Bei Anne Will wird am Sonntag viel Ärger über die vermeintlichen Volksparteien laut. Juso-Chef Kevin Kühnert ärgert sich "grün und blau" über die CDU. Und eigentlich alle vermissen bei der "GroKo" eine gemeinsame Vision für die Zukunft.

Mehr aktuelle News finden Sie hier

Wenn es Friedrich Merz darum ging, sich selbst wieder zum Gesprächsthema zu machen, ist ihm das auf jeden Fall gelungen. Im ZDF-Interview behauptete der frühere Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion in der vergangenen Woche, dass die Bundesregierung ein "grottenschlechtes" Bild abgebe. Seitdem scheinen Journalisten und Politiker nur noch dieses Thema zu kennen – auch die Redaktion von Anne Will ist da keine Ausnahme.

Was war das Thema?

Wissen CDU und SPD noch wo sie hinwollen? So lautet die Titelfrage. Seit der verlorenen Thüringen-Wahl und dem Merz-Interview ist ein heftiger Streit in der CDU entbrannt. Vor allem konservative Christdemokraten zweifeln an der Führungsqualität der Kanzlerin sowie der Parteivorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer.

Damit erinnert die sonst so geschlossene CDU an ihren Koalitionspartner: Die SPD sucht – mal wieder – neue Vorsitzende. Über alldem schwebt die Frage, ob das gemeinsame Bündnis der früheren Volksparteien überhaupt noch eine Zukunft hat.

Wer waren die Gäste?

Kevin Kühnert: Der Vorsitzende der SPD-Jugendorganisation ist bekennender Gegner der "GroKo". Ausnahmsweise geht er in der Sendung mal nicht mit seiner eigenen Partei hart ins Gericht, sondern vor allem mit der CDU. Zum Beispiel mit Angela Merkel: "Mich interessiert, warum wir von der Kanzlerin nichts hören. Wer hat ein letztes Zitat von Angela Merkel in Erinnerung?"

Paul Ziemiak: Der CDU-Generalsekretär wird das unglückliche Agieren seiner Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer mit zur Last gelegt. Ziemiak wirbt dafür, jetzt keine Personaldebatten zu führen: Über die Kanzlerkandidatur seiner Partei werde erst Ende 2020 entschieden. "Bis dahin müssen wir auch mal ein paar inhaltliche Hausaufgaben machen."

Marina Weisband: Früher war sie "Piratin", jetzt ist die Netz-Aktivistin Mitglied der Grünen. Ihr großes Thema ist der Wandel von der Industriegesellschaft zu einer immer stärker digitalisierten Welt. "Wir suchen nach Antworten, wir sind in einer Zeit des Umbruchs. Auf diese Dinge kommen keine Antworten von der CDU", kritisiert sie.

Kristina Dunz: Die Berlin-Korrespondentin der "Rheinischen Post" hat eine Biografie über Annegret Kramp-Karrenbauer geschrieben. Sie glaubt, dass die angeschlagene CDU-Vorsitzende ein Risiko eingegangen ist, indem sie ihre innerparteilichen Gegner aufforderte, aus der Deckung zu kommen. "Das ist mutig, das ist ungewöhnlich für diese Partei. Das kennt man von Frau Merkel nicht."

Gabor Steingart: Der frühere Chefredakteur des wirtschaftsnahen "Handelsblatts" glaubt, dass die Führungsfrage in der CDU gestellt ist. Nicht nur die Partei sieht er dadurch in einer schwierigen Situation, sondern das ganze Land. Denn die Nachfolge von Angela Merkel zu regeln, sei so schwer wie notwendig: "Wir werden der Kanzlerin noch nachweinen und werden trotzdem froh sein, wenn jemand Neues kommt."

Was war das Rede-Duell des Abends?

Kevin Kühnert redet sich zur Mitte der Sendung hin in Rage, streitet sich zuerst mit Journalistin Dunz, dann mit CDU-Generalsekretär Ziemiak. Er ärgere sich "grün und blau", so Kühnert, dass seine Partei inhaltliche Vorschläge mache, die Personalquerelen der Union aber alles überlagerten.

Die SPD habe ein Recht auf Weiterbildung oder eine Vermögenssteuer vorgeschlagen und einen Gesetzesentwurf zur Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung vorgelegt. Das alles sei aber nicht mit CDU und CSU zu machen. "Wir kommen nicht ins Laufen, weder als Partei noch als Gesellschaft, weil uns da ein Partner gegenüber sitzt, der seine Führungsfragen nicht geklärt hat."

Widerspruch lässt da nicht lange auf sich warten. Paul Ziemiak tut die SPD-Vorstöße als "Ideen aus der Mottenkiste" ab. Und Journalistin Dunz findet, Kühnert wolle nur von den eigenen Führungsproblemen der SPD ablenken.

Wie hat sich Anne Will geschlagen?

Zwischenzeitlich kann sich der Zuschauer fast fragen, ob sie noch da ist. Als Kevin Kühnert sich mit Dunz und Ziemiak anlegt, ist von der Moderatorin nichts mehr zu hören. Wenn die Gäste sich laut ins Wort fallen, ist es nicht gerade Wills Stärke dazwischen zu gehen.

Später zeigt sie sich hartnäckiger: Vom CDU-Generalsekretär will sie wissen: Wie will seine Partei in Thüringen das Kunststück vollbringen, Mike Mohring zum Ministerpräsidenten wählen zu lassen und trotzdem weder mit Linkspartei noch AfD zusammen zu arbeiten?

"Ich kann Ihnen das heute ehrlicherweise nicht beantworten", lautet da Ziemiaks Antwort – nicht gerade typisch für einen Politiker.

Was ist das Ergebnis?

Langweilig ist die Sendung trotz des etwas ausgelutschten Themas nicht. Das ist auch kein Wunder bei so eingespielten Kontrahenten wie den beiden Jung-Politikern Ziemiak und Kühnert: Die Sendung hätte wahrscheinlich auch funktioniert, wenn die beiden alleine im Studio Platz genommen hätten.

Den wohl prägnantesten Befund steuert allerdings Publizist Gabor Steingart bei: "Die gemeinsame Vorstellung von der Zukunft – die fehlt", sagt er über die Große Koalition in Berlin. "Man muss eine Vorstellung davon haben, wo das Land in zehn Jahren sein soll."

Diese gemeinsame Vorstellung hätten Union und SPD nicht. Sogar GroKo-Verteidiger Paul Ziemiak räumt ein: "Ich habe auch wenig Hoffnung, dass in der Großen Koalition noch ein Zukunftsplan für die nächsten Dekaden entwickelt wird."

Ganz neu ist dieser Befund allerdings auch nicht: Dass die Große Koalition zwar nicht "grottenschlecht" aber auch kein Zukunftsmodell ist, haben schon viele Talkshow-Gäste festgestellt. Vielleicht lassen sich für die kommenden Sendungen also auch wieder andere Themen finden – der Abwechslung wegen.

Bildergalerie starten

Kevin Kühnert wird 30: Das Leben des Politikers in Bildern

Ursprünglich arbeitete Kevin Kühnert einige Jahre in einem Callcenter, bevor er sich der SPD zuwandte. Am 1. Juli feiert der Jung-Politiker seinen 30. Geburtstag. Wir blicken zu diesem Anlass auf sein Leben.