Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: das Coronavirus, "Super Tuesday", die Wahl in Thüringen, Ursula von der Leyen äußert sich zu Griechenland, ein neues FDP-Mitglied und Instagram.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
von Gabor Steingart, Journalist, Buchautor, Medienmanager

Guten Morgen, liebe Leser,

im globalen Dorf grassiert das Coronafieber. Und die Dorfbewohner – angeführt von ihren Leitmedien – nähern sich kollektiv dem Gemütszustand einer milden Winterpanik. Menschliche Sensationsgier und mediale Übertreibungslust haben mit vereinten Kräften eine Psychose herbeigeführt, gegen die das Gegengift der Aufklärung derzeit keine Chancen hat. Die Zahl der Corona-Live-Ticker auf den Online-Portalen übertrifft deutlich die Zahl der Verdachtsfälle. Die Vernunft steht weltweit unter Quarantäne.

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts haben sich in Deutschland 196 Menschen mit dem Coronavirus Typ Sars-CoV-2 infiziert. Einen tödlichen Verlauf der Krankheit gab es hierzulande bislang nicht. In Europa sind bisher rund 80 Menschen gestorben.

Zum Vergleich: 98.500 Deutsche haben sich in der aktuellen Saison mit der "normalen" Influenza-Grippe infiziert, davon sind 161 Erkrankte an den Folgen der Infektion gestorben. In heftigen Influenza-Jahren – zuletzt 2017/2018 – brachte das Virus dem Robert-Koch-Institut zufolge mehr als 25.000 unserer Landsleute unter die Erde.

Die apokalyptischen Corona-Prophezeiungen vieler Medien wollen partout nicht eintreffen. Wer sich auf das Feld der vergleichenden Forschung begibt, hat schon gewonnen, vor allem an Gelassenheit. Nahezu jede menschliche Tätigkeit provoziert mehr Todesfälle als das "killer virus" ("Daily Mail"):
Allein in Deutschland haben im Straßenverkehr im vergangenen Jahr 3.059 Menschen ihr Leben verloren. Gegen Frontalzusammenstöße mit Lastwagen, Bussen oder SUVs gibt es – zumal für Fußgänger und Radfahrer – keine Schutzimpfung. Die Inkubationszeit beträgt oft weniger als eine Hundertstelsekunde.

► Das Inhalieren von Nikotin erweist sich für viele als eine tödliche Angelegenheit. Pro Jahr sterben allein in Deutschland rund 40.000 Menschen an Lungenkrebs. Weltweit erliegen ihrer Nikotin-Sucht über sieben Millionen Menschen. Von allen Killerstoffen der Gegenwart ist Nikotin der gefährlichste.

► Allein 14.000 Menschen verloren 2017 in Deutschland ihr Leben durch Stürze – vom Pferd, von der Leiter, bei Glatteis. In 2019 starb ein Österreicher beim Stolpern über den eigenen Bart und brach sich das Genick.
► 15.000 unserer Landsleute saufen sich Jahr für Jahr zu Tode. Ausweislich der Todesstatistik kommt man zu dem medizinisch eindeutigen Befund: Bei vielen Zeitgenossen ist der Durst größer als ihr Verstand.

► Der Blitz ist ein Killer, der ohne Vorwarnung zuschlägt. Ungefähr vier Menschen sterben allein in Deutschland jedes Jahr durch Blitzschlag.
► Durch Kontakt mit giftigen Tieren – das sind in Deutschland vor allem Wespen, Kreuzottern und im Terrarium gehaltene Vogelspinnen – werden pro Jahr rund 20 Deutsche ins Jenseits befördert. Ohne, dass auch nur ein Live-Ticker über diese tragischen Fälle berichtet hätte.

Mittlerweile reagieren viele Infektiologen nur noch mit Kopfschütteln über das, was sich da medial ereignet. Der Risikoforscher Ortwin Renn vom Potsdamer Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung sagt:

"Wir haben zwei wesentliche Faktoren bei solchen Epidemien: Wie schnell breitet sich das Virus aus – und wie tödlich ist es? Gerade im zweiten Fall haben wir bislang die gute Nachricht, dass über 99 Prozent derjenigen, die außerhalb Chinas erkrankt sind, diese Krankheit gut überstehen können."

Auch Alexander Kekulé von der Uni Halle-Wittenberg warnt, aber er warnt nicht vor dem Virus, sondern vor der Panik: "Das Ganze ist nicht so ansteckend wie Influenza oder Masern."

Über die grassierende Coronahysterie spreche ich im Morning Briefing Podcast mit Professor Hendrik Streeck. Er ist Direktor des Instituts für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn. Ihn habe ich nach einer Visite bei Coronainfizierten von Heinsberg in Nordrhein-Westfalen erreicht, wo rund 1000 Menschen zwischenzeitlich unter Quarantäne standen.

"Man muss sich keine großen Sorgen machen. Wenn man gesund ist, kann man das sehr gut wegstecken."

