Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: Wer schuld an den steigenden Energiepreisen ist - und warum sie noch weiter klettern werden.

Gabor Steingart
Eine Kolumne

Guten Morgen, liebe Leser,

man muss nicht Hellseher, nur Marktbeobachter sein, um zu prognostizieren: Die Energiekosten werden zur neuen sozialen Frage des 21. Jahrhunderts. In einer kollektiven, aber nicht notgedrungen koordinierten Aktion treiben Umweltschützer und Staaten, aber eben auch die Öl- und Gasförderländer, die Energiepreise nach oben.

Viele Firmen und alle Privathaushalte geraten in eine gefährliche Zangenbewegung:

1. Produktionsprozess

Die Kosten für den Produktionsprozess der Industrie und den Lebensunterhalt des Einzelnen steigen, weil der Staat mit seiner Klimapolitik die Energiekosten mutwillig verteuert. 51 Prozent des Strompreises für Haushaltskunden entfallen auf Steuern, Abgaben und Umlagen. Beim Industriestrom sind es 48 Prozent.

2. CO2-Preis

Der CO2-Preis lässt vor allem die Preise für Heizöl und Benzin an der Tankstelle steigen. Derzeit liegt der CO2-Preis bei 25 Euro pro Tonne. Um die selbstgesteckten Klimaziele zu erreichen, müsste dieser jedoch auf mindestens 150 Euro steigen, sagt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

3. Öl-Preis

Zugleich halten die Ölförderstaaten das Angebot knapp. Der Preis für Rohöl der Sorte Brent stieg seit Jahresanfang um 40 Prozent.

4. Knappe Vorräte

Europa – das kommt preisverschärfend hinzu – befindet sich in einem Gas-Notstand. Ein kalter Winter hatte im vergangenen Jahr die Vorräte verbraucht und Russland – der wichtigste Gaslieferant – verknappt den Durchfluss.

5. Gas-Preis

Der Preis für Erdgas aus den innereuropäischen Feldern der Niederlande wird derzeit teurer gehandelt als Rohöl, weshalb auf Steinkohle ausgewichen wird. Diese hat sich seit Jahresbeginn um mehr als 70 Prozent verteuert.

6. Preis-Schock

Der Preisanstieg für Energie in den vergangenen Sommerwochen deutet einen weiteren Höhenflug an, sobald die europäischen Bürger bei kaltem Wetter ihre Heizung einschalten. Laut Citigroup-Analyst Alastair Syme ist eine Preiserhöhung um 20 Prozent realistisch: "Das Gespenst der Energiearmut könnte in diesem Winter schnell über Europa hereinbrechen."

7. Geldentwertung

Hinzu kommt: Die Energiepreise sind derzeit der Haupttreiber der allgemeinen Geldentwertung, denn ein Anstieg bei Kohle, Gas, Öl und Strom schlägt sich unmittelbar in nahezu allen Produkten und Dienstleistungen nieder. In Deutschland stiegen die Preise im Juli um 3,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Und siehe da: Energieprodukte stiegen um 11,6 Prozent und sind damit für den Löwenanteil des Preisanstiegs verantwortlich.

Fazit:

Die Rechnung für den Klimaschutz landet derzeit vor allem bei denen, die man "die kleinen Leute" nennt. Sie haben weniger Netto vom Brutto und dieses Netto verliert ständig an Kaufkraft. Falls die Wahlkämpfer noch ein Thema suchen, über das es sich zu sprechen lohnt: Das wäre eines. Die Versöhnung von Ökologie und Wirtschaft findet derzeit in den Parteiprogrammen statt, aber nicht in der Wirklichkeit.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste

Ihr

Gabor Steingart

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.

Offenlegung: Auch WEB.DE und GMX bieten Strom an.

Durchschnittspreis pro Kilowattstunde könnte drastisch ansteigen

Der bundesweite Durchschnittspreis pro Kilowattstunde könnte hochschnellen, wenn der erwartete Anstieg der Ökostromumlage nicht verhindert wird. Entlastungen könnte das milliardenschwere Konjunkturpaket der Regierung bringen.