Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: die Gründe für die Aufholjagd von Norbert Röttgen im Kampf um den CDU-Vorsitz.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
von Gabor Steingart
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

Im Rennen um den CDU-Vorsitz schiebt sich unmerklich ein Mann nach vorne, den viele Medien in ihren Portraits entweder vergessen oder als krassen Außenseiter nur spöttisch im Nebensatz erwähnt haben: Norbert Röttgen.

In der „Zeit” schrieb Georg Löwisch, dass Röttgen in seiner Karriere „kleiner und kleiner geworden“ sei. In der „NZZ” stellte Marc Felix Serrao fest:

"Der promovierte Jurist galt einmal als Mann für höchste Aufgaben, aber das ist lange her. “

Und im „Spiegel“ befand Philipp Wittrock:

"Röttgen kann nicht ernsthaft daran glauben, eine Chance auf den Parteivorsitz zu haben. “

Norbert Röttgen

Doch manchmal sind es die Nebendarsteller, die in Erinnerung bleiben und den Film prägen. So wie Christoph Waltz in „Django Unchained“, wo er als Kopfgeldjäger in einer vermeintlichen Nebenrolle zur treibenden Kraft der Handlung wird. In einigen Umfragen setzt Röttgen bereits zum Überholmanöver an.

Es sind fünf Gründe, die zur Aufholjagd des Außenpolitikers geführt haben:

1. Armin Laschet wurde als Hauptdarsteller besetzt und zieht aber bisher nicht. Je länger der interne Schönheitswettbewerb in der CDU dauert, desto schwächer schlägt das politische Herz des NRW- Ministerpräsidenten, der im Frühjahr noch als haushoher Favorit galt. Seine Corona-Politik mag wirksamer sein, das öffentliche Image ist toxisch. Ende Oktober ergab eine Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL und ntv unter CDU-Mitgliedern, dass nur 24 Prozent der Befragten Laschet als Parteichef wollen.

2. Friedrich Merz ist der offizielle Herausforderer, aber er polarisiert das Publikum stark. Die CDU-Mitglieder sehnen sich nach einem Mann der Mitte, der die Merkelsche Politik nicht imitiert, aber auch nicht abwickelt, sondern geistreich neu interpretiert. Kontinuität mit angeschlossener Reform. Dafür steht Norbert Röttgen.

3. Der Mann aus Nordrhein-Westfalen überzeugt durch seinen intelligenten Auftritt, der sich wohltuend von den Phrasen der abgeschliffenen Parteirhetorik unterscheidet. Er sagt Sätze wie:

"Natürlich gibt es eine Sehnsucht, den kulturellen Kern der CDU wiederzufinden. Aber es wird nichts wiedergefunden werden. Gesellschaften verändern sich, deshalb müssen wir Identitäten fortentwickeln. “

4. Röttgen ist der einzige Kandidat, der aus freien Stücken Markus Söder die Kanzlerkandidatur überlassen würde und damit den Bundestagsabgeordneten einen Frontmann beschert, der Aussicht auf einen Wahltriumph und damit die Rückeroberung der Mandate bietet.

5. Auch die Frauen können sich mit ihm anfreunden. Röttgen will die 38 Jahre alte Ellen Demuth zur Chefstrategin der Partei machen. Sein in der vergangenen Woche absolvierter Auftritt vor dem Vorstand der Frauen-Union überzeugte auch viele Skeptikerinnen. Zumindest kann Laschet das Frauen-Ticket nicht in seine Tasche stecken.

Fazit: Wenn die Glückssträhne anhält, könnte Norbert Röttgen auf Platz zwei vorrücken und in der Stichwahl gegen Merz womöglich jene Delegierte für sich gewinnen, die im liberalen Lager stehen. Für ihn, den jahrelangen Außenseiter der Bundespolitik, geht die Rechnung in jedem Fall auf: Er hat an Profil, Erfahrung und Bekanntheitsgrad gewonnen. Man kann auch gewinnen, ohne Sieger zu sein.

Ich wünsche Ihnen einen selbstbewussten Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie herzlichst

Ihr

Gabor Steingart

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