Madrid/Lissabon (dpa) - Die Linksparteien in Spanien und Portugal sehen im Machtwechsel in Griechenland den Beginn einer Wende in ganz Südeuropa. Sie wollen bei den Wahlen in Herbst ebenfalls die konservativen Regierungen ablösen. Ob der "Syriza-Effekt" dann noch wirkt, ist jedoch fraglich.

Pablo Iglesias sieht Spaniens neue Linkspartei Podemos (Wir können) im Aufwind. "Ticktack, ticktack, die Uhr von Ministerpräsident Mariano Rajoy läuft ab", witzelt der Parteichef. Der 36-jährige Politik-Dozent will bei den Wahlen im Herbst in Spanien wiederholen, was Alexis Tsipras mit dem Linksbündnis Syriza in Griechenland gelang, und die Konservativen von der Macht verdrängen. "Erst Syriza, dann Podemos - wir werden siegen", rief der Politiker mit den zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen Haaren seinen Anhängern zu.

"Griechenland wird nicht mehr von Angela Merkel regiert"

Die Linke auf der Iberischen Halbinsel sieht im Machtwechsel in Griechenland den Beginn einer Abkehr von der Sparpolitik und eines Wandels in ganz Südeuropa. "Griechenland wird jetzt von Griechen regiert und nicht mehr von einem Beauftragten der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel", meinte Iglesias.

Im benachbarten Portugal weckte der Syriza-Erfolg Hoffnungen auch im Lager der gemäßigten Linken. Es sei gut, dass in Athen eine "Anti-Spar-Partei" an die Macht gekommen sei, sagte der neue Führer der sozialdemokratisch orientierten Sozialistischen Partei (PS), Antonio Costa. Er hofft darauf, im Herbst die Mitte-Rechts-Regierung von Ministerpräsident Pedro Passos Coelho zu stürzen. In einer Online-Umfrage der Zeitung "Publico" meinten 73 Prozent der teilnehmenden Leser, die politische Entwicklung in Griechenland werde Europa "zum Besseren verändern."

Deutsche Politiker fordern Athen geschlossen dazu auf, ihre Vereinbarungen einzuhalten.

Allerdings ist fraglich, ob die Griechenland-Wahl direkte Auswirkungen auf die Wahlen im Herbst in Spanien und Portugal haben werden. "Wenn die Spanier wählen, wird die Abstimmung in Griechenland weit zurückliegen", betonte der spanische Politologe Anton Losada. "Vorher finden noch eine Wahl in Andalusien, Kommunal- und Regionalwahlen sowie eine Wahl in Katalonien statt." Viel dürfte dann auch davon abhängen, ob die Amtsführung der Tsipras-Regierung sich als ein Erfolg oder ein Misserfolg erweist. "Der Syriza-Effekt und die Reaktion der Kapitalmärkte können sich als ein zweischneidiges Schwert erweisen", warnte die Zeitung "El País".

Spaniens Sozialisten vor der Feuerprobe

Im Gegensatz zu Podemos reagierten Spaniens Sozialisten (PSOE) eher zurückhaltend auf den Syriza-Erfolg. Sie begrüßten zwar, dass die Strategie der drastischen Einsparungen bei den Griechen eine Abfuhr erhielt, hatten aber angesichts des Debakels ihrer Schwesterpartei Pasok wenig Grund zur Freude. Die PSOE steht schon bald vor einer Feuerprobe: Bei der vorgezogenen Wahl in ihrer Hochburg Andalusien wollen die Sozialisten den Beweis antreten, dass sie gegen Podemos gewinnen können.

Die Vereinte Linke (IU), der traditionelle Syriza-Verbündete in Spanien, wurde durch den Aufstieg von Podemos in den Hintergrund gedrängt und büßte in der Wählergunst ein. "Wenn wir für jede Idee, die Podemos von uns übernimmt, einen Euro erhielten, hätten wir keine Geldprobleme", beklagte der IU-Chef Cayo Lara.

Allerdings erlitt Podemos mit seiner Strategie, sich von den Korruptionsskandalen in den anderen Parteien abzugrenzen und für eine "andere Art der Politik" zu werben, einen ersten Rückschlag. Einer der Parteiführer musste sich in der Presse vorwerfen lassen, ohne Zustimmung seines Arbeitgebers - der Universität Madrid - als Berater lateinamerikanischer Regierungen über 400.000 Euro verdient zu haben.

Linksruck im ärmsten Land Europas?

In Portugal freute sich vor allem die Psychologin Joana Amaral Dias über den Wahlausgang in Griechenland. Die 40-Jährige ist dabei, im ärmsten Land Westeuropas eine ähnliche Bewegung wie Syriza aufzubauen. Die frühere Abgeordnete des Linksblocks (BE) ist wegen ihrer TV-Auftritte und Zeitungskolumnen seit Jahren sehr populär. "Wir wollen in Portugal die Macht ergreifen", sagte sie kürzlich der Deutschen Presse-Agentur.

Im Massenblatt "Correio da Manha" schrieb die charismatische Politikerin, die Griechenland-Wahl sei ein "Erlösungsschrei der Unterdrückten" gewesen. "Die Angst wechselt die Fronten", meinte sie, und hofft, dass die "griechische Welle auch Portugal erreicht". Der Journalist und Schriftsteller Joao Miguel Tavares (41) warnte allerdings: "Man darf den Attraktionsfaktor dieser neuen Parteien nicht auf die Anti-Spar-Logik reduzieren. Die Wähler wollen einfach die alte Nomenklatur davonjagen."