Der Eklat um das "Schmähgedicht" von Jan Böhmermann reißt nicht ab. Nachdem der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan einen Strafantrag wegen Beleidigung gestellt hat, äußert sich nun Oliver Kalkofe auf Facebook zu der "vollkommen absurde Staatsaffäre".

In Debatte um Böhmermann-Satire greift Komiker Erdogan an.

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan hat am Montag einen Strafantrag wegen Beleidigung gegen Jan Böhmermann gestellt. Längst ist das sogenannte "Schmähgedicht" über einen einfachen Eklat hinausgewachsen. Beim "Fall Böhmermann" handelt es sich mehr und mehr um eine handfeste Staatsaffäre, mit der sich Kanzleramt und Staatsanwaltschaft befassen müssen.

Nicht nur dort fragt man sich, ob das "Schmähgedicht" noch Satire oder bereits eine verurteilungswürdige Boshaftigkeit ist. Muss der Autor Jan Böhmermann dafür juristisch zur Rechenschaft gezogen werden? Hat er für diese verbalen Entgleisungen vielleicht sogar eine Gefängnisstrafe verdient?

"Tödlicher Stich ins Herz" der Meinungsfreiheit

"Das ist alles absolut scheißegal!", schreibt Oliver Kalkofe dazu nun auf Facebook. Der 50 Jahre alte Komiker setzt mit diesen Worten zu einem langen und leidenschaftlichen Zwischenruf in der Debatte an, die sich seiner Meinung nach gerade "zu einer der bizarrsten, erschreckendsten und für unsere Meinungs- und Redefreiheit auch gefährlichsten Diskussionen seit langem" ausweite.

Denn: Was bei der Diskussion aus dem Fokus verschwunden sei ist, worum es Böhmermann bei der sogenannten "Schmähkritik" eigentlich ging – nämlich nicht um das mit rassistischen Stereotypen gespickte Gedicht selbst, sondern um die zweite Ebene, die Aktion darum herum.

Besondere Kritik übt der Komiker am Verhalten des Senders ZDF und Kanzlerin Angela Merkel, die in "vorauseilendem Gehorsam" den möglichen Zorn des türkischen Premiers abzuwenden versuchten – und damit der Satire- und Redefreiheit in Deutschland "einen tödlichen Stich ins Herz" versetze.

Sollte es gegen Böhmermann tatsächlich zu einem Prozess kommen, dann stünde im Grunde nicht er allein vor Gericht, sondern das Recht auf Meinungsfreiheit an sich. "Eigentlich ist es in seiner Absurdität fast schon wieder lustig...", schreibt Kalkofe weiter, "[...] aber darf man darüber lachen, wenn das Recht auf Satire getötet wird?"

Oliver Welke attackiert Angela Merkel

"Heute-Show"-Moderator Oliver Welke übt bei der "Bild"-Zeitung am Dienstag ebenfalls scharfe Kritik an der Bundeskanzlerin. Über ihren Regierungssprecher Steffen Seibert mitteilen zu lassen, dass sie Böhmermanns Gedicht "bewusst verletzend" finde, sei ein großer Fehler gewesen, "der ihr hoffentlich leidtut". Erst dadurch sei die Angelegenheit überhaupt erst zum "Fall Böhmermann" geworden.

"Man kann nicht zuerst nichts sagen zum Einbestellen des deutschen Botschafters in Ankara nach dem Fall 'extra 3'. Und sich dann quasi als oberste deutsche Fernsehkritikerin zu Böhmermann äußern - das geht gar nicht!", sagte er der Zeitung.

"Fall Böhmermann" als Chance für Rechtsstaat

Während Oliver Kalkofe ein düsteres Bild für die Meinungsfreiheit im Land zeichnet, sehen deutsche Politiker in der Debatte um Böhmermanns "Schmähgedicht" durchaus eine Chance für den Rechtsstaat.

Ansgar Heveling, Vorsitzender im Innenausschuss des Bundestages, wertet eine juristische Überprüfung des Falls als "Signal dafür, dass wir solche Streitfragen unserer unabhängigen Justiz überlassen." Das sagte er im Interview mit der Zeitung "Rheinische Post".

Mit einer Verurteilung des Satirikers rechne er nicht: "Wir sollten auf die Stärke unseres Rechtsstaates vertrauen."

Grünen-Chef Cem Özdemir fordert von der Bundesregierung jetzt Haltung zu beweisen und "Richtung Türkei zu demonstrieren, was uns Presse- und Meinungsfreiheit wert sind."

(jwo/dpa)