US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un feiern das Gipfeltreffen in Singapur als großen Erfolg. Ist es das - oder war es vielmehr eine PR-Show ohne bleibenden Wert? In der internationalen Presse wird das historische Ereignis sehr unterschiedlich bewertet. Ein Überblick.

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Auf dem Gipfeltreffen in Singapur unterzeichneten Donald Trump und Kim Jong Un am Dienstag eine grundsätzliche Vereinbarung mit dem Ziel, den Streit um das nordkoreanische Atomprogramm endlich beizulegen.

Die Reaktionen fielen weltweit überwiegend positiv aus - doch es schwingt auch Skepsis mit.

"Süddeutsche Zeitung" (Deutschland): Kim hat sich seine Träume erfüllt

"Nordkorea hat mit seinem Atomprogramm mehr erreicht, als man sich in Pjöngjang je erträumen konnte. Die Raketen, von denen die meisten Experten überzeugt sind, dass sie noch längst nicht gefechtstauglich waren - und vielleicht nie sein würden -, haben den jungen Machthaber Kim Jong Un auf Augenhöhe mit dem US-Präsidenten katapultiert."

"Spiegel Online" (Deutschland): Plötzlich beste Freunde

"Das Regime, das seit so vielen Jahrzehnten die eigene Bevölkerung ausbeutet, einsperrt und hungern lässt, wirkt plötzlich wie eine ganz normale, legitime Regierung. [...]

Unterm Strich haben Trump und Kim also tatsächlich einen Friedensprozess gestartet. Es gibt eine Entspannung, die Gefahr eines Krieges, die vor wenigen Monaten noch bedrohlich real zu sein schien, ist zumindest fürs Erste gebannt. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger."

"New York Times" (USA): Reality-TV oder eine neue Ära?

"Das Händeschütteln und das Lächeln gaben den Ton für das Treffen des Tages an und der Präsident war erwartungsgemäß optimistisch beim Abschluss der Gespräche. Aber es muss noch viel passieren. Symbole sind wichtig, aber die Substanz ist alles."

KCNA (Nordkorea): Historisches erstes Gipfeltreffen zwischen Nordkorea und USA abgehalten

"Die Gipfelgespräche, die in Singapur mit großer Begeisterung und Unterstützung von der ganzen Welt geführt wurden, sind ein wichtiges Ereignis, das den historischen Trend zu Versöhnung und Frieden, Stabilität und Wohlstand in der Region und eine radikale Umstellung in der sehr feindlichen Beziehungen zwischen Nordkorea und den USA weiter vorantreibt."

"Straits Times" (Singapur): Trump und Kim haben sich als Staatsmänner gezeigt

"Ähnlich wie der Deal mit dem Iran, den Trump ablehnt, wird auch dieser Deal noch in schweres Wetter geraten. In Südkorea, in Japan, in China und in Russland - überall gibt es viele Leute, die den Entwicklungen mit mehr als einem Hauch von Nervosität zuschauen.

Aber es ist der Verdienst dieser beiden oft als Solokünstler beschriebenen Männer, dass sie Staatsmänner genug waren, um zu versuchen, eine irritierende Beziehung zu beenden und Frieden in eine Ecke Asiens zu bringen, die manches vom wildesten und grausamsten Benehmen gesehen hat, zu dem Menschen untereinander imstande sind."

"China Daily" (China): Was kommt nach dem Singapur-Gipfel?

"Jetzt müssen die in Singapur angekündigten Verpflichtungen erfüllt werden, damit die Dynamik, die sich seit Jahresbeginn aufgebaut hat, nachhaltig und unumkehrbar werden kann. [...]

Obwohl niemand erwarten sollte, dass der Gipfel alle Differenzen ausbügeln und das tief sitzende Misstrauen zwischen den beiden langjährigen Feinden ausradieren konnte, lässt er die Hoffnung aufkommen, dass sie ihre Feindseligkeiten endlich beenden und der Konflikt mit der Halbinsel gelöst werden kann. Diese Hoffnungen sollten nicht zerstört werden."

"Global Times" (China): Das Ende der Kriegsspiele ist ein großer Schritt für Nordkorea

"Mit einer Abkühlung der militärischen Aktivitäten, einer geringeren Beteiligung der US-Streitkräfte und einem eventuellen Rückzug der US-Truppen wird die Halbinsel vollständig aus dem Schatten des Kalten Krieges heraustreten.

Wenn sich der politische Prozess auf der Halbinsel in diese Richtung bewegt, wird die gesamte Region davon profitieren. […] Trump und Kim haben die Möglichkeit, Geschichte zu schreiben. Wenn Trump die vollständige Denuklearisierung der Halbinsel erreichen und Kim Nordkorea Wohlstand bringen kann, ist es eine große Leistung für beide."

"Times" (Großbritannien): Der Ball liegt bei Kim Jong Un

"Der Ball liegt jetzt bei Kim Jong Un. Eine seiner Optionen bei der Rückkehr nach Pjöngjang besteht darin, einfach das Versprechen von Präsident Donald Trump für sich zu verbuchen, dass die amerikanischen Manöver auf dem koreanischen Schauplatz aufhören werden.

Die andere besteht darin, sich im Gegenzug zu amerikanischen Sicherheitsgarantien und einem potenziellen Aufschwung ausländischer Investitionen, die die letzte stalinistische Diktatur der Welt verändern könnten, auf einen Prozess der Denuklearisierung einzulassen.

Die Präzedenzfälle verheißen allerdings nichts Gutes. Die letzten beiden bedeutenden Anstrengungen des Westens zur Überwindung der langanhaltenden militärischen Konfrontation auf der Koreanischen Halbinsel - 1994 und 2005 - beruhten auf weit detaillierteren Vereinbarungen als das Dokument, das Trump und Kim nun unterzeichnet haben. Doch beide vorherigen Versuche, Nordkoreas Marsch zu nuklearer Stärke aufzuhalten, haben völlig versagt."

