Die Situation in Italien ist chaotisch. Neben der politischen Krise droht jetzt auch eine handfeste Finanzkrise. Gefährdet Italien gar das europäische Projekt? Das sagt die internationale Presse.

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Die schwere Regierungskrise in Italien hält an. Nachdem Präsident Sergio Mattarella dem Finanzexperten Carlo Cottarelli das Mandat erteilt hat, eine Übergangsregierung zusammenzustellen, ist die Lage in Rom weiterhin chaotisch.

Die populistische Fünf-Sterne-Bewegung sowie die Lega drängen auf eine rasche Neuwahl - sogar schon im Juli. Die beiden Parteien verbreiten seit Wochen europakritische Botschaften. Gefährdet Italien das europäische Projekt?

Das sagt die internationale Presse zur Regierungskrise in Italien

Italien

"La Repubblica": Italiens Volksabstimmung über den Euro

"Die institutionelle Krise und des Systems - aufgehalten durch die Initiative des Präsidenten - könnte nach der Wahl explodieren.

Mattarella hat die öffentliche Debatte auf das entscheidende Thema gelenkt: Ja oder Nein zum Euro."

"La Stampa": Der Schwerkranke ist jetzt Italien

"Der wahre Test wird für die Investoren, Politiker und Aufsichtsbehörden in den kommenden Tagen sein, zu sehen, ob Rom den Rest des Kontinents ansteckt.

Die Krankheit Italiens ist bisher noch keine weltweite Epidemie, aber wir sind möglicherweise am Anfang. Früher hieß es, wenn Amerika niest, bekommt die Welt eine Erkältung. Der Schwerkranke ist nun Italien."

Deutschland

"Spiegel Online": Eurozone könnte bald zusammenbrechen

"Möglich, dass wir derzeit wieder mal an einem Wendepunkt stehen. Dass eine Krise bevorsteht, die bisherige Gewissheiten zerstört.

Wir - und das heißt in diesem Fall: Deutschland - sollten uns darauf gefasst machen. Wir brauchen einen Plan für den Worst Case.

Denn wie die Dinge liegen, ist es durchaus möglich, dass die Eurozone in nicht allzu ferner Zukunft auseinanderbricht." Zum Artikel

"Die Welt": Potenzial, Euro in den Abgrund zu ziehen

"Man sollte sich nichts vormachen: Italien hat das Potenzial, den Euro in den Abgrund zu ziehen. Das Zynische daran ist: Die populistischen Parteien in Italien können bei aller Ausgaben- und Schuldenpolitik, die sie planen, letztlich darauf zählen, dass die Europäer das Land wohl vor dem Bankrott retten werden.

Italien darf einfach nicht pleitegehen - dafür ist die viertgrößte europäische Volkswirtschaft viel zu wichtig für die Euro-Zone. Die jahrelang notwendigen Rettungsmanöver könnten dann sehr teuer werden für die deutschen Steuerzahler. Alles Übertreibungen? Das wäre zu schön." Zum Artikel

"Franfurter Allgemeine Zeitung": Abstimmung über Italiens Platz in der EU

"Die Wahl würde zu einer Abstimmung über Italiens Platz in der EU werden. Das ist keine Aussicht, die zur Entspannung beiträgt.

Deswegen sollten die Brüsseler Führungsleute und Roms Partner es sich gut überlegen, ob ständiges Ermahnen sinnvoll ist, gerade weil es oft als arrogantes Belehren aufgefasst wird und so den EU-Gegnern in die Karten spielt. Es ist schon genug Öl im Feuer." Zum Artikel

Österreich

"Der Standard": Ein verheerendes Signal

"Mattarellas Aktion wird als Unterwerfungsgeste gegenüber den besorgten Kapitalmärkten und wichtigen politischen Playern der Eurozone gewertet.

Seine Entscheidung für den Schutz der Ersparnisse wird zu einem verheerenden Signal, das die Populisten nur stärkt. Was muss eigentlich nach dem Brexit noch geschehen, damit in Europa die Sorgen der Bürger verstanden werden?" Zum Artikel

Schweiz

"Neue Züricher Zeitung": Neuwahlen werden zum Plebiszit über den Euro

"Die Neuwahlen dürften zum Plebiszit über den Euro werden. Die Europäische Union wird dadurch nach dem Brexit einem weiteren ernsthaften Test ausgesetzt. Wichtig ist zunächst eine möglichst sachliche Diskussion in Italien über die Vor- und Nachteile der Gemeinschaftswährung für das Land.

Wichtig ist sodann, dass die Regierungen der übrigen Euro-Staaten Optionen für einen geordneten Austritt Italiens aus dem Währungsverbund vorbereiten. Sie müssen sich überlegen, wie sie Italien im Falle eines Zusammenbruchs retten wollen - und ob sie das können." Zum Artikel

Großbritannien

"Financial Times": Nächste Krise könnte erheblich schlimmer ausfallen

"Vorläufig dürfte das italienische Dilemma die Differenzen innerhalb der Europäischen Zentralbank verstärken und Reformen zur Risikoverteilung verhindern, die zum Schutz der Eurozone vor künftigen Turbulenzen für nötig gehalten werden.

Sollte Mattarella sich verkalkuliert haben und sollten die populistischen Parteien aus den Wahlen gestärkt hervorgehen, könnte die nächste Krise erheblich schlimmer ausfallen."

"Guardian": Italien-Krise könnte schlimmer als der Brexit werden

"Es besteht die reale Möglichkeit, dass eine neue rechtsgerichtete populistische Regierung mit einem Mandat an die Macht kommt, der EU und ihren Institutionen entgegenzutreten.

Wenn das geschieht, könnte die Krise für die EU weit schwerwiegender werden als der Brexit."

Niederlande

"De Telegraaf": Euro-Länder können Italien nicht retten

"Italien hat eine schwache Wirtschaft, ist aber so groß, dass es nicht von den anderen Euro-Ländern gerettet werden kann. Italiens Staatsverschuldung beläuft sich auf 2,3 Billionen Euro. Wenn Italien diese Schulden nicht mehr tilgen kann, bricht der Euro zusammen. Mit großem Schaden für Euro-Länder (...)."

Belgien

"De Tijd": Eurokrise ist noch nicht bezwungen

"Die Neuwahlen im Herbst werden die euroskeptische Tendenz zweifellos verstärken. Das Land sehnt sich klar erkennbar nach einer nicht-konventionellen Regierung. Und weil der Weg dahin nun versperrt wurde, dürfte das Wahlergebnis im Herbst noch euroskeptischer ausfallen.

Diejenigen, die schon dachten, die Eurokrise sei bezwungen worden, mögen ihre Hausaufgaben noch einmal machen."

Dänemark

"Politiken": Italiens politische Krise ist Krise für ganz Europa

"Wenn die Krise mit Neuwahlen endet, kann das die Protestparteien weiter stärken. Niemand, am wenigsten Italien selbst, will das. Doch auch im Rest der EU sollte die italienische Krise zu Veränderungen führen.

Viel zu lange hat der Rest Westeuropas passiv zugeschaut, während Italien mit Migranten und wirtschaftlichen Problemen kämpfte. Beide Herausforderungen sind, nicht zuletzt wegen des Euro, auch eine gemeinsame Verantwortung, die realistisch nur zusammen mit dem Rest Europas übernommen werden kann." (ff)

Erhitzte Gemüter, gescheiterte Regierung, kontroverse Personalie: Quo vadis, Italien? Politikwissenschaftler Dr. Jan Labitzke erklärt den Machtkampf zwischen Staatspräsident und Koalitionären.