• Er galt als progressiver Katholik und Kämpfer für die Rechte von Migrantinnen und Migranten.
  • Nun ist der Präsident des EU-Parlaments David Sassoli im Alter von 65 Jahren gestorben.
  • Er lag zuvor schon einige Zeit im Krankenhaus.

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Die Nachricht kam mitten in der Nacht: Der Präsident des Europaparlaments, David Sassoli, ist tot. Er sei am Dienstag um 1:15 Uhr im Centro di Riferimento Oncologico in Aviano, einer Klinik in der nordostitalienischen Region Friaul-Julisch Venetien, gestorben, sagte EU-Parlamentssprecher Roberto Cuillo der Deutschen Presse-Agentur.

Der aus Florenz stammende Sassoli wurde 65 Jahre alt. Am frühen Morgen drückten die ersten Politiker ihr Beileid aus. "Ciao David, lebenslanger Freund", schrieb Italiens Kulturminister Dario Franceschini auf Twitter.

EU-Klimakommissar Frans Timmermans sprach Sassolis Familie sein Beileid aus. "Seine Herzlichkeit war eine Inspiration für alle, die ihn kannten. Mein aufrichtiges Mitgefühl gilt seiner Familie und seinen Lieben", schrieb der Niederländer am Dienstagmorgen auf Twitter. "Mir fehlen die Worte."

EU-Ratschef Charles Michel würdigte Sassoli als "aufrichtigen und leidenschaftlichen Europäer". Seine menschliche Wärme, seine Großzügigkeit, seine Herzlichkeit und sein Lächeln würden bereits vermisst, schrieb Michel auf Twitter. Er fühle sich traurig und bewegt. Michel drückte Sassolis Familie und seinen Angehörigen sein Beileid aus.

"Ich bin zutiefst betrübt über den schrecklichen Verlust eines großen Europäers und stolzen Italieners", schrieb EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen am Dienstag auf Twitter.

Zudem postete sie ein Bild der beiden mit dem Vermerk: "Ruhe in Frieden David, mein lieber Freund."

EU-Parlamentspräsident David Sassoli lag schon länger im Krankenhaus

Sassoli war bereits seit mehr als zwei Wochen im Krankenhaus, wie am Montag bekannt wurde. Ein Sprecher des EU-Parlaments in Brüssel hatte erklärt, der Italiener sei in einer Klinik in seinem Heimatland untergebracht und werde dort behandelt.

Der Aufenthalt sei "wegen einer schweren Komplikation aufgrund einer Funktionsstörung des Immunsystems" von Sassoli erforderlich geworden. Der Parlamentspräsident befand sich nach den Angaben des EU-Parlaments bereits seit dem 26. Dezember in Behandlung. Alle seine Termine wurden damals abgesagt.

Im Oktober verpasste Sassoli bereits eine Tagung des Parlaments, weil er Fieber hatte. Im September war er bereits wegen einer Lungenentzündung im Krankenhaus behandelt worden und konnte mehrere Wochen lang nicht seinen Aufgaben als EU-Parlamentspräsident nachgehen. Zuvor war er außerdem einmal an Leukämie erkrankt.

Das Krankenhaus Centro di Riferimento Oncologico in Aviano machte auf Nachfrage am Dienstagmorgen keine Angaben. Sprecher Cuillo erklärte auf Twitter weiter, Zeit und Ort der Beerdigung würden in den kommenden Stunden bekanntgegeben.

Über sein privates Twitter-Konto hatte Sassoli noch am Montagvormittag zum Tod der italienischen Journalistin Silvia Tortora kondoliert. Am 31. Dezember lobte er die Worte des italienischen Staatsoberhauptes, Sergio Mattarella, aus dessen Neujahrsansprache.

Sassoli war seit Juli 2019 Präsident des EU-Parlaments

Sassoli gehörte der Partei Partito Democratico (PD) an. Er war seit Juli 2019 Präsident des Europäischen Parlaments gewesen. Der Sozialdemokrat löste seinen Landsmann Antonio Tajani von der konservativen Forza Italia ab.

