In der Debatte um Satirefreiheit greift der Kabarettist Dieter Hallervorden (80) den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan in einem Lied an. Die Pressereaktionen in Deutschland spitzen sich währenddessen zu - und sprechen eine deutliche Sprache.

Kabarettisten mischen sich zunehmend in die Debatte um Jan Böhmermann ein. In "Erdogan, zeig' mich an", ein Song, den Dieter Hallervorden am späten Sonntagabend auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte, heißt es etwa: "Ich sing' einfach, was du bist. Ein Terrorist, der auf freien Geist scheißt." Der Schauspieler kommentierte seinen Song mit den Worten: "Jetzt erst recht".

Jan Böhmermann wird zum Politikum

Der Beitrag ist eine Reaktion auf die Versuche Erdogans, gegen deutsche Satirebeiträge vorzugehen. Die Türkei verlangt etwa eine Bestrafung des Moderators Jan Böhmermann nach dessen Schmähgedicht über Erdogan.

Wegen einer Satire des NDR-Fernsehmagazins "extra 3" hatte der türkische Staatspräsident zuvor den deutschen Botschafter einbestellen lassen.

Es geht um das Strafverlangen der türkischen Regierung gegen den Comedian Jan Böhmermann. Anne Will möchte diskutieren, ob sich Kanzlerin Angela Merkel erpressbar macht und die Pressefreiheit preisgibt. Die Antwort ist eindeutig.

Hallervorden macht in seinem kurzen Schunkelsong darauf aufmerksam, dass Erdogan die satirischen Beiträge über ihn mit seiner Reaktion erst populär gemacht habe. "Erdogan, Erdogan, mach' auch meinen Song bekannt. Erdogan, Erdogan, sei nur einfach wutentbrannt."

Das Hallervorden-Lied wurde in den ersten Stunden bereits über 1.000 Mal auf Facebook geteilt. Mehr als 2.000 User drückten den "Gefällt mir"-Knopf.

"Paragraph 103 StGB ist ein rechtsstaatlicher Anachronismus"

Unterdessen zeichnet sich in der deutschen Presselandschaft ein deutliches Bild der Solidarisierung mit Böhmermann auf der einen Seite, und des Appells an die Bundeskanzlerin auf der anderen Seite ab.

Einige Pressestimmen:

  • "Mannheimer Morgen":

"Das ist bizarr, überzogen und wirkt wie ein Rückfall in die Interessenpolitik des 19. Jahrhunderts. Immerhin werden Böhmermann und seine, in diesem Fall erschreckend schweigsamen, Kollegen nach dem Prozess genauer wissen, was Satire noch darf. Kurt Tucholskys altbewährte Antwort 'alles' scheint ja nicht mehr zu gelten."

"Ich verstehe die Aufregung über Ihren Text nicht ganz. Gibt es doch in Deutschland eine gute von Tucholsky geprägte, von Hitler ex negativo gehärtete Tradition der Meinungs-, Kunst- und Satirefreiheit. Sie, lieber Herr Böhmermann, mussten nun lernen, dass andere Maßstäbe gelten, wenn es um türkische Spitzenpolitiker geht. Ich möchte mich, Herr Böhmermann, vorsichtshalber allen Ihren Formulierungen und Schmähungen inhaltlich voll und ganz anschließen und sie mir in jeder juristischen Form zu eigen machen. Vielleicht lernen wir uns auf diese Weise vor Gericht kennen. Mit Präsident Erdogan als Fachgutachter für die Grenzen satirischer Geschmacklosigkeit."

  • "Rhein-Neckar-Zeitung":

"In diesem Zusammenhang wäre es wirklich interessant zu erfahren, ob die Türkei auch ermitteln würde, wenn dort ein Komiker der Bundeskanzlerin Sodomie vorwerfen würde? Würde Erdogan in Berlin anrufen, das Ganze als "bewusst verletzend" bezeichnen. Nur mal so gefragt."

"Nein, man muss Jan Böhmermann nicht mögen; man kann seinen Humor verstörend, beleidigend oder auch schlicht zum Kotzen finden. Aber gleich mit der dicksten Keule, der Ultima Ratio, dem schwersten Geschütz des Rechtsstaats drauflos knüppeln? Paragraph 103 StGB ist ein rechtsstaatlicher Anachronismus. Er soll die internationalen Beziehungen schützen und macht dabei keinen Unterschied zwischen Demokratien und Folter-Regimes. Dass es einen solchen Paragraphen in Deutschland immer noch gibt, ist der eigentliche Witz. Und zwar einer, über den man nun wirklich nicht lachen kann."

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(dpa/she)