In einer aktuellen Umfrage zu den fremdenfeindlichen Vorfällen in Sachsen wurden von den Befragten als mögliche Hauptgründe wirtschaftliche Sorgen und die Flüchtlingspolitik genannt. Rund zehn Prozent sahen Elternhaus und Schule in der Hauptverantwortung. Der Pädagoge Wolfgang Beutel sagt: Erziehung ist tatsächlich der entscheidende Faktor.

Der aktuelle Deutschlandtrend hat sich mit den mutmaßlichen Gründen der fremdenfeindlichen Vorkommnisse in Sachsen befasst und ein interessantes Ergebnis geliefert: 28 Prozent der Befragten gaben an, dass sie vor allem wirtschaftliche Sorgen als Grund sehen.

Dahinter kommt die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung mit 27 Prozent, die sächsische Landespolitik mit 17 Prozent - und schließlich mit zehn Prozent folgen Versäumnisse bei der Erziehung in Elternhaus und Schule.

Wir sprachen mit dem Pädagogen Wolfgang Beutel, Geschäftsführer des Förderprogramms "Demokratisch Handeln", über die brisante Thematik.

Welche Rolle spielt nach Ihrer Erfahrung die Erziehung bei der Ausprägung von extremen Gesinnungen?

Wolfgang Beutel: Erziehung spielt da die zentrale Rolle. Sie ist hauptsächlich für die Herausbildung moralischer Vorstellungen und für ein Wertebewusstsein verantwortlich, das Toleranz beinhaltet und Demokratiefähigkeit. Vor allem Letzteres ist uns nicht von Natur aus gegeben, das muss man lernen - und zwar vor allem in der Familie, weil sie in erster Linie für die Erziehung zuständig ist.

Es ist erwiesen, dass, wenn Kinder und Jugendliche früh Gewalt oder Ausgrenzung erfahren, oder viele Vorurteile in Gesprächen hören, man nicht erwarten kann, dass daraus eine demokratische Gesinnung entspringt.

Genauso wichtig ist die Schulerziehung. Das Problem an der Schule ist nun, dass sie an sich keine demokratische Einrichtung ist. Zum Beispiel schränkt sie durch ihre Präsenzpflicht das Grundrecht der Freizügigkeit ein. Zudem wird Macht über Schüler ausgeübt, man kann gemobbt werden, mitunter fehlt die soziale Anerkennung.

Um Toleranz und gegenseitige Anerkennung zu fördern, müssten diese Dinge auch im Alltag zwischen Lehrern und Schülern und zwischen den Schülern untereinander häufiger vorkommen. Nur so können Kinder und Jugendliche die Erfahrung machen, dass sie mitbestimmen können, dass die Demokratie kein fertiges System ist, sondern von der alltäglichen Praxis eines jeden Menschen abhängt und nicht nur von Gesetzen und Politikern.

Worauf müssen den Eltern achten, um zu vermeiden, dass ihre Kinder nach rechts abdriften?

Zunächst einmal muss man feststellen, dass wohl jeder gewisse Vorurteile pflegt, die aus früherer Erfahrung oder eigener Sozialisation resultieren. Man muss sich also als erstes einmal selbst prüfen, welche Vorbehalte man hat. Dann kann man an ihnen arbeiten, etwa indem man dem, was einem Angst bereitet, mit Humor und einer gewissen Leichtigkeit begegnet.

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Ängste sind die Quelle aller Vorurteile, zum Beispiel aktuell vor der Migrationsbewegung nach Deutschland, vor einer anderen Kultur, die diese Menschen mitbringen könnten. Mit diesen Ängsten muss man selbstkritisch umgehen und sie bearbeiten.

Welche Rolle spielt die Schule bei der Rechtsextremismus-Prävention?

Lehrer müssen, mehr als früher, Pädagogen sein und dürfen sich weniger denn je nur auf ihre Fachkompetenz berufen. Ein Lehrer muss eingreifen, wenn er etwa Witze von Schülern über Juden oder Muslime hört, wenn er merkt, hier werden - über das Scherzhafte, was unter Jugendlichen üblich ist, hinaus - Vorurteile bedient.

Zudem muss er im Unterricht und im Umgang mit den Schülern eine Atmosphäre der Anerkennung und wechselseitigen Wahrnehmung schaffen und den Schülern vermitteln, dass sie für ihr Lernen und Tun selbst verantwortlich sind - und dass sie vor allem auch in der Lage sind, etwas zu lernen und zu bewirken.

Die psychologische Interessentheorie sagt, dass für demokratische Haltungen und Werte vor allem zwei Dinge entscheidend sind: Soziale Eingebundenheit, also auch die Anerkennung durch Andere, und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Das heißt die Erfahrung, dass man selbst etwas bewirken kann und auch sollte. Wenn dieses Gefühl vermittelt wird, ist das ein gutes Mittel gegen Verführungen durch extreme politische Gruppen.

In der erwähnten Umfrage kam als vermuteter Grund für die fremdenfeindlichen Vorfälle in Sachsen hinter den wirtschaftlichen Sorgen direkt die Politik - noch weit vor der Erziehung. Ist es überhaupt sinnvoll, eine Rangfolge zu erstellen?

Tatsächlich sind diese Dinge in unserer komplexen Gesellschaft nicht losgelöst voneinander zu betrachten. Wenn man Angst vor dem Fremden und gleichzeitig das Gefühl hat, dass die Politik den Überblick verliert, fördert das die eigenen Bedenken - zumal die

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Institutionen der Europäischen Union im Moment auch nicht Eindruck machen, als würde man einen gemeinsamen Weg finden, die Flüchtlingsproblematik zu lösen.

Und da sind wir wieder bei der Erziehung, denn die ist davon natürlich nicht unbeeinflusst. Wenn man im Elternhaus als Zehnjähriger ständig hört "Die vielen Flüchtlinge, das können wir gar nicht schaffen", fördert das nicht gerade das Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.

Das heißt nicht, dass Kinder nicht lernen sollen, Politik kritisch zu hinterfragen. Wenn sie jedoch immer nur hören, dass Politiker eine korrupte Kaste sind und man ihnen nicht vertrauen kann, und wenn solche Einstellungen ungeprüft den Alltag prägen, kann man nicht erwarten, dass das Kind einen differenzierten Blick auf Politik und Gesellschaft bekommt.

Wolfgang Beutel hat auf Gymnasial-Lehramt studiert und sich schon früh mit der Entwicklung von Schule und Lernen beschäftigt. Seit 1989 betreibt er mit Peter Fauser das Förderprogramm "Demokratisch Handeln", seit 1990 ist er dort in der Geschäftsführung tätig. "Demokratisch Hadeln" unterstützt Projekte an Schulen und anderen Bildungseinrichtungen, mit denen Demokratie- und Politikverständnis gefördert werden.

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