Der Konflikt mit Nordkoreas Diktator Kim Jong Un droht weiter zu eskalieren. Nach SPIEGEL-Informationen rechnen die Militärexperten der Bundeswehr schon bald mit einem neuen Atomtest des Despoten.

Militärexperten der Bundeswehr befürchten eine weitere Verschärfung im Konflikt mit Nordkorea. In einer vertraulichen Analyse für Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und die Spitze ihres Hauses warnt die Abteilung Militärisches Nachrichtenwesen, dass Präsident Kim Jong Un vermutlich schon bald erneut einen Atomtest durchführen werde. Damit wolle er die USA weiter reizen.

Die Analyse, die die Ministerin mit nachrichtendienstlichen Einschätzungen versorgt, wurde nach dem letzten Raketentest durch das Regime am 5. April erstellt. Zum Motiv des isolierten Diktators heißt es, er habe mit dem Test der ballistischen Bukgeukseong-2-Rakete vor einem Treffen der USA und Chinas ein gemeinsames Vorgehen der beiden Länder gegen Pjöngjang untergraben wollen.

Am Ende des vertraulich eingestuften Reports steht eine düstere Prognose. Demnach müsse nach der Logik der nordkoreanischen Eskalationsspirale "in naher Zukunft mit weiteren Provokationen - möglicherweise auch einem neuen Kernwaffentest - gerechnet werden". Ein Datum für einen solchen Test, der weltweit, aber vor allem in Washington für Aufregung sorgen würde, wird nicht genannt.

Natürlich mag die Warnung abstrakt sein. Und doch illustriert sie, wie alarmiert die Analysten in Sachen Nordkorea sind. Zwar ist der dortige Diktator unberechenbar und sein Machtsystem selbst für die Geheimdienste nur schwer nachvollziehbar. Gleichwohl reagierte er bisher auf Druck von außen meist mit weiteren Provokationen statt diplomatischen Signalen.

Auch wenn ein Krieg unwahrscheinlich ist: Nordkorea hat eines der größten Militärs der Welt.

Folglich wäre ein Atomwaffentest, möglicherweise am Gründungstag der letzten echten kommunistischen Bastion der Welt Mitte April, durchaus denkbar.

Das letzte Mal hatte Nordkorea im September 2016 einen Atomsprengkopf unterirdisch getestet. Das Regime sprach später von einem neuentwickelten Sprengkopf und feierte sich in den Staatsmedien. Für die USA ist die Entwicklung der Sprengköpfe und von neuen Trägerraketen bedrohlich. Schon jetzt wird das Szenario durchgespielt, dass die Waffen des Diktators nach weiteren erfolgreichen Probeläufen Nordamerika erreichen könnten.

Washington hatten in den letzten Tagen den Ton gegenüber dem Regime verschärft. Donald Trumps Außenminister Rex Tillerson teilte nach dem Raketentest vielsagend mit, man habe über Nordkorea genug geredet. Nicht wenige interpretierten dies als Ankündigung einer Eskalation bis hin zu einem Militärschlag der USA. Kurz danach überraschte sein Präsident mit seinem Alleingang in Syrien.

Den Worten ließen die USA auch in Sachen Nordkorea erste Taten folgen. In der Nacht zum Sonntag beorderte das Pentagon eine Flugzeugträgergruppe in Richtung koreanische Halbinsel. Zu dem Verband gehören das Hauptschiff USS "Carl Vinson", ein Geschwader Kampfflugzeuge, zwei Lenkwaffenzerstörer und ein Kreuzer. Statt zu einer Übung nach Australien nahm die Armada nun von Singapur aus Kurs auf den Pazifik.

Präsident Trump, der seine Sprunghaftigkeit durch die Tomahawk-Attacke in Syrien unter Beweis stellte, würde im Fall eines Nukleartests unter Zugzwang geraten. Nach einem Treffen mit dem chinesischen Staatschef Xi Jinping hatte das Weiße Haus mitgeteilt, die Option eines Präventivschlags gegen Nordkorea sei nicht vom Tisch. Sicherheitsberater Herbert Raymond McMaster nannte die Verlegung der Schiffe eine Vorsichtsmaßnahme, um auf jede Situation reagieren zu können.

Das Ziel der USA hatte Außenminister Tillerson am Wochenende im Frühstücksfernsehen noch einmal definiert. "In Sachen Nordkorea waren wir immer sehr klar", so der frühere Ölmanager, "wir wollen eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel."© SPIEGEL ONLINE