Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: Wie verändert sich dieses Land, wenn in den Kliniken nicht mehr Leben gerettet, sondern Leben vorsätzlich beendet wird? Ein Blick über den Tellerrand.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
von Gabor Steingart, Journalist, Buchautor, Medienmanager

Guten Morgen liebe Leserinnen, liebe Leser,

unsere Ängste sind schneller als das Coronavirus. Noch funktioniert die deutsche Intensivmedizin.
Noch sind zahlreiche Intensiv-Betten frisch bezogen und unbenutzt. Noch herrscht kein Mangel an Beatmungsgeräten und qualifiziertem Klinikpersonal.

Doch in Politik und Medizin hat das Nachdenken über jenen düsteren Tag X begonnen, wenn uns das Wörtchen "noch" abhandenkommt. Wie verändert sich dieses Land, wenn in den Kliniken nicht mehr Leben gerettet, sondern Leben vorsätzlich beendet wird? Halten wir es aus, wenn der demokratische Rechtsstaat mit der Selektion beginnt, die dieses Mal nicht Selektion heißt, sondern Triage?

Mit dem vornehmen französischen Wort ist ein Verteilungssystem nach festgelegten Kriterien gemeint. Triage stammt vom Verb "trier", was "sortieren" bedeutet, das System entspringt der Militärmedizin des 18. Jahrhunderts.

In mehreren Ländern kommt es in der aktuellen Krise bereits zum Einsatz.

Beispiel Italien. Aus Rom fasst Dominik Straub für den "Standard" die Lage wie folgt zusammen:

"Das medizinische Personal in vielen Krankenhäusern Norditaliens muss sich an eine neue Abkürzung gewöhnen: 'NCR'. Das steht für 'non candidabili alla rianimazione' – und bedeutet so viel wie: kann nicht in der Reanimation aufgenommen werden.

Der Mangel an Betten in den Intensivstationen hat dazu geführt, dass die Ärzte in bestimmten Fällen über Leben und Tod entscheiden müssen: 'Wenn jemand zwischen 80 und 95 Jahre alt ist und große Atemprobleme hat, reservieren wir die wenigen noch vorhandenen Plätze für Patienten mit größeren Überlebenschancen', sagt der Narkosearzt Christian Salaroli aus Bergamo."

Beispiel Frankreich. Für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichten die Redakteure Rüdiger Soldt und Michaela Wiegel:

"Das Krankenhaus in Mülhausen, das um ein Feldlazarett der Armee erweitert wurde, sah sich sogar gezwungen, Beatmungsgeräte noch radikaler zu rationieren: Nur Patienten unter 75 Jahren könnten beatmet werden, bestätigte der Chef der Notaufnahme des Krankenhauses, Marc Noizet, in einer Videokonferenz mit hundert Notärzten der Region.

'Wer über 75 Jahre alt ist, wird nicht mehr intubiert', sagte er. Die Überlastung sei so groß, dass die verfügbaren Beatmungsgeräte für jüngere Patienten mit besseren Überlebenschancen reserviert bleiben müssten."

Beispiel USA. In der "Süddeutschen Zeitung" schreibt Thorsten Denkler, politischer US-Korrespondent in New York, über die sich planmäßig chaotisierenden Zustände in der Stadt:

Nach der Rechnung, die der Bürgermeister von New York City, Bill de Blasio, am Sonntag im Sender CNN präsentierte, hat die Stadt ab diesem Mittwoch noch sieben Tage. Sieben Tage, bis die Krankenhäuser ihre Belastungsgrenze erreichen. Sieben Tage, bis dann womöglich Ärzte entscheiden müssen, welcher schwer erkrankte Covid-19-Patient beatmet wird. Und welcher nicht.

"Dann werden Menschen sterben, die nicht sterben müssten", sagte de Blasio. Und es geht nicht nur darum: Es geht um Masken, Schutzkleidung, Personal, um alles, was ein Krankenhaus braucht, um zu funktionieren. Der April werde 'schlimmer als der März', sagte er. 'Und ich fürchte, der Mai wird schlimmer als der April.' - 'Wir sind erst am Anfang', schwört de Blasio die Bürger ein. 'Das Schlimmste steht uns noch bevor.'"

