Bei den Protesten gegen Führung und Klerus im Iran gibt es immer mehr Tote. Präsident Ruhani räumt "Mängel" im politischen System ein. Stimmen aus dem Ausland fordern eine Garantie der freien Meinungsäußerung in der islamischen Republik.

Die Unruhen im Iran fordern immer mehr Todesopfer. Bei den Protesten soll es nach Angaben des staatlichen Fernsehens Irib weitere neun Tote gegeben haben. Es war jedoch zunächst unklar, ob es sich um Demonstranten, Polizisten oder Revolutionswächter handelte.

Präsident Hassan Ruhani räumte ein, dass die Regierung die Lage nicht mehr völlig kontrolliere.

Die USA und Israel unterstützten die Proteste und äußerten ihre Hoffnung auf einen politischen Umsturz in Teheran. Die EU, Großbritannien und Deutschland appellierten unterdessen an die Regierung des Iran, eine öffentliche Debatte zuzulassen.

Bis zum Montag starben nach Angaben des Staatsfernsehens im Zentral-, West und Südwestiran mindestens zehn Demonstranten. Zudem kamen ein alter Mann und ein Kleinkind bei einem Unfall während der Proteste im westiranischen Dorud um.

Revolutionswächter von bewaffneten Demonstranten getötet

In sozialen Netzwerken wird behauptet, dass die Polizei in Dutzenden Städten auf die Demonstranten schieße; es habe am Montag erneut Tote gegeben. Die Berichte ließen sich nicht unabhängig überprüfen.

Die Nachrichtenagentur Tasnim meldete, in Nadschafabad im Zentraliran sei ein Polizist von einem bewaffneten Demonstranten ermordet worden, drei weitere seien verletzt worden. Nahe Nadschafabad sei zudem eine Polizeiwache von Demonstranten in Brand gesetzt worden.

Nach Angaben des staatlichen Fernsehens IRIB handelte es sich bei dem Getöteten jedoch nicht um einen normalen Polizisten, sondern um einen Revolutionswächter. Die Revolutionswächter sind Mitglieder der iranischen Revolutionsgarden, einer paramilitärischen Organisation zum Schutz des Systems.

Der Revolutionswächter der Stadt Nadschafabad im Zentraliran sei in der Nacht zum Dienstag erschossen worden. Laut IRIB beweist die Tat, dass einige der Demonstranten bewaffnet sind.

Dem Staatsfernsehen zufolge wurden zudem in mehreren Städten staatliche Einrichtungen von Bewaffneten attackiert. Angriffe auf Polizeiwachen sowie Militärkasernen seien vereitelt worden. Auch diese Berichte ließen sich nicht unabhängig verifizieren.

Präsident Ruhani kritisiert Hardliner

Bei einer Krisensitzung am Montag im Parlament erklärte Präsident Ruhani, es wäre ein Fehler, die Proteste nur als ausländische Verschwörung einzustufen. "Auch sind die Probleme der Menschen nicht nur wirtschaftlicher Natur, sondern sie fordern auch mehr Freiheiten."

Er kritisierte damit indirekt die Hardliner im Klerus, die seine Reformen blockieren. Ruhani zufolge sollten die Proteste nicht als Gefahr, sondern als Chance angesehen werden.

In seiner ersten Reaktion am Sonntag hatte der Präsident aber auch vor Ausschreitungen gewarnt, die die Sicherheit des Landes gefährden könnten. Er rief die Regimekritiker dazu auf, Proteste über legale Kanäle zu beantragen.

In sozialen Netzwerken wurde der Vorschlag als Rhetorik bewertet. Das Innenministerium würde nach Meinung vieler Iraner niemals Anträge auf systemkritische Kundgebungen genehmigen.

Proteste dauern seit Donnerstag an

Die Proteste hatten am Donnerstag begonnen. Sie richteten sich zunächst gegen die Wirtschafts- und Außenpolitik der Regierung, wurden aber zunehmend systemkritisch.

Am Samstag griffen die Proteste auch auf die Hauptstadt Teheran über. Nach Augenzeugenberichten griff die Polizei in Teheran mit Wasserwerfern und Tränengas ein.

Es gab Hunderte Festnahmen. Nach Berichten in sozialen Netzwerken reichte die Zahl landesweit von 100 bis 800.

Am Montag funktionierte das zwischenzeitlich gestörte Internet im Iran wieder normal. Da iranische Medien über die Proteste selbst kaum berichten, werden viele Berichte und Videos über soziale Netzwerke verbreitet.

Donald Trump schießt gegen Iran

Die Proteste im Iran sorgen auch für neuen Zündstoff in den Beziehungen zu den USA und Israel. US-Präsident Donald Trump twitterte, die Menschen im Iran würden nicht länger hinnehmen, "wie ihr Geld und ihr Wohlstand zugunsten von Terrorismus gestohlen und vergeudet wird".

Ruhani nannte im Gegenzug Trump am Sonntagabend einen Heuchler. Der US-Präsident konterte am Neujahrstag wiederum per Twitter, das "große iranische Volk" sei über Jahre unterdrückt worden. Seinen Tweet beendete er in Großbuchstaben mit: "ZEIT FÜR EINEN WECHSEL!"

Irans Verteidigungsminister Amir Hatami sagte Medienberichten zufolge am Montag in Richtung USA, die Feinde des Landes hätten die Proteste angefacht, um die islamische Republik zu destabilisieren.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu äußerte ebenfalls die Hoffnung auf einen Regierungswechsel in Teheran. "Das Regime hat Angst vor seinem eigenen Volk, deswegen werfen sie Studenten ins Gefängnis, deshalb verbieten sie soziale Medien", erklärte er.

Forderung nach mehr Freiheiten für Iraner

Der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) äußerte sich besorgt über die Entwicklung. "Wir appellieren an die iranische Regierung, die Rechte der Demonstranten zu respektieren, sich zu versammeln und frei und friedlich ihre Stimme zu erheben", sagte er.

Der britische Außenminister Boris Johnson rief zu einer ernsthaften Debatte über die "legitimen und wichtigen Belange" der Demonstranten im Land auf. Großbritannien hoffe, dass die iranischen Behörden eine solche Debatte zuließen.

"Die Menschen sollten die Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung haben und auf legale Weise friedlich demonstrieren dürfen", sagte Johnson am Montag auf Facebook. Auch die EU äußerte die Erwartung, dass die Meinungs- und Versammlungsfreiheit von der iranischen Führung garantiert werde. (dpa/ank)

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