Für die Sicherheitsbehörden war er ein unbeschriebenes Blatt. Plötzlich nimmt ein junger Muslim eine Axt und ein Messer und greift arglose Fahrgäste in einem Regionalzug an. Der IS inszeniert sich als Auftraggeber. Doch die Frage nach dem Motiv ist nicht vollständig geklärt - und könnte womöglich auch ungeklärt bleiben.

Auslöser könnte der Tod eines sehr guten Freundes in Afghanistan gewesen sein. Aus einem unscheinbaren jungen Flüchtling ein radikalisierter islamistischer Gotteskrieger. So zumindest sehen es die Ermittler am Tag nach dem Axt-Angriff in einem Regionalzug bei Würzburg. Sie stehen noch am Anfang ihrer Untersuchungen.

Mann im Clip: "Beginne heilige Operation in Deutschland."

Wer nah an ihm dran war, beschreibt ihn als freundlich und unscheinbar. Innerhalb von zwei Tagen habe sich der 17-Jährige laut Zeugen dann verändert, sagt Kriminaldirektor Lothar Köhler vom bayerischen Landeskriminalamt.

Wie das sein kann, versucht der Terrorismus-Experte Davis Lewin in der "Bild" zu ergründen: Eine große Rolle spielt demnach das Internet. "Dort finden die späteren Attentäter radikale Propaganda-Artikel und Videos islamistischer Terrororganisationen", sagt er. "Wenn jemand diese Propaganda regelmäßig konsumiert und schon voreingenommen ist, dauert die Radikalisierung bis zur Gewaltbereitschaft manchmal nur wenige Wochen."

Bei dem jungen Afghanen dauert es offenbar nur wenige Tage - auch wenn bislang nicht klar ist, ob er auf einschlägigen Seiten im Internet unterwegs war und ob er wirklich Kontakt zur Terrorgruppe IS hatte. Lewin glaubt das eher nicht. "Davon gehe ich nach aktuellem Stand nicht aus. Der Täter hat sich von den Mordaufrufen der Terrorgruppe anstacheln lassen – und dafür wird er jetzt vom sogenannten IS gefeiert. Inwieweit er wirklich aktiven Kontakt mit den Terroristen hatte, ist unklar."

Hinweise auf Motiv im Abschiedsbrief

Der Pflegefamilie, bei der der junge Afghane erst seit kurzem untergebracht war, sagte er, er wolle Fahrrad fahren. Stattdessen packt er am Montagabend Messer und Axt ein, steigt am Ochsenfurter Bahnhof in die Regionalbahn 58130 nach Würzburg und will sich an "Ungläubigen" rächen - für das Leid, das diese seinen muslimischen Freunden zugefügt hätten. So steht es zumindest in einem Abschiedsbrief an den Vater, der erst in Versatzstücken übersetzt ist.

Köhler liest eine Passage vor: "Und jetzt bete für mich, dass ich mich an diesen Ungläubigen rächen kann, und dass ich in den Himmel komme." Die Opfer wählt er nach Erkenntnissen der Ermittler völlig willkürlich aus. Er trägt ein weißes T-Shirt mit Schriftzeichen, die der Symbolik der Terrormiliz IS ähneln.

Fünf Menschen werden verletzt, zwei davon schweben noch am Dienstagnachmittag in Lebensgefahr. Die Verletzungen der Opfer seien "teilweise sehr schlimm und sehr drastisch", sagt Polizeipräsident Gehard Kallert. Ein Augenzeuge sagt, zwei Verletzte hätten schwere Kopfverletzungen gehabt. Im Zug habe es ausgesehen wie in einem "Schlachthof", sagt ein anderer Zeuge. Auf seiner Flucht erschießen Beamte eines Spezialeinsatzkommandos den Täter.

Ein verunsicherter Jugendlicher, der durchgeknallt ist

Simone Barrientos sitzt am Dienstagmorgen an einem Fenster ihres Hauses im historischen Zentrum von Ochsenfurt und raucht. Seit Montagabend raucht sie viel. Denn seitdem ist klar, was einer ihrer "Jungs", wie sie sie nennt, getan hat. Die 52-jährige Verlegerin kümmert sich im Ochsenfurter Helferkreis vor allem um die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, so wie der Täter einer war. "Ich bin für sie ein bisschen Familie geworden", sagt Barrientos. "Er war nicht der Typ, wo man jetzt denkt, dass er durchknallt." Er sei weder schmal noch kräftig gewesen.

Barrientos zeichnet das Bild eines verunsicherten Jugendlichen, dem Anschein nach weit weg von jeder Radikalisierung. Alle Afghanen unter den jugendlichen Flüchtlingen lebten in ständiger Angst vor dem Ablehnungsbescheid ihres Asylverfahrens, sagt sie. In ihre Heimat zurück zu müssen sei für sie eine furchtbare Vorstellung.

Kontakt zu ihrer Familie hätten die meisten seit Ewigkeiten nicht gehabt, manche hätten auch gar keine Familie. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur hat der 17-Jährige zudem hier ein Praktikum in einer Bäckerei absolviert und hatte Aussichten auf eine Lehrstelle.

17-Jähriger bis zur Tat unauffällig

Dass der Sunnit mit dem IS sympathisiert haben soll, kann sich Barrientos nicht vorstellen. "Wir wissen nicht, ob er sich radikalisiert hat", sagt sie. "Wir wissen nur, dass er in dem Moment durchgeknallt ist." Zu diesem Zeitpunkt weiß sie noch nichts von den Erkenntnissen, die die Ermittler einigen Stunden präsentieren werden.

Eigentlich lehnten alle jugendlichen Flüchtlinge die Terrormiliz ab, denn "mit jeder Attacke des IS sind sie mit in Sippenhaft" - zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, unterstreicht sie.

Laut Zeugenaussagen trat der 17-Jährige nicht als radikalisiert oder fanatisch in Erscheinung. Er sei mal an Feiertagen in die Moschee gegangen, aber kein sehr gläubiger Muslim gewesen, sagt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU).

Herrmann fordert schnelle Aufklärung, wie es so weit kommen konnte. Der Leitende Oberstaatsanwalt Erik Ohlenschlager sagt allerdings schon am Dienstag, manche Fragen könnten vielleicht nie beantwortet werden. Das Problem ist schlicht: Der Täter ist tot. "Wir können ihn nicht fragen, damit fehlt eine wichtige Erkenntnisquelle." (cai/dpa)