Die Internetseiten zeigen islamistische Forderungen, das Fernsehbild bleibt schwarz: Mutmaßliche IS-Anhänger haben am vergangenen Donnerstag den Sender TV5 Monde angegriffen. Stundenlang war die Ausstrahlung der Fernsehprogramme blockiert. Die Presse zeigt sich besorgt über den Vorfall und warnt vor den Folgen des Cyber-Dschihad.

Die Welt: "Es war kein besonders ausgeklügelter Hackerangriff, der in der Nacht zum Donnerstag den französischen Fernsehsender TV5 Monde lahmlegte. Doch die IS-Terrorstrategen könnten schon morgen die Flugüberwachung oder Atomkraftwerke angreifen. Vor allem Europa ist in zweierlei Hinsicht besonders verletzlich für den Netzterror. Einerseits entspricht unser Bild von den Gotteskriegern nicht der Wirklichkeit, sie besitzen nämlich modernstes IT-Wissen und bewegen sich nur moralisch in der Steinzeit. Zum Zweiten herrscht hierzulande eine erschreckende Sorglosigkeit, was den Schutz digitaler Infrastruktur angeht. Die Hälfte aller Betriebe ignoriert Gefahren durch Netz-Angriffe. Daher muss der Gesetzgeber ran. Doch bislang scheitert das geplante IT-Sicherheitsgesetz an Manövern der Wirtschaftslobby."

Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Über die Cyberattacke gegen TV5 Monde kann nur überrascht sein, wer die Terrormiliz, (...), bisher deshalb unterschätzt hat, weil sie eine Ordnung aus dem siebten Jahrhundert wiederherzustellen vorgibt, (...). Dabei ist für viele Jugendliche gerade diese Mischung aus Archaischem und Modernem attraktiv. (...) Nicht nur die Regierungen haben die Gefahr des neuen Cyber-Dschihads erkannt; sie finden im Hackerkollektiv Anonymous unerwartet einen Partner, um gegen die (...) Cyberkrieger des IS vorzugehen. Beide verteidigen dabei unsere Freiheit. Denn Anonymous greift Webseiten und Soziale Medien des IS an, um die Terroristen an der Verbreitung ihrer menschenverachtenden Ideologie zu hindern. (...) Indem der IS den Fernsehsender ausgesucht hat, zeigt er, wovor er sich fürchtet: Vor der Anziehungskraft der freien Welt."

Ludwigsburger Kreiszeitung: "Dass Cyberterroristen kritische Infrastrukturen, Gasnetze, die Energieversorgung einer Großstadt oder die Flugsicherung angreifen könnten, ist längst kein abwegiges Szenario aus einem Science-Fiction-Film. In Deutschland haben Unbekannte vor einiger Zeit den Hochofen eines Stahlwerks lahmgelegt. Man möchte sich gar nicht ausmalen, was alles möglich ist. Die Atombombe der Zukunft braucht kein Plutonium, sie besteht aus Zahlenkolonnen. Das Terrorkalifat ist skrupellos genug, sie zu zünden. Und es verfügt offenbar über das Wissen, sie zu bauen. Täglich werden neue Schwachstellen im Netz entdeckt. Und ausgenutzt. Die Datenautobahn muss dringend generalüberholt werden."

Hannoversche Allgemeine Zeitung: "Die Gefahr existiert überall und jederzeit, konkret und virtuell. Wenn die Terrormiliz 'Islamischer Staat' diese Botschaft aussenden wollte, dann ist ihr das mit der Cyberattacke auf die französische Sendergruppe TV5 Monde gelungen. Die Methoden ihres Kampfes reichen von archaisch bis modern - auch das lehrt dieser Angriff, der ein großes technologisches Know-how erfordert und großen Schaden angerichtet hat. Man hat es mit Profis zu tun, das rüttelt viele auf."

Mitteldeutsche Zeitung: "Der Cyberkrieg tritt damit in eine neue Phase ein. Schon im Januar, kurz nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo in Paris, hatten islamistische Hacker französische Webseiten heftig angegriffen. Der Chef des französischen Generalstabs für Internetsicherheit sprach damals von über 19.000 Attacken. Im Gegenzug hatte die Hackergruppe Anonymous hunderte IS-Accounts lahmgelegt und die interne Kommunikation der Terrorgruppe angegriffen. Ihre Botschaft war klar und erfreulich: Als Hacker, als Muslime, Christen und Juden setzen sie sich für Vielfalt und Toleranz ein. Das ist eine neue Form des gewaltfreien Engagements, die hilfreich und nötig ist. Doch ebenso dringlich erscheint nun, dass Frankreich, aber auch Deutschland in ihre Cyberverteidigung personell und finanziell investieren."

La Croix: "Das ist das erste Mal, dass eine solche Attacke gegen einen internationalen Fernsehsender gerichtet ist. Groß angelegt bestätigt dies wie terroristische Gruppen den Medienbereich nutzen bei ihrer Eroberungsstrategie. Seit einigen Monaten führt der Islamische Staat einen Krieg der Bilder, der in mindestens zwei verschiedene Richtungen zielt: die öffentliche Meinung, die die Organisation zu beängstigen, zu destabilisieren versucht; und potenzielle Rekruten, die begeistert werden sollen durch eine geschickt in Szene gesetzte Demonstration der Stärke."

(far/dpa)