• Zwei leitende Angestellte des Norddeutschen Rundfunks (NDR) in Kiel sind auf eigenen Wunsch freigestellt worden.
  • Im Raum steht der Vorwurf, dass Führungskräfte in Recherchen ihrer Reporter eingegriffen haben sollen.
  • Journalistinnen und Journalisten des NDR zeigen sich erschüttert.

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Die NDR-Nachrichtensendung "Schleswig-Holstein 18:00" begann am Mittwoch ungewöhnlich. Man sei "fassungslos" über neue Vorwürfe gegen Führungskräfte des Senders, sagte Moderatorin Marie-Luise Bram. "Wir haben ernsthaft überlegt und diskutiert, ob wir heute überhaupt senden."

Das "Schleswig-Holstein-Magazin" legte um 19:39 Uhr nach: Aus Protest begann die Sendung mit dem Blick in ein leeres Studio. Das Moderationsduo und die Redaktion hatten sich draußen vor dem Kieler Funkhaus versammelt.

Moderatorin: "Das trifft uns bis ins Mark"

Nach dem Skandal um mögliche Geldverschwendung und Vorteilsnahme beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) wird nun also auch der Norddeutsche Rundfunk (NDR) in Schleswig-Holstein von einem möglichen Skandal erschüttert.

Es steht der Verdacht im Raum, dass Führungskräfte die Berichterstattung ihrer Mitarbeitenden manipuliert haben sollen. "Das trifft uns als unabhängige Journalisten bis ins Mark", sagte die Moderatorin Gabi Lüeße im "Schleswig-Holstein-Magazin".

Noch handelt es sich um ungeklärte Vorwürfe. Doch der NDR in Kiel hat am Mittwoch vorübergehend personelle Konsequenzen gezogen. Der Direktor des Landesfunkhauses Schleswig-Holstein, Volker Thormählen, teilte am Mittwoch in einem Statement mit: "Norbert Lorentzen und Julia Stein haben mich am heutigen Nachmittag gebeten, sie bis auf Weiteres von ihren bisherigen Aufgaben im Landesfunkhaus Schleswig-Holstein zu entbinden. Ich habe ihrem Wunsch entsprochen und mich bei ihnen für diesen Schritt bedankt."

Thormählen ergänzte: "Ich möchte der guten Ordnung halber daran erinnern, dass die Unschuldsvermutung gilt." Lorentzen ist Chefredakteur des NDR für Schleswig-Holstein, Stein ist dort für die Politik-Berichterstattung verantwortlich.

Gab es einen "Filter" der Redaktionsleitung?

Der Fall dreht sich um Vorwürfe im Zusammenhang mit der Politik-Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen ARD-Senders. Das Online-Medium "Business Insider" und danach der "Stern" hatten über Vorwürfe berichtet, wonach es eine Art "Filter" durch die Vorgesetzten in der Redaktion geben könnte. Dabei ging es beispielsweise um ein Interview, das ein NDR-Journalist habe führen wollen, was seine Vorgesetzten aber abgelehnt hätten.

Reporter des "Schleswig-Holstein-Magazins" wollten der eigenen Darstellung zufolge im Herbst 2020 über Missbrauchsfälle in der Nachkriegszeit in Kinderheimen in St. Peter-Ording berichten. Die Leiterin der Politik-Redaktion soll in die Recherchen eingegriffen und darauf gedrängt haben, das Deutsche Rote Kreuz als Betreiber der Heime nicht zu nennen.

"Wir haben ein Problem mit der Kultur, mit dem Klima und der Kommunikation"

Chefredakteur Lorentzen und auch der NDR hatten den Vorwurf von politischer Einflussnahme zurückgewiesen. Der unabhängige Landesrundfunkrat Schleswig-Holstein hat eine Prüfung eingeleitet. NDR-Mitarbeiter forderten in einem Brief an den Landesfunkhausdirektor eine lückenlose Aufklärung. Es gehe um die Reputation des Senders.

Landesfunkhauschef Volker Thormählen hatte bereits am Dienstagabend im NDR-Fernsehen gesagt: "Wir haben ein Problem mit der Kultur, mit dem Klima und der Kommunikation hier bei uns im Haus." Er habe das in Ansätzen gewusst, aber in der Dimension nicht richtig eingeschätzt. Das bedaure er.

Die Posten von Lorentzen und Stein übernehmen vorübergehend nach NDR-Angaben die Vize-Direktorin und Chefredaktionsmitglied Bettina Freitag und Redakteur Andreas Schmidt aus dem Bereich "Politik und Recherche". (dpa/fab)

Gregor Gysi

Nach Tod von Gorbatschow: Gysi fordert deutsche Gedenkveranstaltung

Bislang ist unklar, ob deutsche Weggefährten zur Beerdigung des verstorbenen Michail Gorbatschow reisen können und werden. Der Linken-Politiker Gregor Gysi wünscht sich währenddessen eine deutsche Gedenkfeier. (Bildquelle: imago/Panama Pictures)