Am Tag vor dem Beginn des G20-Gipfels macht sich Hamburg auf eine Demonstration gefasst, die nach Einschätzung der Polizei so wenig friedlich werden dürfte, wie ihr Motto klingt: Unter dem Titel "Welcome to Hell" haben autonome Gruppierungen zum "blockieren, sabotieren, demonstrieren" aufgerufen. Welche Ziele verfolgen die Linksextremen? Und wer demonstriert noch?

Aus dem aktuellen Verfassungsschutzbericht geht hervor: Die linke Szene ist 2016 gewachsen, um sieben Prozent auf rund 28.500 Personen. Das sind so viele linksextremistische Menschen wie nie zuvor in Deutschland.

Mit mehr als zehn Prozent sei die Steigerung bei den gewaltorientierten Linksextremisten am stärksten ausgefallen, wenngleich die Zahl von linksextremen Straf- und Gewalttaten rückläufig war.

Bis zu 8.000 gewaltbereite Linksextreme (bei voraussichtlich 10.000 Teilnehmern) erwarten die Behörden am Donnerstag in Hamburg. Sie kommen aus ganz Deutschland und dem Ausland, vor allem aus Skandinavien, der Schweiz und Italien zusammen. Unter dem Motto "Welcome to Hell" wollen sie gegen den G20-Gipfel auf die Straße gehen - wobei laut Polizei mit Ausschreitungen zu rechnen ist.

Besonders drei Gruppen der linksextremistischen Szene Hamburgs sind involviert. Ein Überblick über ihre Ziele und ihr Vorgehen:

Autonome Szene

Autonome sind nach Einschätzung der Verfassungsschützer gewaltorientierte Linksextremisten ohne einheitliches ideologisches Weltbild.

Ihr politischer Kampf richte sich gegen die bestehende politische und gesellschaftliche Ordnung. Sie lehnen den Kapitalismus ab und streben eine herrschaftsfreie Gesellschaft an.

Zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele wird Gewalt als legitimes Mittel betrachtet. Politisches Zentrum der Autonomen in Hamburg ist die seit 1989 besetzte "Rote Flora".

Roter Aufbau Hamburg

Das politische Grundgerüst dieser antiimperialistischen Gruppe beruht auf Kernelementen des Marxismus-Leninismus.

Sie agitieren nach Einschätzung des Verfassungsschutzes überwiegend gegen global tätige Konzerne sowie nationale und internationale Institutionen.

"Das Gewaltmonopol des Staates lehnen sie ab und reklamieren für sich zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele ein Recht auf Widerstand gegen das 'System', welches auch gewalttätige Aktionen einschließt", betont der Verfassungsschutz.

Interventionistische Linke

Postautonome wie die Interventionistische Linke sind laut Verfassungsschutz aus den Militanz- und Organisationsdebatten innerhalb der zersplitterten und in Teilen zerstrittenen linksextremistischen Szene entstanden.

Sie kritisieren insbesondere die Theoriefeindlichkeit der Autonomen.

Die Postautonomen verfolgen eine langfristige Politik der kleinen Schritte und streben eine Revolution in Form einer Transformation des bestehenden Systems an - auch indem sie gezielt taktisch-strategische Bündnisse mit Nicht-Extremisten eingehen.

Bündnis "Hamburg zeigt Haltung"

Das Bündnis, ein Zusammenschluss aus rund 200 Einzelpersonen, lehnt das G20-Treffen nicht grundsätzlich ab, will aber die demokratischen Werte in Deutschland unterstreichen. Zu den Unterstützern zählen unter anderem Hamburgs Erzbischof Stefan Heße, Ex-Bürgermeister Ole von Beust (CDU), der Technische Direktor des Fußballclubs St. Pauli, Ewald Lienen und Theatermacher Corny Littmann.

Auch die Hamburger SPD, die Grünen und die türkische Gemeinde unterstützen die Initiative.

Als völlig friedlich gilt die für Samstag geplante Kundgebung des Bündnisses, zu der die Veranstalter 10.000 Menschen erwarten.

Jan van Aken

Der Linken-Bundestagsabgeordnete Jan van Aken hat für Samstag eine Demonstration mit 50.000 bis 100.000 Teilnehmern angemeldet. Bei dieser Veranstaltung werden Ausschreitungen befürchtet.

ZuG20

Ein Sonderzug aus Basel mit rund 700 Protestlern traf am Donnerstagmorgen in Hamburg ein.

In der Hansestadt verteilten sich die Sonderzug-Mitfahrer quer über die Stadt: Manche wanderten zu einem Übernachtungscamp in Richtung Altonaer Volkspark, andere gingen zum Fischmarkt an der Elbe - dem Startpunkt der für Donnerstagnachmittag geplanten Autonomen-Demo "Welcome to Hell".

Organisatoren kritisieren Behörden

Andreas Blechschmidt vom linksautonomen Kulturzentrum "Rote Flora", der die Demo angemeldet hat, hat der Innenbehörde und dem Hamburger Verfassungsschutz am Donnerstag vorgeworfen, "eine massive Kampagne" gegen Demonstranten zu führen.

"Das Bündnis, für das ich hier stellvertretend spreche, ist seit einer Woche Ziel einer massiven und denunzierenden Stigmatisierung, mit haltlosen und aus der Luft gegriffenen Gewaltszenarien", sagte er bei einer Pressekonferenz. (dpa/mcf)