Dämpfer für den "Front National" um Parteichefin Marien Le Pen: Beim zweiten Durchgang der Regionalwahlen in Frankreich am Sonntag verlor die rechtsextreme Partei in allen Regionen. Für einige Medienvertreter ist Le Pen dennoch die heimliche Siegerin der Wahl. Das sagt die Presse.

Pressestimmen aus Deutschland:

Spiegel Online: "Noch mal gut gegangen, könnte man sagen. Ein kleines bisschen weiter gedacht ist gar nichts gut: Marine Le Pen bleibt die Siegerin dieser Regionalwahlen, dem letzten nationalen Stimmungstest vor der Präsidentschaftswahl im Frühjahr 2017. Sie wird nun ihren weiter währenden Trumpf ausspielen und sich noch stärker als Opfer einer klüngelnden Polit-Elite, eines untereinander schwer verbandelten Establishments präsentieren können. Denn geschlagen wurden Marine Le Pen und ihr Front National vor allem vom Wahlsystem selbst. Das erlaubt, Listen zu fusionieren. In Nordfrankreich - wie auch im Süden, wo Le Pens Nichte antrat - führte das zu dem fragwürdigen Phänomen, dass die Sozialisten ihre eigenen Kandidaten zurückzogen und plötzlich inbrünstig dazu aufriefen, die gegnerischen Republikaner zu wählen. Selbst wenn es sich dabei um rechtslastige Schaumschläger wie Christian Estrosi handelte, den Bürgermeister von Nizza. Der wird deshalb nun Präsident der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur."

Bild Online: "Ohne dass die Wirtschaft anspringt und die Arbeitslosigkeit sinkt, hat der FN weiter gute Karten, die Sorge über eine angeblich Überfremdung noch gar nicht eingeschlossen. Für den FN gilt am Ende dieses Wahlabends: Als Tiger abgesprungen, als Bettvorleger gelandet. Doch weg vom Fenster sind die Rechtsextremen damit keinesfalls. Denn wirklich abgerechnet wird erst im Frühjahr 2017."

Welt Online: "Seit der Übernahme des Parteivorsitzes 2011 hat Marine Le Pen mit ihrer machtorientierten Strategie der "Dédiabolisation" (Entteufelung) und durch die Trennung von ihrem völkisch-anarchischen Vater – der lieber einen rassistischen Witz raushaut, als auf die Umfragen zu schielen – den FN zunehmend salonfähig gemacht. Der rassistische und antirepublikanische Wesenskern der Partei ist heute besser getarnt als je zuvor. Das wäre jedoch nie so gut gelungen, wenn ihr die etablierten Parteien es nicht so unverschämt leicht gemacht hätten. [...] Hätte Frankreich das Geld, das es in Feldzügen in Libyen und Mali verbrannt hat und nun gerade in Syrien verbombt, in den letzten 13 Jahren in seine Vorstädte und Schulen gesteckt, hätte es eine halbwegs intelligente Wirtschaftspolitik betrieben, dann hätte es möglicherweise heute nicht nur weniger Arbeitslose und ein kleineres Front-National-Problem. Sondern auch ein kleineres Terror-Problem. Und Marine Le Pen hätte geringere Chancen, 2017 Präsidentin zu werden, um Europa dann den Rest zu geben."

Neue Osnabrücker Zeitung: "Trotz des Rückschlags kann sich Le Pen weiterhin als heimliche Wahlsiegerin sehen. Unterm Strich haben sie und ihre Partei an Zuspruch gewonnen. Die Populistin wird diesen Rückenwind zu nutzen wissen. Verlieren sich Sozialisten und Konservative schon morgen wieder im täglichen Klein-Klein, werden die Rechten auf Erfolgskurs bleiben."

Landeszeitung (Lüneburg): "Der Griff des Front National nach der Macht ist abgewehrt - vorerst. Ist Frankreich nach der zweiten Runde der Regionalwahlen nun wieder das strahlende Mutterland der Menschenrechte? Mitnichten. Der Aufstieg des Front National wirkt noch bedrohlicher durch zwei Entwicklungen bei den etablierten Konservativen: Anders als die Sozialisten verweigerte Ex-Premier Sarkozy Wahlbündnisse gegen FN-Kandidaten. Zudem trägt Sarkozy Mitverantwortung daran, dass sich der Front zur stärksten Partei hochlärmen konnte, die fast 30 Prozent der Wähler hinter sich schart. Denn die Übernahme der FN-Thesen von drohender Überfremdung durch die Konservativen macht die Rechtsradikalen erst salonfähig."

Pressestimmen aus Frankreich:

Le Figaro: "Die (rechtsextreme) Front National hat überall verloren, ob mit oder ohne eine republikanische Front, die sich ihr entgegenstellte. Es ist immer die gleiche Geschichte: Die Wähler nutzen die Partei von Marine Le Pen, um ihrem Zorn Luft zu machen, doch die Franzosen sehen in ihr keine glaubwürdige Alternative zu den traditionellen Parteien. Für Marine Le Pen ist das eine schlechte Nachricht, die in ihrer Partei Zweifel aufkommen lassen könnte. Doch Linke und Rechte sollten sich davor hüten, zur Tagesordnung überzugehen. Die FN ist nicht verschwunden, keineswegs. Ihre Gegner sollten sich des Vertrauens würdig erweisen, das ihnen gegenüber erneuert wurde."

Weitere internationale Pressestimmen:

Adevarul (Rumänien): "Was aber heute geschehen ist, hat eine noch nie dagewesene Situation geschaffen: Sowohl die linken als auch die rechten Parteien haben sich angesichts der beide Seiten betreffenden Bedrohung zu einer eigenen Front gegen die Front National vereinigt, die mit ihren 6,5 Millionen Wählern stark wie nie zuvor geworden war. Das bedeutet praktisch, dass die Front National durch ihre Vertreter in allen Regionen als einzige Oppositionspartei betrachtet werden kann. Wenn sich das so entwickelt, könnte dies eine Sympathiewelle für die Front National auslösen, die bei der Präsidentenwahl 2017 ernste Probleme (für die Gegner des FN) bringt."

Corriere della Sera (Italien): "Viel Lärm um nichts. Das könnten die Ergebnisse der Regionalwahlen in Frankreich vermuten lassen. Der Front National steht nach seinem Triumph in der ersten Runde mit leeren Händen da. Die Sozialisten, im Angesicht einer Niederlage, bleiben in einigen Regionen an der Regierung, aber verlieren die historische Arbeiter-Hochburg Nord-Pas de Calais und die Region Paris. Die Republikaner fahren dank der Spenden der Linken, die ihre Kandidaten zurückgezogen haben, um den Weg für Marine Le Pen zu verbauen, einen unerwarteten Erfolg ein. Aber das erlebte politische Drama der Franzosen sagt, dass es kein gutes Ende ist. Die Krankheit des französischen Systems und der Gesellschaft bleibt tiefgreifend und läuft Gefahr, sich mit Blick auf die Präsidentenwahl 2017 noch zu verschlimmern."

(zusammengestellt von tfr, mit Material der dpa)