Weltweit haben sich mittlerweile 531.860 Menschen mit dem Coronavirus infiziert, 24.072 Menschen sind an den Folgen des Virus gestorben. Italien hat mit Abstand die meisten Todesfälle zu verzeichnen: Dort sind bereits über 8215 der Infizierten gestorben.
In Deutschland mit seinen bisher 267 Toten ist die Lage deutlich besser, aber womöglich nur deshalb, weil wir später in diesen Horrorfilm eingestiegen sind. Wenn es stimmt, was der Virologe Alexander Kekulé jüngst sagte, dass das Coronavirus präzise wie ein Uhrwerk arbeitet, dann hat auch in Deutschland die Uhr zu ticken begonnen. Gevatter Tod steht womöglich schon ante portas. Zumindest bereitet Gesundheitsminister Jens Spahn Ärzte, Pfleger und Bevölkerung auf die Geisterstunde vor:

"Noch ist das die Ruhe vor dem Sturm. Keiner kann genau sagen, was in den nächsten Wochen kommt."

Im Falle einer akuten Knappheit, soviel scheint festzustehen, sollen auch in deutschen Krankenhäusern Intensiv-Betten nach bestimmten Kriterien verteilt werden. Die Entscheidung über die Zuteilung von Ressourcen müsse medizinisch begründet und gerecht sein, heißt es in einer Handlungsempfehlung, vorgelegt von sieben medizinischen Fachgesellschaften, darunter die Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, die Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin und die Akademie für Ethik in der Medizin.

Als Kriterium gilt den Unterzeichnern die Wahrscheinlichkeit, ob der Patient die Behandlung überleben wird und danach ein Leben außerhalb der Intensivstation führen kann. In dem elfseitigen Dokument heißt es:

"Eine Intensivtherapie ist nicht indiziert, wenn der Sterbeprozess unaufhaltsam begonnen hat, die Therapie als medizinisch aussichtslos eingeschätzt wird, weil keine Besserung oder Stabilisierung erwartet wird oder ein Überleben an den dauerhaften Aufenthalt auf der Intensivstation gebunden wäre."

"Wenn die Ressourcen nicht ausreichen, muss unausweichlich entschieden werden, welche intensivpflichtigen Patienten akut-/intensivmedizinisch behandelt werden und welche nicht oder nicht mehr."

Den Medizinern ist bewusst, dass sie damit Gevatter Tod die Tür zum Patientenzimmer öffnen:

"Dies bedeutet eine Einschränkung der sonst gebotenen patientenzentrierten Behandlungsentscheidungen, was enorme emotionale und moralische Herausforderungen für das Behandlungsteam darstellt."

"Wenn nicht mehr alle kritisch erkrankten Patienten auf die Intensivstation aufgenommen werden können, muss über die Verteilung der begrenzt verfügbaren Ressourcen entschieden werden."

Der evangelische Theologe Peter Dabrock ist Vorsitzender des Ethikrates, der für die Bundesregierung ebenfalls Empfehlungen zur Triage erarbeitet hat. Er spricht Politiker und Mediziner frei von Verantwortung. Es handele sich um "keine Güterabwägung, sondern eine verantwortete Schuldminimierung."

Fazit: Da haben im medizinisch-politischen Komplex die Richtigen zusammen gefunden. Die Mediziner werden zu assoziierten Kabinettsmitgliedern und im Gegenzug sprechen sie den Staat frei von Schuld, einen Staat, der bis heute unfähig ist, Schutzbekleidung für die Ärzte zu organisieren, der die Einreiseregeln für Staaten mit hoher Corona-Infizierung erst spät verschärfte und sich nicht traute Skiferien in Tirol und Karneval im Rheinland zu untersagen. So funktioniert politische Präventivmedizin.
Aber die berechtigte Erwartung der Bürger, die bald zu Patienten werden könnten, ist eine andere. Der Staat muss die Ruhe vor dem Sturm nutzen, das deutsche Haus sturmfest zu machen. Die Regierung hat das Mandat Leben zu retten. Ein Mandat, Gevatter Tod die Tür zu öffnen, hat sie nicht.
Auch für Minister und Chefärzte gilt das eine Fundamentalgebot, das an höchster Stelle erlassen wurde: Du sollst nicht töten.

Neue Stufe im Zweikampf USA gegen China

Neue Stufe im Zweikampf USA gegen China: Dieses Mal geht es nicht um Handelsprodukte und Waren, sondern um die Frage: Wer ist der bessere Krisenmanager? US-Präsident Donald Trump konkurriert mit Chinas Staatschef Xi Jinping auf einem Gebiet, auf dem der KP-Chef qua politischer und gesetzlicher Autorität einen veritablen Vorteil besitzt:

► Obwohl das Virus in den USA nach den bestätigten Infektionen drei Wochen später registriert wurde als in China, zählen die Staaten mit über 85.000 Infizierten heute Morgen bereits mehr als die Chinesen.

