Über Persönliches hört man Polit-Veteran Wolfgang Schäuble selten reden - und schon gar nicht so, wie am Mittwochabend bei "maischberger. die woche". Ein ARD-Star drängt auf "Veränderung" im Kampf gegen den Klimawandel.

Eine Kritik
von Christian Bartlau, Freier Autor

Brandherde allerorten - in der internationalen Politik, in der Großen Koalition und in Australien. Sandra Maischberger begutachtet sie alle im gewohnt hektischen Eil-Format "maischberger. die woche".

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Für Polit-Veteran Wolfgang Schäuble nimmt sich die Gastgeberin aber Zeit - und erlebt einen verblüffend offenen Bundestagspräsidenten, der sich zu einer Bemerkung über sein Leben im Rollstuhl hinreißen lässt, die seine Mutter im Grab rotieren ließe.

Das sind die Gäste bei "maischberger. die woche"

  • Die "Tagesthemen"-Moderatorin Pinar Atalay darf die Runde mit einer positiven Nachricht beginnen und entscheidet sich für den "Megxit": "Das kann ein Vorbild für junge Leute sein. Man muss sich nicht immer in seine Rolle fügen." Ein Problem hat Atalay mit der Bezeichnung "Megxit", die mal wieder die Frau auf die Rolle der Querulantin festlegt. "Es hätte auch Harryxit heißen können." Guter Vorschlag, für den schon ein noch passenderer Hashtag existiert: #Harryvederci.
  • Der Journalist Gabor Steingart interpretiert den Abgang von Harry und Meghan sogar als "Triumph der bürgerlichen Gesellschaft": Wo früher alle Kinder im Karneval Prinzessin und Prinz sein wollten, wollten nun die Prinzen Bürger werden. Einmal in Fahrt, prophezeite Steingart en passant das Ende von Joe Kaeser als Siemens-Chef, empfahl der "Regierung der eingeschlafenen Füße" in Berlin Neuwahlen und kanzelte Thüringen ab ("Sollte man nicht überbewerten, die großen Menschheitsfragen werden dort nicht entschieden"). Männlicher Alpha-Journalismus aus dem Lehrbuch.
  • Ferdos Forudastan, Innenpolitik-Chefin der "Süddeutschen Zeitung", hat - als Tochter eines Iraners - ihre Kindheit im Iran verbracht. Sie schaue "sehr verzweifelt" auf die angespannte Lage in der Region, zumal Donald Trump weiter Öl ins Feuer gießt, indem er den getöteten General Qasem Soleimani als "Son of a bitch" beschimpft. Ihre Oma, bemerkt sie, "die jetzt 120 Jahre alt wäre", habe "in ihrem kleinen Finger mehr Klugheit und Kultur als dieser Präsident". Dessen Vokabular ermuntere im Heimatland ihres Vaters die Falschen. "Da reiben sich die Hardliner im Iran die Hände", sagt Forudastan, "weil sich selbst ihre Kritiker davon beleidigt fühlen."

Das ist der Moment des Abends

Nach 20 Minuten Speed-Dating mit ihren drei Kommentatoren und gefühlt Dutzenden Themen lässt Maischberger das Publikum erstmals durchatmen: Im Einzelinterview mit Wolfgang Schäuble würde sie gern über die Zukunft der Groko reden - nur will ihr Gegenüber das so gar nicht.

Die Fragen zu seinen eigenen Kanzlerambitionen, zur Kanzlerfrage in der Union, zu Söders Plänen zur Kabinettsumbildung: Schäuble torpediert sie alle. Er hat Maischberger vorgewarnt, dass er nur in seiner neutralen Rolle als Bundestagspräsident sprechen will.

Eisern hält er sich an seine Drohung, bis Maischberger ihn knackt, mit einem Spiel. Schäuble soll Sätze vervollständigen: "Dass Günther Krause, mit dem ich den Einigungsvertrag unterzeichnet habe, im Dschungelcamp war ... hat mir weh getan."

Das Publikum lacht. Schäuble nicht. Und bekennt, dass es ihm auch weh tut, wenn er hört, dass Kommunalpolitiker Waffenscheine beantragen.

Seit fast 30 Jahren sitzt Schäuble nun im Rollstuhl, seit dem Attentat eines psychisch Kranken im Wahlkampf 1990. Dass er über das Leben im Rollstuhl gesagt habe, es sei "richtig Scheiße", will er erst nicht hören. "Das darf man nicht sagen, meine Mutter würde sich im Grab umdrehen." - "Aber wahrscheinlich stimmt es einfach?!" - "Ja, es stimmt, ja." Das Publikum lacht. Schäuble auch.

Das ist das Rede-Duell des Abends

Es sieht aus wie ein Solo, das Ranga Yogeshwar zum Abschluss der Sendung hinlegt. Der ARD-Wissenschaftsjournalist wird von Maischberger zu den Bränden in Australien befragt. Auch, wenn seine "Gegner" nicht mit im Studio sitzen, sind sie doch anwesend: All jene nämlich, die glauben, dass die Feuersbrunst nichts mit dem Klimawandel zu tun habe.

Maischberger bezieht sie immer wieder mit ein, quasi stellvertretend adressiert sie die Zweifel: Brennt es nicht regelmäßig in Australien, sind Flora und Fauna das nicht gewöhnt, brauchen sie es nicht sogar?

All das stimmt, sagt Yogeshwar. Und doch sei ein Trend nicht zu übersehen: "Die Häufung der Brände nimmt zu, und das hat mit dem Klimawandel zu tun."

Und wer ihm nicht glaubt, glaubt vielleicht dem Versicherungskonzern Münchner Rück, der für Australien mit immer extremeren Dürreperioden, Buschbränden und Überflutungen rechnet.

Von wegen "Klimahysterie" - das Unwort des Jahres, das nur Gabor Steingart nicht gefällt: "Das einzige Unwort ist 'Unwort' – jemand will ja etwas ausdrücken, mit dieser Botschaft müssen wir uns beschäftigen."

So hat sich Sandra Maischberger geschlagen

In Steingartscher Alpha-Journalisten-Manier hier eine Vorhersage: Yogeshwar war zum letzten Mal Gast bei "Maischberger".

Der ARD-Mann hat es doch tatsächlich gewagt, der Gastgeberin ihr patentiertes Sendungsabschluss-Ritual abzuschneiden. "Ist das nicht ein tolles Schlusswort?", wollte Maischberger gerade fragen, als Yogeshwar sie noch einmal unterbrach. Eine Majestätsbeleidigung, mindestens.

Ansonsten hatte Maischberger die Runde gut im Griff. Auch das manchmal arg hektische Themen-Hopping zu Anfang der Sendung lenkte sie in geordnete Bahnen - eine konzentrierte Leistung.

Das ist das Ergebnis

"Es geht nicht mehr um Klein-Klein", sagte Yogeshwar am Ende seiner Ausführungen zur Feuer-Katastrophe in Australien.

Statt für Verbote plädiert er im Kampf gegen den Klimawandel für Verändern. "Verbieten heißt ja: Mach' nur das eine nicht, aber sonst so weiter. Verändern heißt, in eine neue Richtung gehen."

Konkreter wurde er nicht, das hatte er mit Schäuble gemeinsam, der immerhin eingestanden hatte, dass die Politik im Klimaschutz "zu lange zu wenig getan" hat.

Aber was tun? Leider hat Maischberger diese Frage nicht Steingart gestellt. Der hätte bestimmt auch darauf eine Antwort gehabt.