Sein Aufstieg zum Präsidenten des EU-Parlaments kam für viele überraschend, da Italien 2019 mit dem heutigen Regierungschef in Rom, Mario Draghi, als Chef der Europäischen Zentralbank und Federica Mogherini als EU-Außenbeauftragter noch zwei weitere Spitzenposten besetzt hatte.

Sassoli stellte klar, dass er seine Wahl auch als Zeichen der Unabhängigkeit des Parlamentes im Machtkampf mit den Regierungen der EU-Staaten sah. "Ich bin kein Mann des Rates", sagte er nach seiner Wahl mit Blick auf die Vertretung der Mitgliedstaaten.

Parlamentsdebatten führte der "Presidente", der sich oft in seiner Muttersprache Italienisch äußerte, mit harter Hand, jedoch ohne verbale Ausbrüche. Seine zweieinhalbjährige Amtszeit wurde durch die Corona-Pandemie geprägt. So musste er die Umstellung des Parlamentsbetriebs auf Telearbeit koordinieren. Sein Organisationstalent verschaffte ihm Respekt unter den Abgeordneten.

Seine Amtszeit lief diesen Monat zur Hälfte der Legislaturperiode gemäß einer Absprache der EU-Staats- und Regierungschefs aus. Sassoli hatte bereits angekündigt, dass er nicht zur Wiederwahl antreten wollte. Nach Angaben des Parlaments sollten die Abgeordneten während der Plenarsitzung in Straßburg nächste Woche Dienstag seinen Nachfolger oder seine Nachfolgerin bestimmen.

Vor seiner Zeit als EU-Parlamentspräsident hatte Sassoli von 2014 bis 2019 den Posten des Vizepräsidenten in der EU-Institution und hatte damit noch rund drei Jahre (2014 bis 2017) als Vertreter des damalige Europaparlamentspräsidenten Martin Schulz (SPD) gearbeitet.

Sassoli wurde am 30. Mai 1956 in Florenz in der Toskana geboren. Vor seiner politischen Karriere arbeitete er als Journalist. Der Werdegang des studierten Politikwissenschaftlers startete zunächst bei kleineren Tageszeitungen. 1985 schaffte er es in die Redaktion der römischen Zeitung "Il Giorno" (Der Tag). Später landete er schließlich im Fernsehen und moderierte sogar die Hauptnachrichtensendung TG1 des öffentlich-rechtlichen Senders Rai 1.

Sassoli setzte sich für die Belange von Geflüchteten und Benachteiligten ein

Er entwickelte sich schnell zum vertrauten Gesicht für Millionen Italiener, als er die Abendnachrichten im Sender Rai Uno präsentierte - eine Art italienischer "Mister Tagesschau". 2007 wurde er auch stellvertretender Direktor des Nachrichtenprogramms TG1. 2009 zog er für die sozialdemokratische Partito Democratico (PD) ins EU-Parlament ein.

Sassoli galt unter anderem als Kritiker der Migrationspolitik vieler Mitgliedsstaaten. Immer wieder setzte er sich für die Belange von Menschen auf der Flucht ein. In Italien ist Migration besonders zwischen linken und rechten Parteien ein Streitthema, da in dem Mittelmeerland sehr viele Migranten auf ihrer Flucht in Booten ankommen, um in die EU zu gelangen.

Er galt zudem als progressiver Katholik. Nach Angaben seiner Partei war er schon als Jugendlicher bei den Pfadfindern und hatte sich in katholischen Jugendgruppen engagiert. Er selbst hinterlässt zwei Kinder.

Als Zeichen seiner Solidarität inmitten der Krise stellte er die verwaisten Räumlichkeiten des Parlaments sowohl in Straßburg als auch in Brüssel zur Verfügung, um Mahlzeiten für bedürftige Familien zuzubereiten und ein Corona-Testcenter einzurichten.(dpa/AFP/ank)

Teaserbild: © Jean-Francois Badias/AP/dpa