Was läuft schief im trägen Bundestagswahlkampf? Die Gäste von Anne Will wünschen sich mehr Polarisierung in der politischen Mitte. Fragt sich nur, wie die zu erreichen wäre.

Eine Woche ist die Bundestagswahl nur noch entfernt – da ist die Gästeauswahl bei "Anne Will" am Sonntagabend schon etwas ungewöhnlich. In der Runde nehmen keine aktiven Politiker Platz, sondern fünf Menschen, die ein bisschen über den Dingen schweben: Wissenschaftler, Intellektuelle, Ex-Politiker.

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Sie sollen erklären, was schief läuft in dieser Kampagne, vielleicht gleich im ganzen Land: Hass und Hetze im Netz und auf Kundgebungen, gleichzeitig ein Wahlkampf, der als inhaltsleer kritisiert wird.

Die "ratlose Mitte"

Ganz gut erklären kann das gleich zu Beginn Bernhard Pörksen. Der Tübinger Kommunikationswissenschaftler vermisst Zuspitzung und Polarisierung vor allem zwischen den gemäßigten Parteien, er selbst nennt sich mehrmals den "Vertreter der ratlosen Mitte".

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Denn der Wahlkampf ist seiner Meinung nach "politisch entleert": "Die Parteien haben es vermissen lassen, die Alternativen inhaltlicher Art sichtbar zu machen."

Ähnlich sieht das wohl Frank Richter. Der frühere Leiter der Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen ist in diesem Jahr aus seiner Partei, der CDU, ausgetreten – aus Protest gegen Waffenlieferungen an Saudi-Arabien und die "Pisaisierung" der Bildungspolitik.

Auch der Wahlkampf dürfte ihm seine ehemalige Partei nicht nähergebracht haben. Bei einer Kundgebung, so erzählt Richter, habe er sich "nicht gut versorgt gefühlt, was die wirklich wichtigen Themen unseres Landes angeht".

Theo Waigel und Gesine Schwan: Abbilder ihrer Parteien

Was sagen die beiden Gäste dazu, die selbst mehr oder weniger lange politisch tätig waren? Die Auftritte von Theo Waigel (CSU) und Gesine Schwan (SPD) sind jedenfalls vielsagend, denn sie passen ziemlich gut zum derzeitigen Auftreten der beiden Volksparteien.

Der ehemalige Bundesfinanzminister und bekennende Merkel-Fan Waigel jedenfalls stellt fest: "Angela Merkel macht Politik, und der Herausforderer macht Wahlkampf."

Das entspricht eigentlich auch dem Vorwurf des politischen Gegners an die CDU-Kanzlerin, aber Waigel sieht darin gar nichts Verwerfliches. Er beklagt zwar, die Politik packe die Zukunftschancen der jungen Generation nicht an. Mit der seit zwölf Jahren regierenden Kanzlerin, die sich darum hätte kümmern können, ist er trotzdem recht zufrieden.

Die ehemalige Bundespräsidentenkandidatin Gesine Schwan redet sich dagegen um Kopf und Kragen und gibt damit ein ähnliches Bild ab wie ihre Partei: Sie müht sich, dringt aber nicht so recht durch und wirkt irgendwann etwas aufgeregt und verzweifelt.

Wenn die SPD aus einer großen Koalition komme, sei es eben "schwer zu demonstrieren, dass man eigentlich etwas ganz anderes will", sagt sie.

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Besser Langeweile als Hysterie?

Eine gute Seite habe der eher fade Wahlkampf aber auch, findet die Autorin und Moderatorin Thea Dorn: Er habe Deutschland vor so hysterischen Zuständen bewahrt, wie sie die USA vor einem Jahr im Vorfeld der Präsidentschaftswahl erlebt haben. Auch deswegen sei eine gewisse "Angst vor Zuspitzung" durchaus berechtigt, sagt Dorn.

Allerdings findet auch sie: Die politische Auseinandersetzung um Inhalte dürfen die Parteien der Mitte nicht der AfD überlassen.

Müssten sich die etablierten Parteien also einfach wieder mehr streiten? Diese Lehre ließe sich aus der Anne-Will-Sendung durchaus mitnehmen.

Wie das in die Tat umgesetzt werden kann, bleibt dann aber offen. Vielleicht beantworten das die Gäste in der nächsten Sendung: Dann können sie am Sonntagabend endlich über die Wahlergebnisse streiten.