Berlin (dpa) - Die Freilassung des Kreml-Gegners Michail Chodorkowski ist nach Ansicht des russischen Oppositionsführers Garri Kasparow "in erster Linie" ein Verdienst von Kanzlerin Angela Merkel. "Ihr Druck hat eine entscheidende Rolle gespielt - sie hat da noch mehr bewirkt als die US-Amerikaner", sagte der frühere Schachweltmeister "Focus Online" (Samstag).

Er hoffe, dass Merkel Bundespräsident Joachim Gauck folge und ebenfalls nicht zu den Olympischen Winterspielen nach Sotschi reise. "Das wäre ein schwerer Schlag für (den russischen Präsidenten Wladimir) Putin. Wenn neben (US-Präsident Barack) Obama, der bereits sein Fernbleiben angekündigt hat, auch Merkel fehlt, ist das ein ganz wichtiges Signal", sagte Kasparow.

An eine Tauwetter-Periode unter Putin glaubt der Oppositionelle nicht: "An der generellen Situation hat sich nichts geändert. Viele Unschuldige sitzen noch ein, es wird weiter Unrechtsurteile geben, die Justiz arbeitet schon daran."

Chodorkowski will sich nach seiner Ausreise nach Deutschland an diesem Sonntag zu seinen Zukunftsplänen äußern. Der 50-Jährige lud in Berlin zu einer internationalen Pressekonferenz ein. Am Samstag traf er sich nach mehr als zehn Jahren Haft erstmals wieder in Freiheit mit seinen Eltern. Chodorkowski bekam von den Behörden ein Visum, das ihn dazu berechtigt, ein Jahr lang in Deutschland zu bleiben. Möglicherweise kehrt er aber auch nach Russland zurück oder reist in ein anderes Land weiter.

Nach unbestätigten Berichten hält sich der Kreml-Kritiker im Hotel "Adlon" direkt am Brandenburger Tor auf. Vor der Luxusherberge wartete ein großes Aufgebot an Kameraleuten und Fotografen. Zu Gesicht bekamen sie ihn zunächst aber nicht. Am Vormittag landeten seine Mutter Marina und sein Vater Boris in Berlin. Sie kamen mit einer Linienmaschine aus Moskau. Zuvor hatte Chodorkowski bereits seinen ältesten Sohn Pawel (27) wiedergesehen, der normalerweise in New York lebt.