Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: Warum nicht Friedrich Merz oder Armin Laschet, sondern Gesundheitsminister Jens Spahn am Ende Nachfolger von Annegret Kramp-Karrenbauer wird.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
von Gabor Steingart
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors/der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Guten Morgen, liebe Leserinnen und liebe Leser,

Friedrich Merz hat im Interview mit den ARD-"Tagesthemen" einen Satz gesagt, der später nicht die Aufmerksamkeit erfuhr, die er verdient hätte.

"Da wo Rauch ist, ist auch Feuer. Natürlich wird das versucht."

Gemeint ist die gleichermaßen kollektive wie geheime Anstrengung, den Weg für einen CDU-Vorsitzenden Jens Spahn zu ebenen. Das Ziel ist schon deshalb ambitioniert, weil Spahn gar nicht auf dem Wahlzettel steht. Geübte Parteitaktiker aber wissen, wie man dennoch ans Ziel kommt. Drei Szenarien sind denkbar:

Szenario 1

Friedrich Merz schadet sich mit seinen Attacken auf "das Establishment" selbst und steht in der Partei als Querulant da.

Männer wie der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier, der in seiner Heimatzeitung, der "FAZ", die Beobachtungen des Rauchmelders Merz als "albern, falsch und widersinnig" bezeichnet, tragen vorsätzlich zur Isolation von Merz bei. Er soll bei seiner Fanbasis als Mann diskreditiert werden, der Gespenster sieht.

Gleichwohl, und das ist wichtig für Szenario 1, kann Armin Laschet von diesem Treiben in den Umfragen nicht profitieren. Unter dem sanften Druck seiner Parteifreunde zieht er schließlich zurück. Als letzte heroische Tat vor dem Abstieg schlägt er die Nr. 2 seines Teams als Nr. 1 vor. Damit wäre der Weg frei für Jens Spahn, der die soziale Absicherung seines heutigen Teampartners übernehmen müsste. Laschet würde fallen, aber weich.

Szenario 2

Der bislang in der Kulisse sich formierende Sympathisantentrupp für Jens Spahn, angeführt von Wolfgang Schäuble und Edmund Stoiber, tritt aus dem Halbdunkel in die TV-Studios von ARD und ZDF.

Eine öffentliche Belobigung von Spahn als "Hoffnungsträger" käme, zumal aus dem Mund der Altvorderen, einer Demütigung von Laschet gleich und könnte die Verhältnisse in der Union zum Tanzen bringen. Spahn dürfte auch in diesem Szenario nicht auf eigenes Risiko loslegen. Man würde ihn rufen. Er soll nicht auf die Bühne stürmen, sondern schreiten.

Szenario 3

Die Kanzlerin sowie die Parteivorsitzenden von CDU und CSU entwickeln eine gemeinsame Vorstellung von der Zukunft Deutschlands und der künftigen Aufgabenverteilung. In diesem Szenario belohnen sie Laschets Verzicht auf Parteivorsitz und Kanzlerschaft mit der Aussicht auf Schloss Bellevue.

Laschet würde als Schlossherr den Niederungen der Tagespolitik entschweben und damit die Kandidatur von Spahn auf dem Parteitag ermöglichen. Im Gegenzug für diese Rochade müsste Spahn allerdings die Kanzlerkandidatur, kaum im Amt des Parteichefs angekommen, an den Mann aus Bayern weiterreichen.

Fazit

Allen drei Szenarien ist eines gemeinsam: Jens Spahn tut das, was in dieser Situation am klügsten ist: Er wartet ab. Schon damit beweist er das, was Friedrich Merz derzeit fehlt: strategische Geduld.

Der Union stehen turbulente Monate bevor. Oder um mit Peter Handkes neuem Buchtitel zu sprechen: "Wer sagt denn, dass die Welt schon entdeckt ist."

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