► In China, mit seinen rund 1,4 Milliarden Einwohnern, wurden bislang 3300 Corona-Todesfälle gemeldet. In den USA, mit etwa 330 Millionen Einwohnern, sind bislang rund 1300 Fälle gemeldet worden.

► Die chinesischen Aktienmärkte verkraften die Coronakrise bislang deutlich besser als die amerikanischen. Der S&P 500, der die 500 größten US-Unternehmen umfasst, verlor seit Jahresbeginn rund 20 Prozent, der Shanghai Composite, der die knapp 1.500 in Schanghai gelisteten Unternehmen beinhaltet, verlor nur neun Prozent.

Fazit: Der Systemwettstreit zwischen West und Fernost, zwischen Demokratie und Diktatur hat ein neues Kampffeld betreten. Der Westen hat keine andere Chance: Er muss liefern. Und falls er nicht liefern kann, darf er nicht Demokratie und Rechtsstaat verabschieden, wohl aber muss er dann sein Gesundheitssystem verändern.

Morning Briefing Podcast: Heute begrüßt Sie Robin Alexander

Im Morning Briefing Podcast begrüßt Sie heute "Welt"-Vize Robin Alexander mit folgenden Themen:

► Haushaltspolitiker Johannes Kahrs (SPD) spricht im Interview über den vom Parlament verabschiedeten Sonderhaushalt zur Bewältigung der Coronakrise.

► Mit Thomas Arnoldner, CEO der A1 Telekom Austria Group, spricht Robin Alexander über die Weitergabe von Bewegungsdaten durch Mobilfunkanbieter an die Regierung.

► Außerdem analysiert er die Ergebnisse der G20-Beratungen, den die Staats- und Regierungschefs gestern per Videokonferenz abgehalten haben.

Was am Freitag wichtig ist

Erstens: In einer Sondersitzung geht es im Bundesrat vor allem um das am Mittwoch vom Bundestag beschlossene Maßnahmenpaket zur Bekämpfung der Coronakrise – mit Finanzhilfen für große Unternehmen, Regelungen zur Kurzarbeit und zur Kündigung von Mietern sowie dem Nachtragshaushalt.
Zweitens: Bosch Healthcare Solutions hat gemeinsam mit dem Unternehmen Randox Laboratories innerhalb von sechs Wochen einen COVID-19-Schnelltest entwickelt. Laut Angaben des Unternehmens lässt sich eine Infektion in weniger als zweieinhalb Stunden nachweisen. Der Test soll ab April in Deutschland erhältlich sein.
Drittens: Auch die Deutsche Bahn AG spürt die Folgen der Krise. Wegen stark gesunkener Fahrgastzahlen hatte der Konzern sein Angebot in den vergangen Tagen auf gut drei Viertel heruntergefahren. Das macht es für den Konzern in 2020 unmöglich, an den bisherigen Rekord im Fernverkehr von 150,7 Millionen Kunden anzuknüpfen. Diesen verkündete die Bahn gestern gemeinsam mit den Ergebnissen des Geschäftsberichts für 2019.

Viertens: Über das zwei Billionen Dollar schwere Konjunkturpaket, auf das sich die US-Regierung und der Senat am Dienstag geeinigt haben, wird heute noch im Repräsentantenhaus abgestimmt. Es wird erwartet, dass das Paket gebilligt wird.

Fünftens: Die Wirtschaftsunternehmen wünschen sich nach Ostern eine schrittweise Rückkehr zur alten Normalität. Doch viele Intellektuelle widersprechen diesem Ansinnen. Im aktuellen Podcast "Der achte Tag" rät Professor Aladin El-Mafaalani, Soziologe und Bestsellerautor, zu einem gedanklichen Systemwechsel: "Ich wünsche mir eine Weltgesellschaft, die von Macht und Konkurrenz auf Kooperation, Solidarität und Zusammenhalt umschaltet. Vor Corona dachte ich, es bräuchte Außerirdische dafür. Aber vielleicht sind es winzig kleine Viren, die uns zeigen, dass wir alle im selben Boot sitzen."

Ich wünsche Ihnen einen gelassenen Start in das Wochenende, trotz der widrigen Wirklichkeit. Es gilt der trotzig-optimistische Satz von Oscar Wilde: "Am Ende wird alles gut; und wenn es nicht gut wird, dann war es noch nicht das Ende."

Ich wünsche Ihnen einen erfreulichen Start in diesen Tag. Es grüßt Sie herzlichst Ihr

Gabor Steingart

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.