"Man rechnet mittlerweile mit einer Sterblichkeitsrate von 0,3 bis 0,5 Prozent, was in etwa mit der Sterblichkeit von einer normalen Grippe zu vergleichen ist. Es wird jetzt also nicht zu einem großen Phänomen werden, dass Leute unter dieser Erkrankung sterben. Wir sollten uns eher darauf konzentrieren, dass den Personen, die wirklich schwer erkrankt sind, dann auch optimale Hilfe und Versorgung zugutekommt."

Die Maßnahmen vieler Veranstalter scheinen ihm übertrieben:

"Wir können ja nicht in den nächsten zwei Jahren aufgrund eines Erregers alle Versammlungen absagen. Damit würde unsere Gesellschaft auseinanderbrechen. Ich selbst tendiere dazu, dass man solche Großveranstaltungen nicht absagen sollte."

Es sind drei Fakten, die uns zur Besonnenheit mahnen:

Fakt 1: Nicht jeder, der mit dem Virus infiziert ist, bekommt auch die Lungenkrankheit Covid-19.

Fakt 2: Die große Mehrheit der Betroffenen erlebt Erkältungssymptome, die rasch wieder abklingen.

Fakt 3: Kritische Krankheitsverläufe gibt es nach den weltweiten Erkenntnissen nur bei 15 Prozent der Betroffenen. In der Regel sind das sehr alte Menschen und solche mit Vorerkrankungen.

Fazit: Bald könnte es zu einem natürlichen Ende der Hysterie kommen. Das wärmere Wetter schwächt die Überlebensfähigkeit des Virus, stärkt die Immunkräfte des Körpers und führt zu mehr räumlicher Distanz zwischen den Menschen. Im kommenden Winter werden sich die meisten Teilnehmer dieses Angstseminars kaum mehr an ihr Coronafieber erinnern – und falls doch, dann mit einem Schmunzeln.

Auch die Finanzminister und Notenbankchefs der G-7-Staaten haben die Hand am Panikknopf. In einer Erklärung heißt es:

"Angesichts der möglichen Auswirkungen von Covid-19 auf das globale Wachstum bekräftigen wir unsere Verpflichtung, alle geeigneten Instrumente einzusetzen, um ein starkes und nachhaltiges Wachstum zu erreichen und gegen Abwärtsrisiken zu sichern."

Die US-Notenbank Federal Reserve hat den Leitzins erneut gesenkt – gewissermaßen auf Vorrat. Die Angst, das Coronavirus könne die Wirtschaft befallen, soll gar nicht erst aufkommen. Billiges Geld hilft gegen schlechte Laune und gegen Angstpsychosen aller Art, glauben die Geldexperten. Also liegt der Preis für das amerikanische Geld jetzt bei einer Spanne von 1 bis 1,25 Prozent. Der führende Psychologe des Landes, Präsident Donald Trump, hatte sich eine kräftigere Absenkung gewünscht. Gerade im Wahljahr könnte ein Stimmungsaufheller nicht schaden.

In zahlreichen US-Bundesstaaten haben in der Nacht die Wähler darüber abgestimmt, wer im November als Kandidat der Demokraten gegen Präsident Donald Trump antreten darf. Die Wahlen in 14 US-Bundesstaaten, darunter auch in den bevölkerungsreichen Staaten Texas (29 Millionen Menschen) und Kalifornien (40 Millionen), waren der bislang wichtigste Tag für die Kandidaten der Demokraten:

Es geht um die Stimmen von mehr als einem Drittel aller Delegierten, die beim Nominierungsparteitag im Sommer über den Präsidentschaftskandidaten dann endgültig bestimmen werden:

Auch wenn – Stand 7:15 Uhr deutscher Zeit – noch nicht alle Stimmen in allen Bundesstaaten ausgezählt sind, steht fest: Das Bewerberfeld wurde verkürzt. Nur noch zwei Kandidaten mit zwei sehr unterschiedlichen Visionen vom künftigen Amerika sind ernsthaft im Rennen.
Der unabhängige Senator Bernie Sanders aus Vermont konnte die Vorwahlen in Colorado, Utah, Vermont und wahrscheinlich Kalifornien für sich entscheiden. Ex-Vizepräsident Joe Biden dagegen siegte in Minnesota, Oklahoma, Arkansas, Tennessee, Alabama, North Carolina, Virginia, Massachusetts und Main.

Der ehemalige Hochschullehrer Sanders verspricht einen Sozialismus auf US-Boden:

"I think there are a lot of people who, when they hear the word ,socialist‘ get very, very nervous."

"There is a war going on in this country. I am not referring to the war in Iraq or the war in Afghanistan. I am talking about a war being waged by some of the wealthiest and most powerful people against working families."

Biden dagegen tritt als Mann mit Maß und Mitte auf:

"Americans can't wait for the false promise of a revolution. We need real change right now."

