Annegret Kramp-Karrenbauer hat sich mit einem Karnevals-Gag auf Kosten intersexueller Menschen Ärger eingehandelt. Die Reaktionen in Presse und Politik reichen von "Respektlos" bis "Trauerspiel". Nur vereinzelt erfährt die CDU-Chefin Rückendeckung für ihren Spruch.

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Im Karneval geht es gerne rustikal zur Sache. Dass Politiker in der fünften Jahreszeit ihr Fett weg bekommen, hat Tradition. Bei der massiven Kritik, die Annegret Kramp-Karrenbauer derzeit erfährt, liegen die Dinge allerdings ein bisschen anders.

Bei ihrem Auftritt vor dem Stockacher Narrengericht sagte die CDU-Chefin in Bezug auf die Einführung von Toiletten für das dritte Geschlecht: "Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder noch sitzen müssen. Dafür, dazwischen, ist diese Toilette."

Die Fastnachtsveranstaltung fand bereits am vergangenen Donnerstag statt. Höhere Wellen schlug AKKs Auftritt erst, nachdem das Portal "queer.de" und "Nollendorfblogs" einen Artikel dazu veröffentlichten. Auch die Satireshow "Extra3" verbreitete einen Videoausschnitt auf Twitter.

Während der Spruch vor Ort in der Halle gut ankam und sowohl mit einem klassischen Karnevals-Tusch als auch mit Gelächter aus dem Publikum belohnt wurde, erntet die CDU-Chefin vor allem auf Twitter vor allem Kritik.

Annegret Kramp-Karrenbauers Witz: "Respektlos", "Trauerspiel", "Stammtischniveau"

Dort äußerten sich auch viele ihrer Kollegen aus dem Berliner Politikbetrieb zu der Angelegenheit.

Der SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil twitterte etwa: "Annegret Kramp-Karrenbauer zeigt, welcher erzkonservative Wind jetzt wieder in der Union weht. Solche Äußerungen - auch an Karneval - sind absolut respektlos."

Man dürfe Karneval zwar nicht überbewerten, schreibt Klingbeils Parteikollege Andreas Schwarz auf Twitter. Der Spruch von AKK zeige trotzdem: "Es gilt für die Union: zurück in die Vergangenheit!"

Sven Lehmann von den Grünen fragte rhetorisch: "Hallo Frau Kramp-Karrenbauer, haben Sie es wirklich nötig, für einen billigen Kalauer sich auf Kosten von inter- und transsexuellen Menschen lustig zu machen? Wenn ja, dann wäre das wahnsinnig peinlich." In einem offenen Brief forderte er eine offizielle Entschuldigung der CDU-Vorsitzenden.

Der FDP-Bundestagsabgeordneten Jens Brandenburg fremdschämte sich sogar für die konservative Politikerin. "Ist es so schwierig, eine humorvolle Narrenrede zu halten, ohne platt auf Minderheiten einzudreschen?", twitterte der Fraktionssprecher für die Anliegen von Lesben, Schwulen, Bi-, Trans- und Intersexuellen (LSBTI).

Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer sprach von einem "Trauerspiel". "Die Vorsitzende der größten Bundestagspartei findet es lustig, auf Stammtischniveau am Karneval Menschen zu denunzieren, die nicht der geltenden Machonorm entsprechen. Ein Jammer", urteilte der Linke-Politiker.

Verband in der Union erwartet Entschuldigung

Auch der Bundesverband Lesben und Schwule in der Union (LSU) erwartet eine Entschuldigung von seiner Parteichefin. "Natürlich ist eine Entschuldigung fällig", sagte der Verbandsvorsitzende Alexander Vogt im Radioprogramm "SWR Aktuell".

Auch im Karneval gebe es Grenzen. Dass Kramp-Karrenbauer wohl nicht aus böser Absicht handelte, mache die Sache nicht besser. "Wenn das unüberlegt passiert, ist es ja auch ein Zeichen dafür, wie es landläufig verbreitet ist, dieses Denken."

Davon abgesehen äußerten sich bislang nur wenige Unions-Politiker zu dem Eklat. Von dem CDU-Abgeordneten Johannes Steiniger etwa erfährt AKK Rückendeckung. "Ey Leute, das ist ne Fasnachts-Nummer. Mir geht diese Empörungskultur so was auf den Keks. Es nervt!", twitterte er.

Auch von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) kam Unterstützung. Sie schrieb: "Über Männer werden Witze gemacht, über Frauen werden Witze gemacht. Wer keine Witze übers dritte Geschlecht macht, weil es um das dritte Geschlecht geht, diskriminiert es."

So urteilt die Presse über AKKs Karnevals-Eklat

Auch in den Kommentarspalten verschiedener Medien war der Karnevals-Gag von Kramp-Karrenbauer Thema. Die "Tagesschau" etwa befindet: "Kramp-Karrenbauer macht sich unmöglich".

AKK sei auch im Karneval CDU-Parteivorsitzende und was sie sage, habe politisches Gewicht. "Da ist ein nötiges Maß an Feingefühl und Würde gefragt. [...] Einer künftigen Kanzlerin ist das jedenfalls nicht würdig."

Zu einem ähnlichen Urteil gelangt auch die "Die Zeit". AKK habe sich an dem Thema Intersexualität verhoben. "Würdeloser geht es kaum", ist in dem Kommentar zu lesen. "Der state of mind dieser Mitte unserer Republik muss zu denken geben. Auch die Vorsitzende der CDU lässt das Gespenst des ehrlichen Bürgers umgehen, der meint, sich mit vollem Recht über alles lustig machen zu können, was nicht seinen Werten und Normen entspricht."

Nach Meinung der "Bild"-Zeitung ist die Aufregung über Kramp-Karrenbauers Spruch hingegen übertrieben. "Wenn man nicht mal mehr in einer Büttenrede einen Witz über Unisex-Toiletten machen kann - wo denn bitte dann?", fragt die Boulevardzeitung in einem Kommentar mit dem Titel "Karneval der Korrekten".

Nicht erste Kontroverse um Äußerung von AKK

Schon 2015 hatte Kramp-Karrenbauer - damals noch als saarländische Ministerpräsidentin - mit Aussagen zur Homo-Ehe für Aufregung gesorgt. Es gebe in Deutschland bisher eine klare Definition der Ehe als Gemeinschaft von Mann und Frau, sagte sie damals der "Saarbrücker Zeitung".

"Wenn wir diese Definition öffnen in eine auf Dauer angelegte Verantwortungspartnerschaft zweier erwachsener Menschen, sind andere Forderungen nicht auszuschließen: etwa eine Heirat unter engen Verwandten oder von mehr als zwei Menschen."

Darauf nahm Juso-Chef Kevin Kühnert in seiner Reaktion auf die aktuelle Debatte Bezug. Der konservative Journalist Michael Spreng habe AKKs Einstellung zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt im vergangenen Jahr als "reaktionär" bezeichnet, erinnert Kühnert auf Twitter, und schreibt weiter: "Dem ist nichts hinzuzufügen."

So hielt es auch Regierungssprecher Steffen Seibert. Er reagierte zurückhaltend auf Kramp-Karrenbauers karnevalistische Äußerungen zur Intersexualität.

"Büttenreden kommentiere ich nicht", sagte Seibert. Er könne aber gerne über die Politik der Bundesregierung zur Intersexualität Auskunft geben.

Zusammengestellt von jwo (mit Material von dpa)