klare Mehrheit nun "erheblichen politischen Gestaltungsspielraum" habe, den sie auch nutzen solle. Angesichts von weiterhin großen Herausforderungen wie der Euro-Krise und dem demografischen Wandel brauche Deutschland eine "stabile, handlungsfähige Regierung". "Das erwarten die Bürgerinnen und Bürger ebenso wie unsere Partner in Europa und der Welt."

Wie erwartet wurde Merkel in geheimer Abstimmung gleich im ersten Wahlgang gewählt. Für die absolute Mehrheit hätten ihr 316 Stimmen gereicht. Insgesamt haben Union und SPD im neuen Bundestag 504 Sitze. Es gab 150 Nein-Stimmen und 9 Enthaltungen. Die gesamte Opposition von Linken und Grünen besteht aus 127 Abgeordneten. Dies bedeutet, dass in den schwarz-roten Reihen mindestens 32 Abgeordnete Merkel die Stimme versagten. Vermutet wird, dass es SPD-Abgeordnete waren.

Merkel ist nun bereits seit dem 22. November 2005 ohne Unterbrechung deutsche Regierungschefin, mehr als acht Jahre lang. Im nächsten Frühjahr wird sie auch Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) an Dienstjahren überholen. Vor ihr liegen dann nur noch die beiden CDU-Kanzler Konrad Adenauer und Helmut Kohl. Für Deutschland ist dies nach 1966-1969 und 2005-2009 die dritte große Koalition. Die CDU bekommt neben dem Kanzleramt fünf Ministerien, die SPD hat sechs und die CSU drei.

Bereits an diesem Mittwoch will Merkel im Bundestag die erste Regierungserklärung ihrer neuen Amtszeit abgeben. Es geht allerdings zunächst nur um den bevorstehenden EU-Gipfel in Brüssel und noch nicht ums schwarz-rote Gesamtprogramm. Am Nachmittag fliegt sie dann gemeinsam mit dem alten und neuen Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) zu einem Besuch nach Paris. Steinmeier selbst unternimmt seine erste Solo-Reise am Donnerstag nach Warschau.