Die starke Zunahme der Coronavirusfälle in Deutschland kann offenbar nur noch durch drastische Maßnahmen gestoppt werden. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) sprach sich bei "Anne Will" für die Absage von Bundesliga-Spielen beziehungsweise die Austragung von Geisterspielen aus - und leistete sich einen zynischen Satz.

Eine Kritik
von Thomas Fritz, Freier Autor

Die Schweiz und Frankreich haben Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Menschen bereits verboten, Teile Norditaliens sind komplett abgeriegelt, in China stehen ganze Städte unter strenger Quarantäne. Nun machen auch die deutschen Politiker ernst.

Nach der Empfehlung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kündigte sein nordrhein-westfälischer Amtskollege Karl-Josef Laumann (CDU) bei "Anne Will" an, ab sofort keine Großveranstaltungen ab 1.000 Besuchern mehr zu erlauben.

"Wir werden die Empfehlung, die der Bundesgesundheitsminister gemacht hat, in NRW umsetzen", sagte Laumann am Sonntagabend. Damit dürften die Erstliga-Partien zwischen Mönchengladbach und Köln am Mittwoch (18 Uhr), Düsseldorf gegen Paderborn am Freitag (20.30 Uhr) sowie Köln gegen Mainz und Dortmund gegen Schalke am Samstag (je 15.30 Uhr) ausfallen oder zumindest ohne Zuschauer ausgetragen werden. Ins Detail ging Laumann nicht. Auch Partien in der zweiten Liga sind betroffen.

Laumann empfahl, die Regelung auch auf Spiele in anderen Bundesländern anzuwenden. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (59) hatte wenige Stunden zuvor ebenfalls angekündigt, die Spahn-Empfehlung umsetzen zu wollen.

Yogeshwar bei "Anne Will": Ohne Maßnahmen Ende Mai eine Million Fälle

Die Berliner Allgemeinmedizinerin Sibylle Katzenstein empörte sich: "Ich finde, wir reden wirklich über die falschen Dinge." Es gehe "hier nicht mehr um Fußballspiele", sondern um den Schutz der alten Leute, der kranken Leute. Sie befürwortete 14-tägige Corona-Ferien, um die Infektionsketten zu stoppen, wie vom Berliner Virologen Alexander Kekulé vorgeschlagen. Darüber hinaus klagte Katzenstein, dass sie in ihrer Praxis in Neukölln weder über ausreichende Schutzkleidung, noch über die geforderten Atemschutzmasken verfügt. Die Corona-Tests lässt sie von den Patienten selbst zuhause durchführen.

Auch der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar empfahl drastische Schritte. Aufgrund der theoretischen Verdoppelungszeit der Fallzahlen von rund einer Woche rechnete er vor, dass sich Ende Mai in Deutschland eine Million Menschen angesteckt haben würden – für den Fall, dass sich das Virus völlig ungehindert ausbreiten könne. Daher sei es wichtig, jetzt noch mehr zu tun, um einer Überforderung des Gesundheitssystems vorzubeugen.

Coronavirus: Erhebliche Unterschiede bei der Sterblichkeit

Susanne Herold, Professorin für Infektionserkrankungen der Lunge an der Universität Gießen, klärte über die gesundheitlichen Folgen des Coronavirus auf. Es sei durchaus möglich, dass Symptome auch noch nach 14 Tagen auftreten, sagte die Medizinerin, die vor Panikmache warnte und an die 25.000 Grippetoten in Deutschland 2017/18 erinnerte: "Das hat keiner so richtig mitbekommen."

Viel deutet in ihren Augen darauf hin, dass die Mortalität von Covid-19 im Vergleich zur Influenza "etwas höher ist". Wie viel höher – das ist aktuell noch unklar. In den betroffenen Ländern oder Regionen gibt es bei der Sterblichkeitsrate teils erhebliche Unterschiede. Schließlich sprach sich Herold für pragmatische Lösungen im Gesundheitswesen aus. Man müsse nicht zwingend das gesamte medizinisches Personal einer Station in Quarantäne schicken, nur weil eine Person Kontakt mit einem Infizierten hatte.

Peinlicher Satz von NRW-Minister Laumann

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aus Berlin, sah die Coronakrise vor allem durch die Wirtschaftsbrille. Er rechnet mit einer steigenden Arbeitslosigkeit, harten Einschnitten für die Wirtschaft und appellierte daher an die Regierung neben Überbrückungskrediten und Erleichterungen beim Kurzarbeitergeld ein Konjunkturprogramm aufzulegen. Panik ist in seinen Augen Gift für die Wirtschaft, weil die Leute dann zuhause bleiben und nichts mehr kaufen.

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NRW-Minister Laumann sah es ähnlich. "Wir müssen auch aufpassen, dass das Virus Angst nicht um sich greift", sagte er. Das könne gefährlicher sein als das Virus selbst.

Bei diesen Worten war der peinliche Satz Laumanns vom Beginn der Sendung fast schon wieder vergessen. "Es ist ja so, dass an diesem Virus so plötzlich keiner stirbt", hatte der 62-Jährige völlig kopflos geantwortet, als ihn Anne Will auf Schwachstellen im deutschen Gesundheitssystem bei der Corona-Bekämpfung ansprach. Es war ein Satz, den sich ein führender Politiker in der jetzigen Situation nicht leisten sollte. Mehr als 3.800 Menschen sind bislang weltweit an der Erkrankung gestorben.