"Libération" (Frankreich): Nordkorea-Gipfel größtenteils Augenwischerei

"Wer geht als Sieger aus diesem Treffen in Singapur hervor? Wahrscheinlich Kim, wenn man die Sache unter rationalen Gesichtspunkten betrachtet. Er hat eine internationale Anerkennung und Sicherheit für das Weiterbestehen bekommen und musste dafür im Gegenzug praktisch keine Zugeständnisse machen.

Das unterschriebene Dokument enthält eher hohle, wenn auch gut gemeinte Phrasen, ohne neuen Fortschritt im Vergleich zu den bereits von Nordkorea akzeptierten - und gebrochenen - Vereinbarungen. Man sollte besser miteinander sprechen, statt sich zu beschimpfen, dann herrscht Frieden. Wir erinnern uns an die Monate der Hysterie an dieser diplomatischen Front. Ansonsten handelt es sich größtenteils um Augenwischerei."

"El País" (Spanien): Trump versteht sich offenbar besser mit Diktatoren

"Dieser diplomatische Erfolg des US-Präsidenten und dass er sich mit dem Diktator offenbar sehr wohlfühlte, steht im Kontrast zu den Kontroversen, die Trump am Wochenende beim G7-Gipfel mit den Führern der sechs anderen führenden Industriemächten - die darüber hinaus alle Demokratien sind - verursachte.

Beim Treffen mit Kim Jong Un hat er Brücken gebaut, in Kanada hat er einen tiefen Graben gezogen. Und den kanadischen Premierminister (Justin Trudeau) auch noch der Lügen bezichtigt. Trump erweckt den Eindruck, dass er sich beim Dialog von Angesicht zu Angesicht besser mit autoritären Regimes versteht als mit Vertretern von Demokratien. Diese sind aber die echten Partner der USA."

"La Repubblica" (Italien): Kim Jong Un als Sieger

"Es ist die erste Runde im neuen Match zwischen den USA und Nordkorea, das sich von Beleidigungen und Kriegsdrohungen hin zum Verhandlungstisch in Singapur bewegt hat. Kim Jong Un hat nach Punkten gewonnen. [...] Er hat das erreicht, was sein Großvater und sein Vater seit mehr als einem halben Jahrhundert wollten: Einen Gipfel auf Augenhöhe mit dem US-Präsidenten.

Es ist ein Erfolg der Bilder, aber auch in der Substanz. Es ist die Legitimierung Nordkoreas als Akteur der internationalen Geopolitik. Der Paria-Status ist vorbei."

"Der Standard" (Österreich): PR-Show statt Politik

"Das Problem an der bombigen Party in Singapur war nicht, dass es nicht klug wäre, mit Kim zu sprechen. Das Problem daran war vielmehr, dass es zumindest einem der beiden Beteiligten um Selbstvermarktung und nicht um Sicherheitspolitik ging – bloß keine Details, Trump first!

Wirklich profitiert von dieser durchsichtigen Show hat allerdings nur der grausame Diktator aus Nordkorea, der nun auch noch eine Einladung ins Weiße Haus hat. Trump dagegen hat in Singapur einmal mehr unter Beweis gestellt, dass er besser Hotelbauprojekte verhandeln sollte als den Weltfrieden."

"Neue Züricher Zeitung" (Schweiz): Gipfel könnte zu einem Bumerang werden

"Das Risiko, dass in Singapur eine neue Runde der Achterbahnfahrt mit dem Kim-Regime begonnen hat, ist hoch. [...] Sollte sich herausstellen, dass Nordkorea einmal mehr Wirtschaftshilfe ohne echte Gegenleistungen herausholt, könnte der Gipfel von Singapur zu einem Bumerang werden, der Trump mitten ins Gesicht flöge. Kim dagegen hätte bloss die Tradition seiner Vorväter fortgesetzt - und die USA einmal mehr erfolgreich über den Tisch gezogen."

"de Volkskrant" (Niederlande): Trump hat Trümpfe aus der Hand gegeben

"Die Erklärung enthält kein Zieldatum, keinen Zeitplan und nicht einmal einen Hinweis auf einen Mechanismus zur Überwachung der Abrüstung des nordkoreanischen Atomwaffenarsenals, das Präsident Donald Trump als "substanziell" bezeichnete. Insofern ist das Ergebnis des Gipfeltreffens magerer als Übereinkommen, die Vorgänger von Trump mit früheren Diktatoren aus der Kim-Dynastie erreichten. [...]

Es ist zwar nicht ausgeschlossen, dass Kim Jong Un aus Furcht vor Trumps 'Feuer und Zorn' tatsächlich beschlossen hat, einen anderen Weg einzuschlagen als sein Vater. Doch vorläufig sieht es danach aus, dass der Meister von 'The Art of the Deal' einseitig Trümpfe aus der Hand gegeben hat."

(jwo mit Material von dpa)

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Donald Trump und Kim Jong Un - so kam es zum historischen Gipfel zwischen den USA und Nordkorea

Das Treffen zwischen Kim Jong Un und Donald Trump ist historisch. Es ist das erste Mal, dass ein amtierender US-Präsident einen Machthaber Nordkoreas trifft. Formell herrscht noch der Kriegszustand zwischen den koreanischen Bruderstaaten und die atomare Aufrüstung Nordkoreas sorgt für große Spannungen. Ein Rückblick auf die Chronologie des Korea-Konflikts bis zur Entspannungspolitik, die diesen Gipfel möglich macht.