Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: Wie Deutschland zur Impf-Schnecke wird und welche Trostlosigkeiten zu attestieren sind.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
von Gabor Steingart

Guten Morgen, liebe Leser,

wenn sich heute die Spitze der Bundesregierung mit den Landesfürsten trifft, sollten sie auf keinen Fall die "Financial Times" aufschlagen. Die britische Wirtschaftszeitung spottet über ein Land, das "Vorsprung durch Technik" für sich reklamiert und dessen Impfaktion sich "zu einer nationalen Peinlichkeit" entwickelt.

Fakt ist: Der jetzt notwendige Dreiklang – schnell impfen, viel testen, früh öffnen – will der Regierung in Berlin nicht gelingen. Es sind sieben Trostlosigkeiten, die zu attestieren sind:

Trostlosigkeit 1: Deutschland ist die Impfschnecke unter den entwickelten Staaten. Während in Israel von 100 Einwohnern 94,9 geimpft sind, liegt die Zahl in Deutschland gerade mal bei 7,6.

Trostlosigkeit 2: Die Hyperkomplexität von Impfreihenfolge, neu gebildeten Impfzentren und zu schwachen Bestellungen führt dazu, dass der aktuelle Höchststand in Deutschland bei 187.437 Impfungen pro Tag liegt – im Vereinigten Königreich sind es durchschnittlich 360.000. Ohne Not hat man die Hausärzte, die überall im Land verteilt sind und ihre Patienten kennen, außen vor gelassen.

Trostlosigkeit 3: Der Impfstoff des schwedisch-britischen Herstellers AstraZeneca entwickelt sich zum Ladenhüter, auch weil die Aufklärungsarbeit der Regierung nicht mal das medizinische Personal der Kliniken überzeugt. 2,3 Millionen Dosen liegen ungenutzt bereit, bis Donnerstag werden 1,1 Millionen weitere Dosen eintreffen. Zwischen zehn und 20 Prozent des Klinikpersonals, berichtet auch der Sprecher der Intensivmediziner Prof. Gernot Marx aus seiner Klinik, lässt sich derzeit nicht impfen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sitzt in der Plenarsitzung im Deutschen Bundestag.

Trostlosigkeit 4: Die wichtigen Termin-Hotlines, bei denen die Bürger ihren Besuch in einem Impfzentrum vereinbaren können, sind chronisch überlastet. Das für die Terminfindung eingerichtete Online-Portal mit seinen zehn Schritten, darunter zwei Autorisierungsverfahren, ist für ältere Menschen kaum zu bedienen. Man könnte meinen, die alte Bundespost führt gemeinsam mit den Entwicklern des verstorbenen Siemens-Handys die Regie. Die "Financial Times" zitiert einen deutschen Gesundheitsfunktionär mit den Worten: "The system is a piece of shit."

Trostlosigkeit 5: Mehrere Bundesländer mussten wegen der Lieferverzögerung bei den Impfstoffen von BioNTech/Pfizer und AstraZeneca bereits vereinbarte Impftermine wieder absagen. In Brandenburg betraf es 9000 Bürger, NRW setzte Ende Januar die Impfungen in Krankenhäusern und stationären Pflegeeinrichtungen vorübergehend aus, Niedersachsen plant mit einer Verzögerung bei den Erstimpfungen. Auch in Bayern wurden Termine abgesagt. "Dieses Chaos bei der Vergabe von Impfterminen ist einer Hightech-Nation wie Deutschland absolut unwürdig", sagt Achim Berg, Präsident des Branchenverbands Bitkom.

COVID-19-Todesfälle pro Land

Trostlosigkeit 6: Die Regierung verliert den Rückhalt im medizinisch-industriellen Komplex. Hinter vorgehaltener Hand wird polemisiert, bis der Arzt kommt. "Es war schon schlimm genug, dass die EU zu spät, zu wenig Impfstoff bestellt hat, aber jetzt haben wir all diese Impfstoffe, die ungenutzt gehortet werden", sagt Ulrich Weigeldt, Vorsitzender des deutschen Hausärzteverbands. "Es ist ein Skandal."

Trostlosigkeit 7: Noch sind die Impfstoffe Mangelware. Doch der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Dr. Andreas Gassen rechnet damit, dass die Knappheit in fünf bis sieben Wochen vorbei sein wird. Dann könnte allerdings schon das nächste Problem auf Deutschland zukommen. Denn der KBV prognostiziert einen "Impfstau", sollten neben den Impfzentren nicht auch bald schon die Hausärzte Moderna, BioNTech und Co. verimpfen dürfen. Laut einem Papier, das der "FAZ" vorliegt, könnte es aber noch bis April dauern, bis Hausärzte das Corona-Vakzin tatsächlich verabreichen dürfen.

Fazit: Die deutsche Regierung erlebt in diesen Tagen den vorläufigen Tiefpunkt ihrer Staatskunst. In Berlin spricht man von einer unglücklichen Verkettung der Umstände, was der französische Staatsmann Charles Talleyrand freilich nicht akzeptieren würde: "Wenn die Unfähigkeit einen Decknamen braucht, nennt sie sich Pech."

Ich wünsche Ihnen einen kraftvollen Start in das Wochenende. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr
Gabor Steingart

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.