Die Kalkulation des Milliardärs Michael Bloomberg – der erst beim "Super Tuesday" in das Rennen eingestiegen war – ist nicht aufgegangen. Er hatte die ersten Vorwahlen ausgelassen und steckte mehr als eine halbe Milliarde Dollar in Wahlwerbung und Aktivitäten vor Ort, um sich die Stimmen der Gemäßigten zu sichern. Doch seine Resultate in Tennessee (15,4 Prozent der Stimmen), in Utah (17,3 Prozent) sowie Oklahoma und North Carolina (13,9 und 13,0 Prozent) zeigen, dass von ihm kein Wärmestrom ausgeht. Er bleibt das, was er von Anfang an war: ein Außenseiter.


Unser Washington-Korrespondent Peter Ross Range – einst Reporter für "Time Magazine" in Berlin und Vietnam – hat den Wahlabend live verfolgt. Er berichtet im Morning Briefing Podcast.

Heute schaut das politische Establishment von Berlin nach Thüringen: Vorsicht, Unfallgefahr! Es stellen sich zur Wahl der abgewählte Ministerpräsident Bodo Ramelow und der "Flügel"-Mann Björn Höcke von der AfD.

Käme es zur Wahl von Ramelow, zum Beispiel mit Stimmen der CDU, würde das bei den Christdemokraten ins Kontor schlagen: Sie haben einen Unvereinbarkeitsbeschluss, der jegliche Zusammenarbeit mit der Linkspartei verbietet.


Käme es mit CDU-Stimmen zur Wahl Höckes, wäre der Skandal perfekt. Denn auch hier besteht ein Unvereinbarkeitsbeschluss, wie von der scheidenden Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer mehrfach betont wurde. Da es eine geheime Abstimmung geben wird, sind böse Überraschungen jeder Art denkbar.


Die AfD hat gezeigt, dass sie bereit ist, ihre Stimmen auch taktisch einzusetzen. Bei vielen CDU-Abgeordneten weiß man, dass ihr Gewissen anderes sagt als die Direktive des Konrad-Adenauer-Hauses.


EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen unterstützt das harte Vorgehen Griechenlands gegen Migranten an der Grenze zur Türkei. Bei einem Besuch in Griechenland sagte sie:

"Diese Grenze ist nicht nur eine griechische Grenze, es ist auch eine europäische Grenze."

Sie dankte dem Land dafür, in diesen Zeiten der "europäische Schild" zu sein. Sicherheitskräfte hatten die Grenze zuletzt mit Blendgranaten gegen Migranten gesichert, die versuchten, von der Türkei aus nach Griechenland und damit in die EU zu kommen.
Auch der griechische Ministerpräsident machte klar, dass sein Land unnachgiebig bleiben will:

"Wir sind solidarisch, wir haben Hunderttausende beherbergt. Aber unsere Nachricht ist klar: Kommt nicht illegal nach Griechenland, versucht es nicht."

Harald Christ, 48, hatte gestern Abend eigens die gelbe Krawatte angelegt. Denn er sattelt um: von sozialdemokratisch auf liberal. FDP-Chef Christian Lindner ist froh, nach Florian Gerster, 70, nunmehr einen aktiven Sozialdemokraten als Überläufer präsentieren zu können. Er nannte den ehemaligen SPD-Mittelstandsbeauftragten nach der Aufnahme in die FDP "einen der profiliertesten Wirtschaftspolitiker in Deutschland":

"Er vertieft unsere wirtschaftspolitische Positionierung."

Das Morning-Briefing-Team hat bei Christ angerufen, um sich von ihm seine Entscheidung erklären zu lassen. Im Podcast sagt er:

"1988 bin ich mit 16 Jahren zwischen FDP und SPD geschwankt. Nun korrigiere ich meine Entscheidung von damals und schließe mich den Liberalen an."

Instagram ist als Poesiealbum für Teenager gestartet und hat sich nach der Übernahme durch Facebook im Jahr 2012 zu einem globalen Netzwerk entwickelt. Bloomberg berichtete, dass sich der Werbeumsatz von Instagram im Jahr 2019 auf 20 Milliarden US-Dollar belaufen habe. Die Anzahl der monatlich aktiven Nutzer weltweit: eine Milliarde.

In ihrem Buch "Unfollow" schreibt Nena Schink über die Suchtgefahren von Instagram. Im Morning Briefing Podcast spreche ich mit der Bestsellerautorin über ihre persönlichen Erfahrungen. Sie sagt:

"Ich bin eine ehemalige Instagram-Süchtige."

"Der Tiefpunkt war, als ich mich von meiner kleinen Schwester habe fotografieren lassen. Und zwar in einem knallroten Bikini auf einer Wassermelonen-Luftmatratze."

Heute betrachtet Schink Instagram als Verschleuderung von Zeit und Kreativität:

"Diese App ist rein dafür da, um sich selbst zu inszenieren."

"Prominenz ist eine Massenware geworden. Es ist eigentlich fast gar nichts mehr wert durch Instagram."

Im Schlussakkord ihres Buches rät sie allen jungen Menschen zu einem Leben in der wahren und nicht in der virtuellen Welt:

"Hör auf, ein Follower zu sein. Werde zum Influencer deines eigenen Lebens."

Ich wünsche Ihnen einen fröhlichen Start in diesen Mittwoch. Es grüßt Sie herzlichst Ihr

Gabor Steingart

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.