Helmut Kohl ist tot - und die ganze Welt trauert um den deutschen Altkanzler. Er prägte die Nation wie kein anderer. Das sagt die nationale und internationale Presse zum verstorbenen "Vater der Einheit".

Deutschland:

  • Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Deutschland verdankt Kohl seine Souveränität"

"Für die historische Beurteilung von Kohls Erbe spielt sein Versagen als Sozial- oder Steuerreformer letztlich aber keine Rolle.

Kanzler Konrad Adenauer hatte die Bundesrepublik nach Westen – in die Freiheit – geführt. Kanzler Kohl führte sie gleichsam wieder ein Stück nach Osten und ermöglichte damit 1990 die Wiedervereinigung. Deutschland verdankt Kohl seine Souveränität. Das macht Kohl nach Adenauer zum größten deutschen Bundeskanzler." (hier zum Artikel)

  • Süddeutsche: "Kohl verdient Respekt und Dank"

"Es war der Traum der Generation Kohl, die Grenzen in dem blutgetränkten alten Kontinent niederzureißen. Der Traum entstand nicht nur aus dem Trauma des Zweiten Weltkriegs, sondern auch, weil sich Europa über Jahrhunderte hinweg selbst zerfleischt hatte. (...)

Als Kanzler jedenfalls hat Helmut Kohl erheblich zur Verwirklichung des Traums vom grenzenlosen, friedlichen Europa beigetragen.

Die Einheit verlief weniger geplant. Aber auch diesen Prozess hat Helmut Kohl mitgestaltet, so gut, wie das zu dieser Zeit ein deutscher Bundeskanzler nur konnte. Dafür verdient er Respekt und Dank. Er war ein großer Kanzler." (hier zum Artikel)

  • Spiegel Online: "Perfekte Kanzler lassen sich nicht backen"

"Nun werden Historiker, Journalisten und Politkollegen wohl bescheinigen: Kohl hat Fehler begangen, aber in der Summe wollte er immer das Beste für seine Partei, sein Land und damit, gewiss, auch für sich und seinen Nachruhm. In dieser Reihenfolge.

Noch schöner wäre es gewesen, wenn er, der Parteisoldat, etwas weniger an die Partei und mehr an sein Land gedacht hätte. (...)

Aber - perfekte Kanzler lassen sich nun einmal nicht backen. Eines ist jedoch gewiss: Helmut Kohl war, was die Einheit Deutschlands und Europa angeht, ein großer Staatsmann." (hier zum Artikel)

  • Welt: "Als alles auf ihn ankam hat er gekämpft"

"Über Fehler, fand er, mögen andere urteilen. Fehler hat er gemacht. Als in Europa aber wirklich alles auf ihn ankam, hat er, zeitweilig im Alleingang, mit seiner ganzen Kraft für das gekämpft, was er instinktiv als richtig empfand." (hier zum Artikel)

  • Bild.de: "Er lebt weiter in der Freiheit von Millionen Menschen"

"Er lebt weiter in der Freiheit von Millionen Menschen, die im Osten Deutschlands geboren wurden und Kohls unermüdlichem Wirken, seiner Vision, seiner Entschlossenheit und seinem Gespür für den historischen Moment die Wiedervereinigung verdanken.

Darin, dass wir über offene Grenzen in den Urlaub fahren, Waren handeln und mit einer Währung bezahlen. Kohl war es, der die europäische Einigung und Integration so vorangetrieben hat, dass Krieg auf diesem Kontinent unmöglich geworden ist.

In Zeiten von Brexit und Populismus könnte es kein mächtigeres Zeichen geben als das Leben von Helmut Kohl." (hier zum Artikel)

Österreich:

  • Der Standard: "Sein Meisterstück bleibt die Wiedervereinigung"

"Dass es 16 lange Jahre werden, dachte anfangs kaum einer. 'Birne' wurde Kohl genannt und als Provinzler, der sich auf internationalem Parkett nicht bewegen könne, verspottet.

Doch in den ersten vier Jahren seiner Regierungszeit verzeichnete Deutschland ständiges Wirtschaftswachstum, die erste Stufe der Steuerreform brachte Entlastungen für Familien. Auch außenpolitisch gewann Kohl an Statur. (...)

Sein Meisterstück jedoch ist und bleibt die deutsche Wiedervereinigung – wenngleich die Historiker immer noch uneinig sind, wie groß Kohls persönlicher Anteil daran war. Klar ist jedoch: Er hat die Chance beherzt ergriffen, als das Fenster dank Michail Gorbatschow offen stand und wollte auch von Anfang an eine bedingungslose Wiedervereinigung, kein zweites Deutschland." (hier zum Artikel)

Schweiz:

  • Neue Zürcher Zeitung: "Kohl ging hohe Risiken ein"

"Natürlich lässt sich an einzelnen Entscheidungen von Spitzenpolitikern immer herummäkeln. Kohl machte dabei keine Ausnahme. Die wahre Größe von Staatsmännern zeigt sich, wenn sie im richtigen Augenblick das Richtige tun. Als am 9. November 1989 in Berlin die Mauer fiel, wusste Kohl intuitiv, was die Stunde geschlagen hatte. Er sah die Chance und ergriff sie. Er, dem immer nachgesagt worden war, Probleme auszusitzen, ging hohe Risiken ein."

