Die Absage eines Treffens von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit dem deutschen Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) ist für viele der Inbegriff eines Eklats. Doch in den Medien wird das Thema kontrovers kommentiert.

Die Presse in Israel kommentierte die Absage des Treffens von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Außenminister Sigmar Gabriel widersprüchlich.

Für "Ma'ariv" hat Netanjahu zu "100 Prozent korrekt" gehandelt, "Jediot Achronot" spricht dagegen von einer "Sünde" des Ministerpräsidenten. Deutsche Medien attestieren Netanjahu Schwäche, werfen Gabriel jedoch auch provokatives Verhalten vor.

Eine Übersicht der Pressestimmen aus beiden Ländern.

Deutsche Presse

"Gelassenheit - ausgerechnet Sigmar Gabriel strahlt als Außenminister in einer diplomatischen Krise eine Sicherheit aus, die ihm in Deutschland häufig nur wenige zutrauen. Mit seiner Ruhe hat er den diplomatischen Affront seines Gastgebers, des israelischen Regierungschefs und Außenministers Benjamin Netanyahu, gemeistert.

Die Drohung, Gabriel müsse sich entscheiden zwischen einem Treffen mit dem Ministerpräsidenten oder Vertretern von israelischen Menschenrechtsorganisationen, kann man als Erpressung empfinden. Sie zeigt aber vor allem Netanyahus Schwäche und dessen Schwierigkeiten im Umgang mit der Wahrheit."

  • "taz.de": "Gabriels Zeichen war wichtig"

"Deutschland hat eine besondere Verantwortung für Israel. (...) Das bedeutet aber nicht, gegenüber der israelischen Regierung Leisetreterei betreiben zu müssen, wie es Deutschland gegenüber Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zu lange getan hat. (...)

Sigmar Gabriel hat jetzt diese Politik beendet. Sein Besuch bei der Organisation Breaking the Silence wurde von der Regierung Netanjahu erwartbar als Provokation verstanden. Dennoch war dieses Zeichen wichtig.

Mehr als bestenfalls den Status quo erhalten kann man mit dem Zeichen, wie Gabriel es jetzt gesetzt hat, nicht. Aber in den Zeiten von Trump und Netanjahu ist das schon viel."

  • "Der Tagesspiegel": "Das kommt einer Provokation gleich"

"Dieser Staat (Israel) sieht sich als einzige Demokratie der Region. Und bei allen Einwänden zu vielen Themen, nicht zuletzt zum Siedlungsbau - auch nur der Versuch der Gleichsetzung mit anderen Ländern, die mit Deutschland vor allem durch Meinungsunterschiede verbunden sind, ist nicht nur ungeschickt. Er verbietet sich auch.

Die Türkei Erdogans, das Russland Putins und das China Xi Jinpings lassen sich mit Israel nicht vergleichen. Aber dieser Vergleich wird implizit von Gabriel gezogen, wenn er sagt, Gespräche mit Nichtregierungsorganisationen seien seit vielen Jahren in vielen Ländern üblich.

Das kommt - in den Tagen des Holocaustgedenkens - einer Provokation gleich. Und von deutscher Seite einer Anmaßung, der israelischen erklären zu wollen, was unter demokratischen Staaten üblich sei."

  • "Merkur.de": "Bedauerlich, dass Netanjahu Eklat herbeiführt"

"Ja, Israel befindet sich in einer geopolitisch schwierigen Position, die einen anderen Umgang mit Sicherheit verlangt. Und ja, deutsche Positionen bleiben historisch heikel.

Umso bedauerlicher mutet es deshalb an, wenn Netanjahu aus innenpolitischem Interesse einen solchen Eklat herbeiführt. Er steht für einen neuen Ton in der internationalen Politik, wie er schon von Putin, Orban, Erdogan oder Trump angeschlagen wird. Eine bedenkliche Entwicklung, die weiter um sich greift. Jetzt auch in die Vorbild-Demokratie im Nahen Osten, die eigentlich leuchtendes Beispiel für ihre Nachbarn sein sollte."

Israelische Presse

  • "Haaretz": "Israel will als westliche Demokratie gesehen werden"

"Wenn Außenminister, Ministerpräsidenten und Präsidenten von demokratischen Nationen andere funktionierende Demokratien besuchen, begnügen sie sich üblicherweise damit, Oppositionsführer zu treffen.

Sie setzen nur einen besonderen Akzent, in dem sie Vertreter der Zivilgesellschaft und Menschenrechtsorganisationen in Ländern treffen, wo es eine besondere Besorgnis bezüglich dieser Themen gibt. (...) Aber Israel will als westliche Demokratie gesehen werden."

  • "Ma'ariv": "Netanjahu zu 100 Prozent korrekt"

"Ministerpräsident Benjamin Netanjahu war zu 100 Prozent korrekt - und vielleicht sogar mehr -, sein Treffen mit dem deutschen Außenminister Sigmar Gabriel abzusagen. Der Minister kam auf einen offiziellen Besuch, dessen Höhepunkt ein Treffen mit dem israelischen Ministerpräsidenten hätte sein sollen. Aber er entschied sich dazu, ihn und die Israelis zu kränken, in dem er vorher Organisationen wie Breaking the Silence und Betselem trifft. (...) Mit dieser Entscheidung hat Gabriel Israel ins Gesicht gespuckt, die Empfindlichkeiten der Menschen verletzt, und genau so wichtig: Er tat es bewusst und vorsätzlich."

  • "Jediot Achronot": "Netanjahu begeht Sünde"

"Die Tatsache, dass sie (die linken Organisationen) zu großen Teilen mit Spenden von ausländischen Regierungen und Organisationen unterstützt werden, spricht nicht für sie.

Die Politik der israelischen Regierungen sollte von Israelis bestimmt werden - und nicht von Ausländern. Aber diese beiden Organisationen bewegen sich im Rahmen des Gesetzes. Man kann ihren Kampf für Menschenrechte respektieren; man kann sie kritisieren und sogar boykottieren, aber man kann sie nicht davon abhalten, sich mit ausländischen Besuchern zu treffen.

Netanjahu begeht die gleiche Sünde, die von den linken Organisationen begangen wird: Er übergibt die israelische Debatte in ausländische Hände." (she/dpa)