Einmal Prinzessin sein: Viele Deutsche sind fasziniert vom Adel, die Titelseiten der Klatschblätter sind voll von Geschichten aus der Welt der Prinzen und Grafen. Frank Plasberg diskutierte mit seinen Gästen über Pflichten, Privilegien und die Frage, wie wichtig die Herkunft für den sozialen Aufstieg ist.

Zwei echte Adelige saßen in der Talkshow von Frank Plasberg. Doch schnell war klar, dass weder Eduard Prinz von Anhalt, das Oberhaupt des Hauses Anhalt-Askanien, noch der CDU-Politiker Christian von Stetten für das Klischee des versnobbten, abgehobenen Blaublüters taugten.

Von Anhalt punktete mit dem Satz "Ich hab lieber zehn Zweizimmerwohnungen als ein Schloss". Der mittelstandspolitische Sprecher der Unionsfraktion, der in einer Burg in Baden-Württemberg lebt, sagte, die Verantwortung in einem großen Unternehmen sei vergleichbar mit der Verantwortung für eine Adelsfamilie. "Es muss nicht jeder studieren, ich habe viel mehr Respekt vorm Handwerksmeister."

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Laut dem Soziologen und Elitenforscher Michael Hartmann seien Abschottungstendenzen der deutschen Elite – und die muss nicht unbedingt adelig sein – ohnehin weniger stark ausgeprägt als in anderen Ländern, etwa im Bildungssektor.

"Internate sind ein Problem von Großbritannien, in Deutschland schickt die Elite ihre Kinder auf normale Gymnasien", sagte der Wissenschaftler.

Geringverdiener werden abgehängt

Gleichwohl haben Kinder aus wohlhabenden und bildungsnahen Familien weitaus bessere Chancen, später selbst zu Geld zu kommen und ein Studium abzuschließen als Kinder von bildungsfernen Geringverdienern. Katarina Barley, die Bundesfamilienministerin, will das nicht akzeptieren: Die meisten Menschen wünschen sich, "dass man mit Fleiß und Talent aufsteigen kann", sagte die SPD-Politikerin.

Das ginge aber nicht immer. Ihr eigener Großvater, ein Brite, wurde trotz bestandener schriftlicher Prüfungen nicht an der Eliteuniversität Cambridge aufgenommen. Barley vermutet, weil er ein Bauernsohn war.

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Sie setzt sich dafür ein, das Ganztagsschulsystem weiter auszubauen und frühkindliche Bildung zu fördern. "70 Prozent der Kinder von Geringverdienern bleiben Geringverdiener. Deutschland kann mehr!", erklärte Barley. "Es gibt politische Kräfte, die meinen man müsse alles dem Markt überlassen. Das darf man nicht."
Elitenforscher Hartmann ergänzte, die soziale Durchlässigkeit sei seit der Jahrtausendwende "wieder schlechter" geworden. Geringverdiener stünden am schlechtesten da. "Das Problem ist, dass die, die den Bildungsaufstieg nicht schaffen, abgehängt werden."
Auch Prinz von Anhalt, dessen Töchter das Elite-Internat Schloss Salem am Bodensee besuchten, bedauerte, dass die in dieser Hinsicht "nicht funktionierende Demokratie" Klassen hervorgebracht habe, die "keine Möglichkeit" zum Aufstieg hätten. Zugleich freute er sich über das Netzwerk aus Schulzeiten, dass seinen Töchtern später manches leichter gemacht habe.

Adel: Privilegien und Verantwortung

Einerseits öffnet ein Adelstitel so manche Tür. Aber wie sieht es mit den Schattenseiten aus? Was überwiegt – Privilegien oder Verpflichtungen?
Sowohl von Anhalt, als auch von Stetten gaben zu Protokoll, dass sie sich ihre Ehefrauen selbst aussuchen konnten.

Hochzeiten mit Bürgerlichen seien auch im Adel mittlerweile akzeptiert. Doch gerade im Hochadel wachsen die Verpflichtungen deutlich an. Erinnert wurde an Prinz William und Prinz Harry, die als Jugendliche vor Millionen TV-Zuschauern hinter dem Sarg ihrer verstorbenen Mutter Diana herlaufen mussten.

Von Anhalt zeigte Verständnis, dass die Kinder darunter gelitten haben. "Aber das ist nun mal so in einer Königsfamilie". Auch die Erziehung von Prinz Charles, dem Vater der beiden kam zur Sprache. "Der Hof ist ein Moloch. Ich wünsche es keinem, so hart erzogen zu werden wie Charles", sagte der Prinz kritisch.
Zugleich hat es gerade der Hochadel auch in der Hand durch die eigene Bekanntheit, etwas zu bewegen. Selbst SPD-Ministerin Barley zollte Prinzessin Diana, die sich in der Aidsaufklärung und gegen Landminen engagierte, Respekt. "Diana war sehr mutig, sie hat einiges bewegt."

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Ihre Söhne führen das Engagement ihrer Mutter zum Teil fort – trotz oder wegen den Erwartungen der Öffentlichkeit. "Von den Royals wird viel erwartet, sie sollen viel bewegen und müssen ein Leben in der Öffentlichkeit führen", erklärte die ARD-Adelsexpertin Mareile Höppner.
Von Stetten sagte, er hätte wegen der Verantwortung für Schloss und Familie nicht einfach ein Jobangebot aus Australien annehmen können. " Adelig sein ist nicht nur toll, sondern auch mit vielen Entbehrungen verbunden", bestätigte von Anhalt.

"Einen neuen König brauchen wir nicht"

Blieb die Frage, ob die Deutschen auch deshalb so fasziniert vom Adel sind, weil sie sich selbst wieder einen König oder eine Königin wünschen. 1918 musste die Hohenzollerdynastie hierzulande abdanken. SPD-Frau Barley winkte ab. Ein Einspieler legte nahe, dass sich viele Menschen, eine Wiederbelebung nicht vorstellen können.

Ob er damit später einmal in die Fußstapfen seines Vaters treten wird?


"Fehlt es am entsprechenden Personal für eine Fortsetzung der Adelsgeschichte?", wollte Plasberg mit einem Augenzwinkern von Prinz von Anhalt wissen. Der verwies auf das fehlende Geschichtsbewusstsein vieler Deutscher, das erst im 20 Jahrhundert und den Weltkriegen beginne. Doch selbst der Prinz musste letztlich eingestehen: "Einen neuen König, den brauchen wir nicht."