  • Tages-Anzeiger: "Kohl hat sehr viel richtig gemacht"

"Gewiss, es war auch ein historischer Zufall, der Kohl zum gefeierten Vater der deutschen Einheit machte. Wäre die Mauer nicht gefallen, hätte er dazu vielleicht nie die Chance gekriegt. Doch es stimmt auch, dass der Kanzler in den entscheidenden Monaten 1989/90 sehr viel richtig gemacht hat. Die Skepsis gegen die deutsche Wiedervereinigung war anfänglich groß. (...) Doch Kohl gelang das Unmögliche.

Ohne Kohls Europa-Begeisterung hätte es wohl auch keine deutsche Einheit gegeben."

Frankreich:

  • L'Alsace: "Kohl förderte die deutsch-französische Freundschaft"

"Wie seine Vorgänger förderte der Kanzler die deutsch-französische Freundschaft. Das Bild mit dem (damaligen Präsidenten François) Mitterrand und Kohl, Hand in Hand vor dem Beinhaus in Donaumont 1984, ging in die Geschichtsbücher ein.

Wer zehn Jahre später an dem deutsch-französischen Gipfel in Mülhausen teilgenommen hat, erinnert sich an die herzlichen Beziehungen zwischen beiden Staatsmännern.

Es war Angela Merkel, die ihren Mentor von der politischen Bühne gedrängt hat. Aber indem sie gestern Abend ihre Anerkennung für sein Handeln aussprach, gibt Merkel, die unter der kommunistischen Diktatur aufwuchs und studierte, ihm seinen Platz im Pantheon der großen Männer wieder."

Großbritannien:

  • The Guardian: "Kohl hatte überragenden Intellekt"

"Oberflächlich betrachtet und abgesehen vom Körperumfang hält Kohl Vergleichen mit Otto von Bismarck stand.

Der Aristokrat, der 1871 eine ausufernde Zahl von Kleinstaaten vereinigte und Deutschland zur wichtigsten Macht in Kontinentaleuropa formte, war ein preußischer Protestant mit überragendem Intellekt und großen Fähigkeiten, der Europa wie seinen persönlichen Baukasten behandelte."

Italien

  • La Repubblica: "Kohl schenkte Deutschland pure Euphorie

"Vielleicht war (Helmut Kohl) der glücklichste Kanzler Deutschlands. Der, der die schmerzhafteste Wunde geschlossen hat, die, die nach dem Krieg Millionen von Familien in zwei geteilt und zerstört hat und halb Berlin in eine Gefangenen-Enklave in Ostdeutschland verwandelt hatte.

Sollte Merkel am Ende ihres Mandats wieder die Wahlen gewinnen, macht sie den Rekord der längsten Kanzlerschaft zunichte. Aber es wird nur schwierig sein, dass sie es schafft, Deutschland einen weiteren Moment purer Euphorie und glücklicher Unbeschwertheit zu schenken, wie das Land in der Einheit gefunden hat."

Belgien:

  • De Standaard: "Die Wiedervereinigung war kein Kinderspiel"

"Heute könnte es scheinen, dass die Wiedervereinigung selbstverständlich war, sozusagen ein Kinderspiel. Aber nichts ist weniger wahr: Der Fall der Mauer im November 1989 war nicht allein der Anfang vom Ende der DDR, sondern auch des großen Sowjetreichs.

Helmut Kohl, der Mann der deutschen Einheit, der Verankerung des vereinten Deutschlands in Europa und des Euro, der die europäische Einheit unumkehrbar machen soll, vermisste bei vielen der heutigen europäischen Spitzenpolitiker europäischen Idealismus. Zu seinen letzten Worten gehörte die Mahnung, dass viel auf dem Spiel stehe, es gehe um unsere Zukunft und 'unsere Zukunft heißt Europa'."


Brasilien:

  • Folha de S. Paulo: "Kohls Geschichte liefert wertvolle Lektionen für Brasilien"

"In einem Moment, in dem PT, PMDB und PSDB ihre Lieblingskorrupten verwöhnen, lohnt es sich, sich daran zu erinnern, dass Kohl die Politik nach einem Skandal verlassen hat. Er wurde in einenem Schwarzgeldfall ertappt. Zunächst leugnete er. Dann gab er seinen Fehler zu. Und bezahlte mit seiner politischen Karriere. (...)
Wenn sie vernünftig wären, würden Brasiliens Politiker drei Lektionen daraus ziehen: 1) Das Problem liegt nicht nur im Schwarzgeld, sondern in den Konsequenzen die sich aus der Praxis ergeben (oder gerade nicht ergeben). In Brasilien ist man weit darüber hinaus, dass jemand nur mit seiner politischen Karriere bezahlen würde. 2) Eine Partei muss nicht gemeinsam mit ihren Mitgliedern untergehen, wenn diese mit dem Gesetz in Konflikt kommen. 3) Ein Rückzug zur richtigen Zeit kann eine Biografie davor retten, von einem Regelbruch begraben zu werden."

(zusammengestellt von she/ank)

Mit Material der dpa