Sandra Maischberger wollte mit ihren Gästen eigentlich darüber sprechen, ob sich der Populismus in Europa auf dem Rückzug befindet. Doch die Sendung wurde größtenteils zu einer kontroversen Debatte über die Politik von US-Präsident Donald Trump. Ein Schweizer Gast teilte besonders aus - gegen die Medien.

Eine Kritik
von Thomas Fritz, Freier Autor

Es dauerte fast eine Stunde bis Sandra Maischberger die Debatte in ihrer gestrigen Talkshow auf das angekündigte Thema lenkte.

Bis dahin diskutierte die Runde um die ARD-Journalisten Thomas Roth und Anja Kohl, den Linken-Politiker Gregor Gysi, den früheren US-Botschafter John Kornblum und den "Spiegel"-Journalisten Markus Feldenkirchen leidenschaftlich über die ersten 100 Tage von Donald Trump. Er musste als Blaupause für typisch populistische Politik herhalten musste.

Donald Trump nennt seine Präsidentschaft nach den ersten 100 Tagen schon jetzt "historisch". Kritiker sagen, es seien die schlechtesten 100 Tage eines US-Präsidenten überhaupt. Wie schneidet der 70-Jährige im Hinblick auf seine Wahlversprechen ab? Die wichtigsten Politikfelder in der Übersicht.

Ex-Botschafter kritisiert "Weltuntergangsstimmung"

Der Schweizer Publizist und Politiker Roger Köppel bemängelte, Populismus sei "eine Leerformel, mit der man alle politische Richtungen betitelt, die einem nicht gefallen." Feldenkirchen griff er wegen der "Spiegel"-Titelblätter, die Trump mit dem abgetrennten Kopf der Freiheitsstatue und als auf die Erde stürzenden Asteroiden zeigen, scharf an.

"Euch sind die Sicherungen durchgebrannt", empörte sich der Schweizer. "Trump ist eine unkonventionelle, vielleicht auch populistische Figur, aber nicht der Weltenverschlinger, für den ihr ihn haltet."

Zudem verteidigte Köppel den Plan des US-Präsidenten, die Landesgrenzen sicherer machen zu wollen. Dies sei "bürgerliche Politik, vielleicht keine linke", sagte er zu Feldenkirchen. „Deswegen gefällt es Ihnen nicht."

Auch John Kornblum, der sich einen anderen Wahlsieger gewünscht hätte, jedoch für einen fairen Umgang mit Trump warb, stellte speziell in Deutschland eine "Weltuntergangsstimmung" fest. Dies sei nach der Wahl amerikanischer Präsidenten aber schon häufiger vorgekommen, sagte der frühere Diplomat.

Genau in diese "Weltuntergangskerbe" schlugen die anderen Debattenteilnehmer. Wahlweise bezeichneten sie Trump als "inkompetent" und "Desaster" (Roth), "unberechenbar" (Gysi) und "unvorbereitet" (Feldenkirchen).

Gysi wollte gar "Minderwertigkeitskomplexe" erkannt haben, Roth stellte fest: "Mit einer verstörenden Grandiosität lügt er die Leute an."

Thomas Roth: „Ich hoffe, er wird gebremst“

Wie viele seiner Versprechen hat Trump, der sich selbst eine ambitionierte 100-Tage-Agenda gegeben hatte, bisher tatsächlich erfüllt? Die allgemeine Erkenntnis: fast keine.

Dies brachte wiederum Köppel auf die Palme. Nach einem Einspieler zu Trumps Bilanz, in dem dessen vermutlich einziger klarer Erfolg – die Berufung des Verfassungsrichters Neil Gorsuch – nicht genannt wurde, richtete er seine Medienschelte direkt gegen Moderatorin Maischberger. Diese ließ den Schweizer leicht gereizt auflaufen.

Doch der blieb dabei: Die Journalisten würden eine Agenda gegen Trump verfolgen und dessen Erfolge - wie eben Gorsuch oder die gestiegene Zuversicht in der US-Wirtschaft - einfach ausblenden.

Aber gerade auf diesem Feld konnte die ARD-Börsenexpertin Anja Kohl bislang kaum eine Maßnahme sehen: Von Trumps milliardenschwerem Konjunkturprogramm sei noch nichts zu sehen. "Jetzt muss man schauen, was er tut", sagte Kohl.

Für Gysi hat der US-Präsident auf einem anderen Gebiet dagegen schon viel zu viel getan: auf dem militärischen. Der Bundestagsabgeordnete kritisierte den Abwurf der Mega-Bombe auf Afghanistan sowie die Bombardierung einer syrischen Militärbasis.

Roth zeigte sich beunruhigt, weil Trump auf einem Atomwaffenarsenal sitzt. "Ich hoffe, er wird gebremst, wenn er in Nordkorea auch nur daran denkt, sie einzusetzen." Auch "Spiegel"-Mann Feldenkirchen fand US-Angriff auf das Assad-Regime, für den Trump von vielen Medien und Politikern weltweit gelobt wurde, nicht gerade erbaulich.

Der Grund: Ein Mann, der sich nach Anerkennung sehne, besitze durch das Militär "ein Instrumentarium, durch das er Anerkennung bekommen" könne.

Wie steht es um den Populismus in Europa?

Nach weiteren Köppel-Feldenkirchen-Wortgefechten entschloss sich Maischberger dann doch noch dazu, zum eigentlichen Thema des Talks vorzustoßen.

Sind die Populisten nun entzaubert oder nicht? Hat Trump den europäischen Rechtspopulisten durch sein unberechenbares Auftreten genutzt oder geschadet?

Kohl wies auf die Fakten hin: Alle Wahlergebnisse seit dem Brexit seien pro-EU gewesen. Laut Roth, der aus seiner Abneigung gegen Le Pen keinen Hehl machte, würden wir Europa nach einem Sieg der EU-Hasserin bei der Präsidentschaftswahl "nicht wiedererkennen". Eine positive Sache hat der Populismus für Roth dann aber doch: Die Politisierung der Gesellschaft.

Gysi meinte, zuerst habe Trump Le Pen vielleicht gestärkt. "Mittlerweile kann es ins Gegenteil umgeschlagen sein."

Nur Köppel hat eine andere Leseweise: Für ihn ist ein Trump-Effekt, dass die Regierungen in Europa "nach rechts gerückt" seien. Als Beispiele nannte er Merkels Wende in der Flüchtlingspolitik oder den niederländischen Regierungschef Mark Rutte, der den Populisten Gerd Wilders im Wahlkampf rechts überholen wollte.

Insofern ließe sich feststellen, dass die populistischen Kräfte derzeit vielleicht wieder ein wenig in die Defensive geraten sind. Dies liege aber auch daran, dass sich andere Parteien deren Positionen zu Eigen gemacht haben.

Oder anders: Eine Prise Populismus – mal größer, mal kleiner – gehört zum Politikbetrieb einfach dazu.